Prof. Dr. rer. pol. Harald Dyckhoff: Zukunft vorausdenken

Dyckhoff_PortraitHerr Professor Dr. rer. pol. Harald Dyckhoff ist Lehrstuhlinhaber für Unternehmenstheorie, insbesondere nachhaltige Produktion und industrielles Controlling. Er gründete den Lehrstuhl in Hinblick auf die Erweiterung von Nachhaltigkeitsaspekten innerhalb der Wirtschaftswissenschaften, die bis dato nur unzureichend erforscht wurden. Dyckhoff forscht übergeordnet in den Gebieten der Produktions- und Entscheidungstheorie, nachhaltiger industrieller Wertschöpfung sowie Performance- und Effizienzmessung. Außerdem thematisiert er in seinen Lehrveranstaltungen auch nicht-wirtschaftliche Aspekte wie persönliche Moral und Verantwortungsethik im Bereich der Unternehmensführung. Jan Korr und Nina Lentzen haben für philou. mit ihm über Wachstumsmechanismen und ihre Grenzen gesprochen.


 philou.: Herr Prof. Dr. Dyckhoff, zu allererst eine definitorische Frage: Wie verstehen Sie die Begriffe Wachstum und Nachhaltigkeit? Glauben Sie, dass diese korrelieren können?

Dyckhoff: Der sächsische Forstwirt Hans Carl von Carlowitz hat 1713 in seinem Buch „Sylvicultura oeconomica“ den Begriff der Nachhaltigkeit eingeführt, nämlich „daß es eine continuirliche und nachhaltende Nutzung gebe, weil es eine unentbehrliche Sache ist“. Schon der Titel dieser Gründungs­schrift der modernen Forstwirtschaft benennt eine für die Betriebswirtschaftslehre (leider nicht für die Volkswirtschaftslehre) typische Sichtweise: Man kann auf Dauer nur von den Zinsen und nicht von dem Vermögen leben! Der Bestand einer „unentbehrlichen Sache“, wie der Wald auf den Kontinenten oder den Fisch­schwärme im Ozean, kann sogar zunehmen, wenn sie regenerierbar ist und man weniger als die „Zinsen“ für den menschlichen Konsum entnimmt. Derartiges Wirtschaften wäre demnach mit Wachstum vereinbar. Ein solchermaßen nachhaltiges Wirtschaftswachstum korreliert dann letztendlich mit der Wachstumsrate der unentbehrlichen natürlichen Ressource.

Auf dem „Raumschiff Erde“ ist allerdings jegliches materielle Wachstum begrenzt. Durch technologischen Fortschritt lassen sich diese „Grenzen des Wachstums“ immer mal wieder mehr oder minder hinausschieben, aber meist nur zu Lasten der Fauna und Flora unserer ökologischen Umwelt. Das starke wirtschaftliche Wachstum im 20. Jahrhundert bildet historisch eine ungewöhnliche Ausnahme, bedingt durch den, mittels technologischer Innovationen in großem Umfang, möglichen Abbau von Kohle, Öl und Gas innerhalb weniger Jahrzehnte, welche sich als fossile Primärenergieträger vor Jahrmillionen gebildet haben. Für solche erschöpfbaren Rohstoffe unterscheidet man die Konzepte der starken und der schwachen Nachhaltigkeit. Erstes verbietet die vollständige Ausbeutung „unentbehrlicher“ Rohstoffe gemäß einem Vorsichtsprinzip, während das zweite, optimistische Konzept auf ihre totale Substituierbarkeit durch künstliches Kapital mittels technischen Fortschritts vertraut.

philou.: Effizienz und Ressourcenoptimierung sind Grundbedingungen eines funktionierenden Wirtschaftswachstums. Inwieweit können nationale Unternehmen in einer globalisierten Weltwirtschaft diesen Grundbedingungen gerecht werden ohne nationale oder europäische Standards in Bereichen wie Ökologie- oder Lohnsektoren zu umgehen?

Dyckhoff: Insoweit wie ökologische und soziale Nachhaltigkeitsaspekte in weltweit gültige Regeln und Standards integriert und diese auch beachtet werden würden. Regelkonformes wirtschaftliches Verhalten nationaler Unternehmen wie auch multinationaler Konzerne würde automa­tisch nicht nur effizient und ressourcenoptimierend, sondern sogar nachhaltig sein. Die sogenannten externen (oder sozialen) Kosten von Produktion und Konsum werden dann nämlich von den verursachenden Wirtschafts­akteuren internalisiert und spiegeln sich in den Marktpreisen wider. Angesichts sozialer Dilemmata der nationalen und internationalen Politik, welche zu individuellem Trittbrettfahrerverhalten etlicher Akteure (insbesondere auch Nationen) führen, ist aber kaum zu erwarten, dass kollektiv wünschenswerte weltweite Regeln in absehbarer Zeit aufgestellt und durchgesetzt werden. Die Wirtschafts- und Unternehmensethik verpflichtet die Wirtschaftsakteure dann zu eigenverantwortlichem Handeln, welches über die Einhaltung bestehender Regeln (Legalität) hinaus auch Legitimität durch die moralische Abwägung konfligierender Interessen erfordert („Corporate Responsibility“).

philou.: Denken Sie, dass das Wirtschaftlichkeitsprinzip* ökologische Nachhaltigkeit in das Paradigma der Zweckrationalität implementieren kann?

