Zukunft töten

Schon fast kunstvoll ist ihr graziler Körper über den Tisch drapiert. Wie eine Schlafende ruht sie auf dem Podest, die filigranen Glieder weit von sich gereckt. Ein schmales Beinchen baumelt an der Seite herunter. Zartes, weißes Tuch bedeckt die Reste dessen, was einst ihre Mitte war, hier und da glänzen Überreste der silbrigen Innereien. Kabel ragen überall hervor, rot, gelb, grün. Die fröhlichen Farben passen ganz und gar nicht zu der Stimmung, die im Raum herrscht.

Schluchzen und gedämpftes Gemurmel sind zu hören, die Anwesenden halten sich tröstend im Arm oder starren mit bleichen Gesichtern Löcher in die Luft. Diana hieß das Geschöpf, nach einer ermordeten Zoologin. Ein Mord, der nie aufgeklärt wurde.

Kommissarin Alma fühlt sich fehl am Platz.

Diana hat in den vergangenen Wochen für großen Aufruhr gesorgt – von ihren Schöpfern liebevoll als „menschliche Intelligenz“ bezeichnet, bezweifelte so manch einer, dass sie tatsächlich mehr war als ein gewöhnlicher KI-Roboter. Die RWTH, der das verantwortliche Forschungsinstitut angehört, versprach sich jedenfalls viel von ihr:

„Diana ist der Beweis dafür, dass wir Zukunft nicht nur denken, wie unser Motto behauptet, sondern dass wir sie auch leben!“, verkündete der Rektor Albert Schnabel stolz während einer Pressekonferenz.

Zukunft denken, Zukunft leben, Zukunft töten, führt Alma die Folgerung in ihren Gedanken zu Ende. Dazu ist es jetzt gekommen. Und da Diana „getötet“ wurde, bevor sich die Forschungswelt auf ein Urteil einigen konnte, hatte man das Ganze vorsichtshalber als Mord eingestuft – und nicht als Sachbeschädigung.

Eine der Mitarbeiterinnen wirkt besonders mitgenommen: Lisa Hermann, eine Promotionsstudentin. Sie ist auch diejenige, die das Unglück entdeckt hat. Alma beschließt, sie als erstes zu befragen. Lisa schluchzt herzzerreißend, Strähnen ihres blonden Haares kleben an ihren feuchten Wangen.

„Ich weiß wirklich nicht, wer so etwas Furchtbares tun würde. Wir haben Diana alle geliebt.“ Sie schnieft leise. „Einige von uns haben praktisch im Büro gelebt. Ich muss regelmäßig nach meinem Krümel sehen, wissen Sie, er ist noch ein Welpe, darum bin ich nie zu lange geblieben. Aber mein Kollege Conrad hat sogar im Büro übernachtet, um Diana so intensiv wie möglich betreuen zu können. Besonders wenn sie so jung sind, ist es wichtig, ihnen genug Aufmerksamkeit zu geben, wissen Sie?“ Lisa putzt sich lautstark die Nase, dann hält sie plötzlich inne. „Naja, seine Frau Klara fand das sicher nicht so toll, dass er so viel gearbeitet hat. Sie ist nicht an dem Projekt beteiligt, da kann es schwer sein, zu verstehen, wie viel Arbeit das ist.“

Alma tauscht einen Blick mit ihren Kollegen. Ist das etwa ein Motiv für die Tat? Eifersucht?

Doch Klara Liebig macht nicht den Eindruck einer Mörderin.

„Mein Mann Conrad hat alles für das Projekt gegeben, das ist richtig. Tagelang kam er nicht nach Hause! Ich war manchmal schon fast eifersüchtig auf Diana, weil sie so viel mehr von ihm hatte als ich. Aber so ist das eben, die Forschung ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Diana war wie eine Tochter für ihn, und damit auch für mich.“ Sie lächelt melancholisch. „Ich war sogar dabei, als sie ihr erstes Wort sprach. Hallo Welt hat sie gesagt, und hatte danach wochenlang diesen süßen Bug, dass alle Leute Welt genannt wurden. Hallo Welt, wie geht es dir, Welt? Möchtest du einen Kaffee, Welt? Entschuldige Welt, ich muss mich jetzt aufladen gehen.“ Klara seufzt. „Ich kann gar nicht glauben, dass sie nicht mehr da ist.“ Sie schüttelt traurig den Kopf.

Auch ihr Ehemann Conrad, ein Assistenzwissenschaftler, ist ratlos.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand Diana Schaden zufügen wollen würde! Sie war unser kleines Wunder. Auch ihre Kritiker würden ihr nichts antun wollen – sie wollten schließlich unsere Theorie widerlegen, und wie sollten sie das ohne Diana tun? Mit Dianas Tod haben beide Seiten verloren.“

„Ihr habt die Schöpfung von Diana bestimmt ausführlich protokolliert. Könnt ihr nicht einfach eine neue Diana erschaffen?“

Conrad schüttelt bedauernd den Kopf. „Das ist wie bei einem Menschen: Wir können zwar ihre maschinelle Grundlage neu bauen und programmieren, aber das System, auf dem ihre Persönlichkeit basiert, ist selbstlernend. Wenn ein Mensch verstirbt, kann man auch einen neuen erschaffen – aber der individuelle Erfahrungsschatz des Verstorbenen ist für immer verloren, und damit auch seine Persönlichkeit. Wir werden niemals eine zweite Diana schaffen. Eine zweite menschliche Intelligenz – vielleicht, das wird sich zeigen. Aber keine Diana.“

Alma will sich gerade dem nächsten Mitarbeiter zuwenden, als gedämpftes Winseln zu hören ist, dann ein Bellen. Alma spitzt ihre Ohren. Ist das etwa ein Hund? Sie lässt ihren Blick auf der Suche nach der Geräuschquelle durch den Raum wandern.

Lisa Hermann ist plötzlich noch blasser als zuvor.

Alma muss insgeheim schmunzeln.

Ein ungewöhnlicher Mordfall erfordert wohl einen ungewöhnlichen Mörder.

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