Genug ist genug – Die Grenzen unserer (Um)Welt

Im August 2021 veröffentlichte der Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) den sechsten Sachstandsbericht zur Lage des Klimas. Das erste Kapitel des Berichts thematisiert unter anderem die physikalische Wissenschaft des Klimawandels auf Basis fünf verschiedener Klimaszenarien. In einem der Szenarien sind die Umweltschutzmaßnahmen unzureichend und die CO2-Emissionen steigen im Laufe des Jahrhunderts weiter an. Die Temperaturen liegen im Jahr 2100 bei 3,6 °C über dem vorindustriellen Wert. Infolgedessen werden Dürren wie auch Überschwemmungen häufiger und intensiver, das arktische Sommereis verschwindet und Hitzewellen kommen bis zu vierzigmal häufiger vor. (vgl. IPCC 2021)

Betrachtet man unabhängig von den fünf Klimaszenarien des IPCC die Zukunft der Erde bei Fortsetzung der bisherigen ökonomischen Entwicklung und Überschreitung ökologischer Grenzen, so kommt es anstelle der gesellschaftlich angestrebten Wohlstandsmehrung zu einer drastischen Minderung der Lebensqualität (vgl. Müller 2015). Auch wenn die Diskurse um Nachhaltigkeit und Klimaschutz zunehmen, ist es in der alltäglichen Realität jedoch häufig schwierig einzuordnen, was tatsächlich nachhaltig und umweltschonend ist und was nicht. Die Unzufriedenheit mit den verantwortlichen Akteuren, die großen Einfluss auf den Zustand der Umwelt nehmen, nimmt einer Umfrage des Umweltbundesamtes (2019) zufolge zu. Im Rahmen der Umfrage sind nur 8 % der deutschen Bevölkerung der Meinung, dass die Industrie genug für den Umwelt- und Klimaschutz tut (vgl. UBA 2019). Im Alltag finden sich zwar eine Vielzahl von Siegeln, Zertifikaten und grünen Verpackungen, doch die tatsächlichen Umweltauswirkungen der Produkte bleiben unbekannt. Es fehlt der Bezug zu den limitierenden Faktoren der Umwelt, also den Faktoren, die erheblichen Einfluss auf das Erdsystem und dessen Funktionsfähigkeit haben. Denn diese sind notwendige Mittel, wenn es um Umweltschutz und entsprechend wirksame und wissenschaftlich sinnvolle Maßnahmen geht. (vgl. Müller et al. 2017)

Es gibt eine Reihe solcher Grenzen, die den komplexen Zustand der Umwelt veranschaulichen und beurteilen. Diese Belastbarkeitsgrenzen definieren den sicheren Handlungsspielraum für die Menschheit in Bezug auf das Erdsystem. Rockström et al. (2009) haben die Erdsystemprozesse und die damit verbundenen Schwellenwerte identifiziert, deren Überschreitung zu inakzeptablen Umweltveränderungen führen könnten. Die meisten dieser Schwellenwerte können durch einen kritischen Wert („Tipping Point“) definiert werden. Grundsätzlich wird zwischen einem handlungssicheren Spielraum (siehe Abb. 1 dunkelgrüner Bereich), einem erhöhten Risiko (hellgrüner Bereich) und einem hohen Risiko (lilafarbener Bereich) unterschieden.

Diese planetaren Grenzen beruhen auf einem konservativen und risikoaversen Ansatz. Das bedeutet, dass sie risikoscheu ausgelegt sind und auf eher pessimistischen Prognosen beruhen. Das gibt der Gesellschaft prinzipiell Zeit, auf Warnzeichen zu reagieren, die darauf hindeuten, dass sie sich einem Tipping Point nähert und möglicherweise eine abrupte Veränderung des Erdsystems bevorsteht (vgl. Steffens et al. 2015). Es werden auch die Unsicherheit und unvorhersehbaren Veränderungen der Umwelt berücksichtigt (vgl. Rockström et al. 2009).

Die folgenden neun Prozesse werden im Konzept der planetaren Belastbarkeitsgrenzen berücksichtigt:

  • Klimawandel
  • Intaktheit der Biosphäre (Funktionale- und Genetische Vielfalt)
  • Biogeochemische Flüsse (Stickstoff- und Phosphorkreislauf)
  • Ozonverlust in der Stratosphäre
  • Neue Substanzen und modifizierte Lebensformen
  • Süßwassernutzung
  • Landnutzungswandel
  • Versauerung der Meere
  • Aerosolgehalt der Atmosphäre

Die Annäherung an eine der neun Grenzen erhöht das Risiko, Tipping Points zu überschreiten, was zur Instabilität der Erdsysteme und zu irreversiblen globalen Umweltveränderungen führt. Aus Abbildung 1 geht hervor, dass für drei der Werte noch keine Risikobeurteilung stattgefunden hat: Für den Aerosolgehalt der Atmosphäre, neue Substanzen und modifizierte Lebensformen sowie die funktionale Vielfalt konnten bisher keine Tipping Points quantifiziert werden. Diese Prozesse haben dennoch erheblichen Einfluss auf das Erdsystem und sind daher Teil des Modells (vgl. Steffens et al. 2015). Zwei der neun planetaren Grenzen wurden bereits überschritten und sollen im Folgenden näher erläutert werden (vgl. Rockström et al. 2009).

