Freiheit hinter der Grenze – Flucht aus Nazideutschland

Heute sind die Grenzen zwischen Belgien, Deutschland und den Niederlanden kaum noch wahrnehmbar. Im Herbst 2021 wurden zwei weitere Gedenktafeln des Projektes der VHS Aachen „Wege gegen das Vergessen“ an der Grenze zu Vaals und bei Köpfchen enthüllt. Das Projekt erinnert an die Opfer der NS-Diktatur in Aachen, die beiden neuen Gedenktafeln an die Rolle der Grenze bei der Flucht von Verfolgten aus Nazideutschland. Zu ihnen gehörten Alex Matthes aus Brand und Familie Voss aus Aachen. Bruno Keus berichtete über das Leben von Alex Matthes (Keus 1995), stellte Kontakte zu ihm her. Fred Voss veröffentlichte eine Biografie über sein Schicksal und über die Geschichte seiner Familie (Voss 2005), gab über viele Jahre hinweg als Gesprächs- und Briefpartner umfassende Einblicke in das Leben in Aachen zur Nazizeit. Diese und weitere Gespräche mit Zeitzeug_innen, die früher in Aachen lebten, zeigen, welche Bedeutung die Grenzen für sie hatten: Freiheit.

Alex Matthes

„Mach, dass Du über die Grenze kommst!“. So ein Bekannter zu Alex Matthes (1911–2006), als dieser am 10.11.1938 von Brand nach Aachen gefahren war und schon an der Heinrichsallee eine große Menschenmenge sah. Aus Richtung der Synagoge stieg Qualm auf: Nazis hatten in der Nacht vom 9./10.11.1938 die Aachener Synagoge in Brand gesteckt. Als Alex Matthes nach Hause zurückkommt, wird er einige Zeit später von der Polizei mitgenommen und kurz darauf von Aachen ins KZ Buchenwald verschleppt. Die Gefangenen werden dort in ungeheizte Baracken gesteckt, menschenunwürdig behandelt. Oft mussten die Verschleppten stundenlang bei eisiger Kälte zum Appell stehen. Nach seiner Entlassung flieht er mit seiner Schwester und dem Schwager nach Belgien, ein belgischer Fluchthelfer verlangte pro Person 500 RM. Hier sind sie in Freiheit, ohne Verfolgung in Sicherheit, eine Freiheit allerdings nur auf Zeit. ­Nach dem deutschen Überfall 1940 werden seine Schwester und sein Schwager in einem Lager nahe der französischen Grenze interniert, am 25.8.1942 von den Nazis von Mechelen nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Die Eltern und der jüngere Bruder Erich bleiben zunächst in Brand, bis sie 1942 nach Izbica verschleppt und wahrscheinlich in Sobibor ermordet werden.

Alex Matthes kommt über verschiedene Internierungslager schließlich nach Südfrankreich. Über die Jewish Agency geht die Flucht des mittellosen Alex Matthes vor den Nazis weiter nach Nordafrika und in die Dominikanische Republik, hier endgültig dem Einflussbereich der Nazis entkommen. Die Dominikanische Republik ist allerdings nicht sein Traumziel, Hoffnung sind die USA. Erst 1946 gelingt es ihm, in die USA zu kommen. Hier lernt er seine Frau, ebenfalls eine Deutsche, kennen. Auch sie war aus Deutschland geflohen, über die Niederlande in die USA. In Philadelphia kann er als Bäcker und Konditor arbeiten, baut sich eine neue Existenz in Freiheit und Sicherheit auf. Die Nazis haben Alex Matthes alles genommen, die Eltern, seine Geschwister und seinen Schwager, Verwandte, Freunde, