Konzepte von Freiheit

Wenn wir über Freiheit reden, haben die meisten vermutlich grundsätzlich ähnliche Vorstellungen davon, was „Freiheit“ bedeutet. Um aber tiefer in entsprechende Diskussionen einzusteigen, ist es hilfreich, sich vor Augen zu führen, wie große Denker*innen in der Vergangenheit Freiheit verstanden. In der folgenden Darstellung werden daher vier verschiedene Freiheitsvorstellung erläutert.

Kategorischer Imperativ

Immanuel Kant (1724-1804)

Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest

Kant 1785: BA 67

Eine der berühmten Formulierungen des Kategorischen Imperativs beschreibt ein elementares Konzept von Freiheit, wenn es um das gesellschaftliche Zusammenleben geht: Die individuelle Freiheit des_der Einzelnen darf niemals so weit gehen, dass sie die Freiheit eines anderen Individuums einschränkt. Ein Verstoß gegen den Kategorischen Imperativ würde zur Verdinglichung des Menschen führen und ihm somit die Freiheit als eigenständiges Subjekt absprechen. (vgl. Döring 2004)

Positive und negative Freiheit

Isaiah Berlin (1909–1997)

Konzepte von positiver und negativer Freiheit finden sich bei vielen Theoretiker_innen wieder, mit jeweils variierenden Definitionen. Im Rahmen einer allgemeinen Definition kann von negativer Freiheit als die „Abwesenheit […] äußerer Zwänge“ (Lenz/Ruchlak 2001a: 67) gesprochen werden. Positive Freiheit hingegen kann als „unter anderem durch Gesellschaft und Staat […] geschaffene[n] Bedingungen“ (Lenz/Ruchlak 2001a: 67) zur Selbstverwirklichung definiert werden. 

Eine ergänzende, interessante Perspektive auf dieses Konzept legte der politische Philosoph Isaiah Berlin vor. Berlin verstand negative Freiheit als Wert an sich (vgl. Puttermann 2006). Positive Freiheit hingegen, so war Berlin der Ansicht, stelle nur ein Mittel dar, durch dessen Existenz andere Ziele erreicht werden könnten. So könnte beispielsweise ‚Gerechtigkeit‘ als eines dieser Ziele gedacht werden, welches allerdings nur durch Institutionen oder Gesetze erreicht werden kann, die an anderer Stelle eventuell einengend wirken. Da also das Erreichen keiner dieser Zwecke ohne Gegenleistung erfolge, folgte für ihn, dass positive Freiheit effektiv zu einem Verlust an Freiheit führen würde. Für Berlin handelt es sich bei positiver und negativer Freiheit daher um zwei rivalisierende Formen von Freiheit. (vgl. Puttermann 2006)

Liberalismus

John Stuart Mill (1806–1873)

Der Liberalismus „basiert auf der Auffassung, dass das Individuum ein von der gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung unabhängiges Recht auf Selbstbestimmung“ (Lenz/Ruchlak 2001b: 128) hat. Aus diesem Grundprinzip des Liberalismus lassen sich verschiedene andere Freiheiten ableiten, wie z.B. die Glaubensfreiheit. (vgl. Lenz/Ruchlak 2001b) Einen wichtigen Beitrag zum Liberalismus stellt John Stuart Mills Schrift „Über die Freiheit“ dar. Mill sieht das Ziel des Liberalismus jedoch nicht in einer Gesellschaft, die aus isolierten Einzelnen besteht, welche sich nur um sich selbst kümmern, sondern in einer Gemeinschaft aus hilfsbereiten, gegenseitig interessierten und souveränen Individuen. (vgl. Schefczyk/Schramme 2015)

Ästhetik

Friedrich Schiller (1759–1805)

Diese hohe Gleichmütigkeit und Freiheit des Geistes, mit Kraft und Rüstigkeit verbunden, ist die Stimmung, in der uns ein echtes Kunstwerk entlassen soll [...]

Schiller 1795: 358

In seiner Abhandlung „Über die Ästhetische Erziehung des Menschen“ beschreibt Schiller die Idee, den Menschen durch Kunst zu Moralität und Freiheit zu erziehen. Durch den Umgang mit schöner Kunst werde der Mensch zur Freiheit und zum vernünftigen moralischen Handeln befähigt. Für Schiller durchdringen sich im Kunstwerk Materie und Form, Sinnlichkeit und Geistigkeit und bilden ein harmonisches Gleichgewicht. In dieser Ausgewogenheit sieht Schiller einen Appellcharakter für den Betrachtenden, um sich gleichfalls in eine sinnlich-geistige Einheit verwandeln zu können. Das „Spiel“ (ebd.: 335) mit dem Schönen erzeugt also ein Gleichgewicht von Sinnlichkeit und Vernunft, naturhafter Neigung und moralischer Pflicht. (vgl. Fenner 2013)

Literatur

Döring, E. (2004): Immanuel Kant. Eine Einführung. Wiesbaden: Marix Verlag.

Fenner, D. (2013): Was kann und darf Kunst? Ein ethischer Grundriss. Frankfurt et al.: Campus Verlag.

Kant, I. (1785): Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. In: Weischedel, W. (Hg.): Immanuel Kant. Kritik der praktischen Vernunft. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. 9. Auflage 2017. S. 11–102.

Lenz, C.; Ruchlak, N. (2001a): Freiheit. In: Lenz, C.; Ruchlak, N. (Hg.): Kleines Politik-Lexikon. Lehr- und Handbücher der Politikwissenschaft. München et al.: Oldenbourg Verlag. S. 67.

Lenz, C.; Ruchlak, N. (2001b): Liberalismus. In: Lenz, C.; Ruchlak, N. (Hg.): Kleines Politik-Lexikon. Lehr- und Handbücher der Politikwissenschaft. München et al.: Oldenbourg Verlag. S. 128–129.

Putterman, T. L. (2006): Berlin’s Two Concepts of Liberty: a Reassessment and Revision. In: Polity, 38(3). S. 416–447.

Schefczyk, M.; Schramme, T. (2015): John Stuart Mill. Über die Freiheit. Berlin et al.: De Gruyter. 

Schiller, F. (1795): Über die ästhetische Erziehung des Menschen. In: Netolitzky, R. (Hg.): Friedrich Schiller. Gesammelte Werke in fünf bänden. Bd.5: Schriften zur Kunst und Philosophie. Gütersloh: Bertelsmann 1955. S. 287–391.

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