Rückgang der biologischen Vielfalt (auf dem Land und im Meer)

Das Artensterben ist ein natürlicher und evolutionsbedingter Prozess, der auch ohne menschliches Zutun stattfinden würde. Allerdings hat sich der Verlust der biologischen Vielfalt erheblich beschleunigt. Arten sterben in einem Ausmaß aus, wie es seit dem globalen Massenaussterben der Dinosaurier nicht mehr zu beobachten war. Die Rate des Artensterbens liegt schätzungsweise 100 bis 1.000-mal über dem Wert, der als natürlich angesehen werden kann.

Wie beim Klimawandel sind auch hier menschliche Aktivitäten die Hauptursache für die Beschleunigung. Daher wird der mit dem Artensterben einhergehende Verlust der genetischen Vielfalt der Hochrisikozone zugeordnet.

Störung des Stickstoff- und Phosphorkreislaufs

Die zusätzlichen Mengen an Stickstoff und Phosphor, die durch den Menschen freigesetzt werden, sind inzwischen so groß, dass sie die globalen Zyklen dieser beiden Elemente erheblich stören (vgl. Mackenzie 2002). Die Herstellung von Düngemitteln für die Nahrungsmittelproduktion und der Anbau von Hülsenfrüchten wandeln jährlich etwa 120 Millionen Tonnen Stickstoff aus der Atmosphäre in reaktive Formen um. Diese belasten das Klima, die Luftqualität sowie die Biodiversität erheblich. Der durch den Menschen verursachte Ausstoß ist höher als der aller natürlichen Prozesse der Erde zusammen. (vgl. Rockström et al. 2009)

Abbildung 1: Planetare Belastbarkeitsgrenzen (angepasst nach Rockström et al. 2009)

Wiederkehrende Diskurse in der Politik sowie in der Gesellschaft bemessen dem Klimawandel eine besondere Bedeutung zu. Daher wird im Folgenden die planetare Grenze für den Klimawandel und die dafür herangezogenen Werte näher erläutert. Der Klimawandel wird zwar noch nicht der Hochrisikozone zugeteilt, die unbedenklichen Grenzwerte wurden allerdings durchaus überschritten. Dementsprechend liegt der Prozess in der gelben Zone der Unsicherheit und des erhöhten Risikos.

Klimawandel

Anhand zweier unterschiedlicher Zustände des Klimasystems wird der Klimawandel betrachtet. Zum einen die atmosphärische Kohlendioxidkonzentration, deren Unsicherheitszone zwischen 350 – 450 parts per million by volume (p.p.m.v.) liegt. Die derzeitige CO2-Konzentration liegt bei 412 p.p.m.v. (vgl. UBA 2021). Des Weiteren wird die Rate der Energieänderung pro Flächeneinheit des Globus berücksichtigt. Dabei soll der Wert nicht mehr als +1 Watt pro Quadratmeter ) über dem vorindustriellen Niveau liegen. Der aktuelle Wert liegt bei +2,3  gegenüber dem Jahr 1750 (vgl. Steffens et al. 2015).

Das Überschreiten bzw. die Annäherung an diese Grenzwerte erhöht unter anderem das Risiko für den Verlust großer Eisschilde, einen beschleunigten Anstieg des Meeresspiegels und Veränderungen der Wald- und Agrarsysteme (vgl. Rockström et al. 2009). Steffens et al. (2015) veröffentlichten eine Überarbeitung und Ergänzung zum System der planetaren Grenzen, woraus hervorgeht, dass bereits eine Zunahme der Intensität, Häufigkeit und Dauer von Hitzewellen weltweit zu beobachten ist. Darüber hinaus nimmt die Zahl der Starkregenereignisse in vielen Regionen der Welt zu. Ebenso steigt der Massenverlust des grönländischen und antarktischen Eisschilds an.

Unser Umweltsystem bewegt sich also an seiner Belastungsgrenze. Trotz des offensichtlichen Notstandes sind die Umweltschutzmaßnahmen unzureichend. Die planetaren Grenzen ermöglichen eine wissenschaftlich fundierte Analyse des Risikos, das menschliches Handeln auf der planetaren Skala zu einem definierten Zeitpunkt hervorruft. (vgl. Steffens et al. 2015) Sie schreiben hingegen nicht vor, wie Gesellschaften auf die dargelegten Risiken reagieren sollten. Dies bleibt eine politische Entscheidung, die auch die ethischen Dimensionen, einschließlich sozialer Gerechtigkeit, miteinbinden müssen, die im Zuge dieser klimawissenschaftlichen Ausarbeitung nicht berücksichtigt wurden. Nichtsdestotrotz leistet das Konzept der planetaren Belastbarkeitsgrenzen einen wertvollen Beitrag für Entscheidungsträger, indem es einen sicheren Handlungsspielraum für die Menschheit auf der Erde aufzeigt. (vgl. ebd.)

