Nachts schlafen die Schmetterlinge

Wir träumen dahin und haben schon bald den ersten Hügel erklommen. Im Tal danach fließt ein kleiner Bach und hundert Schmetterlinge flattern um die Uferblumen, rüsseln den süßen Nektar. In Deutschland sieht man immer weniger Schmetterlinge, dabei will ich doch, dass meine Kinder Schmetterlinge kennen.

 

Nachts schlafen Schmetterlinge.

 

Auf einer Wiese machen wir die lang ersehnte Mittagspause. Kurz danach haben wir den Anstieg fürs erste geschafft und laufen nun entlang der Bergflanke. Die Seite des Berges, auf der wir laufen, zeigt nach Nord-Westen und bekommt so kaum Sonne ab. Die Vegetation erinnert an einen Regenwald: Nasse Erde, Felsen, an denen Wasser herunterrinnt und tropft, darauf Moos und Farngewächse. Einige Bäume sind komplett von Flechten eingenommen, die nun geisterhaft die Äste schmücken und sich im Wind wiegen. Sobald wir um die Kurve sind und der nächste Hang der Sonne zugewandt ist, ändert sich die Landschaft komplett: Dunkelgrüne Sträucher auf braun-staubigem Boden, beige-rosé oder pink-violette Tupfen als Blüten. Den Hang weiter hinauf liegt eine Grassteppe – dicke Büschel vergilbtes, vergoldetes Gras. Hinter der nächsten Biegung wartet ein kleiner Wasserfall, an dem wir unsere Flaschen füllen können. Kurz darauf sollte eigentlich ein Weg hochführen, und es gibt auch einen kleinen Trampelpfad – aber anders als auf der Karte eingezeichnet. Naja, es bleibt uns nicht so viel anderes übrig und so folgen wir dem kleinen Pfad hoch. Durch einen Nadelwald steigen wir hinauf, bis die Sonne durch das Geäst bricht.

 

Der Morgen bricht kalt über uns hinein. Wir verliegen noch einige Zeit, bis die Sonne ihre Fühler in die kleine Schlucht ausstreckt. Abbauen und dann weiter. Fahrtenleben. Nach einigen Schritten kommt Wärme in die kalten Glieder. Vor uns liegt ein Berggipfel, den Rücken mit dichtem Gras bewachsen, dazwischen Steine und Felsen. In Serpentinen gehen wir ein steiles Stück hinauf und dann am Hang entlang. Unser Weg kreuzt eine Wiese, auf der kräftige Ponystuten stehen, in ihrer Mitte einige Fohlen. Eines ist weiß und kastanienbraun gescheckt und das Fell liegt in Locken an, auch der Schweif und die Mähne sind gewellt. Es springt scheu vom Weg und der Mutter hinterher. Den Weg weiter hinauf kommen wir in eine Schafsherde, weiße Punkte grasen das stachlige Gras ab. Weiter oben steht ein Schäfer am Hang, ein Hund springt um ihn herum. Am Hang wachsen letzte Blaubeeren, die wir probieren. Lila Finger greifen nach dem Glück. Über den Bergkamm gehen wir weiter. Links von uns Spanien, rechts Frankreich. Weiße Steine markieren die Grenze. Die Berge in Spanien sind steiler und felsiger, liegen in dunklen Falten unterm Himmel. Auf der französischen Seite sehen die Berge aus wie Samt, achtlos in eine Ecke geworfen, abgenutzt und matt. In satten, warmen Farben strahlt das Gras weich. Auf dem Gipfel machen wir Bekanntschaft mit einer Hummel. In den großen Facettenaugen tiefe Schwärze. Beim Abstieg werden die Beine leichter, die Füße schneller. Die Erde ist schwarz, wie versengt von einem nicht dagewesenen Feuer. Tiefgraue Steine bedecken große Teile der Erde, schiefrig, aber mit rot-glitzernden oder regenbogenfarbenen Einzügen. Über uns kreisen Vögel, Milane vielleicht, in langen, glatten Flügelschlägen. Eine große Feder ist zu Boden gesegelt und liegt verloren im Gras. Vor uns hüpft eine Herde Steingeiße und -böcke über die Weite. Ein neugieriges Zicklein bildet den Schluss der Herde. Alles wirkt so perfekt und friedlich, so, als wäre es schon immer so gewesen, als müsste es für immer so sein. In solchen Momenten kann ich beinahe vergessen, welch zerstörerische Kraft der Mensch hat. Die Welle bricht und stürzt hinab, die Natur kann nicht immer stärker sein. Eine tiefe Zerrissenheit durchfährt mich.

 

Über der Kletterwand sitzen, beide Beine baumelnd, Kaffee und Kippe in der Hand. Mit Tassen in der Hand klettern wir einen Felsspalt hoch, barfuß, ohne Seil, vorbei an den angegurteten Kletter_innen. Der Körper wurde schwer und verschwamm, der Geist wurde herrlich leicht und beinahe schwebend. Ein Abend in Freiheit unter dem schwarzen Himmel, die Augen auf dem lodernden Licht. Der Tag entgleitet in Schatten.

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