Dyckhoff: Ja, falls, wie zuvor erläutert, alle relevanten Aspekte ökologischer Nachhaltigkeit in weltweite Regeln und Standards integriert sind, sodass über die Internalisierung der externen Kosten „die Preise die ökologische Wahrheit sagen.“ Andernfalls möchte ich hinsichtlich der Zweckrationalität auf deren Autor Max Weber selber verweisen. Er schreibt: „Zweckrational handelt, wer sein Handeln nach Zwecken, Mitteln und Nebenfolgen orientiert und dabei sowohl die Mittel gegen die Zwecke, wie die Zwecke gegen die Nebenfolgen, wie endlich auch die verschiedenen möglichen Zwecke gegeneinander rational abwägt.“ Was zweckrational ist, hängt somit davon ab, welche (wirtschaftlichen, ökologischen, sozialen oder sonstigen) Zwecke, Mittel und Nebenfolgen man als relevant erachtet!

philou.: Die Variablen sind in dieser Kosten-Leistung-Kalkulation also flexibel austauschbar und nicht zwangsläufig auf monetäre Rechnungsprozesse beschränkt.

Dyckhoff: Das traditionelle Wirtschaftlichkeitsprinzip stellt so gesehen nur denjenigen Spezialfall des Paradigmas der Zweckrationalität dar, bei dem lediglich wirtschaftliche Zwecke, Mittel und Nebenfolgen berücksichtigt werden.

philou.: Ausgehend von der 1972 erschienenen Studie „Die Grenzen des Wachstums“, welche vom Club of Rome** in Auftrag gegeben wurde, scheint die kontroverse Postwachstumsdebatte aktueller denn je. Wie bewerten Sie die Position des „Wachstumszwangs“ und seiner exponentiellen Ausrichtung?

Dyckhoff: Wenn es stimmt, dass unser aktuelles Finanz- und Bankensystem „Wachstum erzwingt“ oder, besser gesagt, nur bei Wachstum gut funktioniert, so sollte seine Konstruktion hinterfragt und an eine zukünftige Welt ohne exponentielles Wachstum angepasst werden. Eine konstante Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von g = 7%, wie in Deutschland zu Zeiten des „Wirtschaftswunders“, oder gar von g = 14%, wie etwa in China für zwei Jahrzehnte seit dem Ende des Kalten Kriegs, bedeutet eine Verdopplung des BIPs alle (70/g =) zehn bzw. fünf Jahre. Deshalb kann exponentielles Wachstum bei endlichen Kapazitäten allein aus mathematischen Gründen immer nur ein vorübergehendes Phänomen sein, etwa als Teil einer logistischen Kurve, deren Wachstumsrate am Ende gegen Null konvergiert (oder sogar negativ wird). Wem das nicht klar ist, dem empfehle ich das Video auf YouTube: The most important video you‘ll ever see.

philou.: Die RWTH Aachen University wirbt mit dem Leitspruch „Thinking the Future“. Wie sehen Sie die Rolle der Universitäten, insbesondere der RWTH, als „Denkfabrik“ einer Verbindung aus Wachstumskonzept und Nachhaltigkeitsdebatte?

Dyckhoff: Wenn angewandte Wissenschaft außer „wahrem“ auch „nützliches“ Wissen hervorbringen will, muss sie sich zwangsläufig mit der für Menschen relevanten Zukunft befassen, also die Zukunft vorausdenken (wobei man trotzdem aus der Vergangenheit und geeigneten Theorien lernen muss). Technische Universitäten, wie die RWTH mit ihren angewandten Disziplinen sollten nicht nur technologische, sondern darüber hinaus auch organisatorische, politische, gesellschaftliche und moralische Möglichkeiten und Zwänge einer zukünftigen nachhaltigen Entwicklung erforschen sowie deren Chancen und Risiken. Dringend nötig wäre es, ein neues Fach „Macroeconomics of Sustainability“ zu entwickeln, das es bislang leider nur in Ansätzen gibt.


*Wirtschaftlichkeitsprinzip: Ein ökonomisches Prinzip, in dem ein Ergebnis, wie zum Beispiel Gewinn, mit dem geringstmöglichen Einsatz von Mitteln den größtmöglichen Erfolg erreichen soll.

**Club of Rome: Ist eine Vereinigung von Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft und Politik. Er wurde 1968 von dem FIAT-Manager Aurelio Peccei und dem OECD-Generaldirektor Alexander King in Rom ins Leben gerufen, mit dem Ziel, sich für eine lebenswerte und nachhaltige Zukunft der Menschheit einzusetzen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.