Die Einhaltung der planetaren Grenzen wurde 2016 im Integrierten Umweltprogramm 2030 des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit als zentrale Herausforderung der Umweltpolitik festgelegt (vgl. BMU 2021). Diese politische Einbindung entspricht einem ersten Erfolg.

Die planetaren Grenzen bieten auch eine Chance für die Wirtschaft und den Privatsektor, sich konkret mit den eigenen Handlungsfolgen auseinanderzusetzen und diesen entgegenzuwirken. Auf der „Making the Planetary Boundaries Concept Work“ Konferenz in Berlin (2017) wurde darauf aufmerksam gemacht, dass die Umsetzung des Planetary-Boundaries-Konzepts auch einen Mehrwert für Unternehmen mit sich bringt. Die planetaren Grenzen können von Unternehmen als Narrativ genutzt werden, wodurch ein Anreiz zum nachhaltigen Wirtschaften geschaffen werden kann. Dem Kunden wird beispielsweise vermittelt, dass das Unternehmen die eigenen Wertevorstellungen teilt und Rücksicht auf Umweltverträglichkeit nimmt. Darüber hinaus bringt das Konzept Transparenz und Konsumentenvertrauen mit sich. Unternehmen und Produkte in Bezug zu den Belastungsgrenzen zu setzen, macht die Umweltbelastungen konkret und vergleichbar. (vgl. Keppner 2017)

Die Diskussionen um Siegel und Verpackungen erscheinen im globalen Kontext marginal. Viel mehr gilt es, sich auf wissenschaftliche Fakten zu berufen und die Überschreitung der Grenzwerte zu verhindern. Umweltschutz bleibt ein emotionales und komplexes Thema in ständigem Diskurs. Doch um effektiv den Planeten zu schützen, müssen wissenschaftliche Konzepte wie die planetaren Belastbarkeitsgrenzen umgesetzt werden.

Literatur

Bundesministerium für Umwelt Naturschutz und nukleare Sicherheit (2021): Planetare Belastbarkeitsgrenzen. Online verfügbar unter: (https://www.bmu.de/themen/nachhaltigkeit-digitalisierung/nachhaltigkeit/integriertes-umweltprogramm-2030/planetare-belastbarkeitsgrenzen [Zugriff: 18.11.2021].

Intergovernmental Panel on Climate Change (2021): The Physical Science Basis. Contribution of Working Group I to the Sixth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change. Cambridge University Press.

Keppner, B.; Weiss, D.; Kahlborn, W. (2017): Planetary Boundaries. In: Ökologisches Wirtschaften (2). Berlin: Oekom Verlag. S. 11–13.

Mackenzie, F. T; Vera, L.; Lerman, A. (2002): Century-scale nitrogen and phosphorus controls of the carbon cycle. In: Chemical Geology, 190(1–4). S. 13–32.

Müller, C. (2015): Nachhaltige Ökonomie: Ziele, Herausforderungen und Lösungswege. Berlin, München, Boston: De Gruyter Oldenbourg.

Müller, M.; Niebert, K. (2017): Verantwortung im Anthropozän. In: Michelsen, G. (Hg.): Die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie. Wegweiser für eine Politik der Nachhaltigkeit. Wiesbaden: Hessische Landeszentrale für politische Bildung.

Rockström, J.; Steffen, W.; Noone, K.; Persson, Å.; Chapin, F. S.; Lambin, E.; Lenton, T. M.; Scheffer, M.; Folke, C.; Schellnhuber, H.; Nykvist, B.; De Wit, C. A.; Hughes, T.; van der Leeuw, S.; Rodhe, H.; Sörlin, S.; Snyder, P. K.; Costanza, R.; Svedin, U.; Falkenmark, M.; Karlberg, L.; Corell, R. W.; Fabry, V. J.; Hansen, J.; Walker, B.; Liverman, D.; Richardson, K.; Crutzen, P.; Foley, J. (2009): Planetary boundaries: exploring the safe operating space for humanity. In: Ecology and Society, 14(2). S. 32.

Steffen, W.; Richardson, K.; Rockström, J.; Cornell S. E.; Fetzer, I.; Bennett, E. M.; Biggs, R.;1 Carpenter, S.; de Vries,W.; de Wit, C.; Folke, C.; Gerten, D.; Heinke, J.; Mace, G. M.; Persson, L. M.; Ramanathan, V.; Reyers, B.; Sörlin, S. (2015): Planetary Boundaries: Guiding Human Development on a Changing Planet. In: Science, 347(6223).

Umweltbundesamt (2019): Umweltbewusstsein in Deutschland 2018. Online verfügbar unter: https://www.umweltbundesamt.de/bild/alle-muessen-mehr-tun-die-zufriedenheit [Zugriff: 18.11.2021].

Umweltbundesamt (2021): Atmosphärische Treibhausgas-Konzentrationen. Online verfügbar unter: https://www.umweltbundesamt.de/daten/klima/atmosphaerische-treibhausgas-konzentrationen#kohlendioxid- [Zugriff: 20.11.2021].

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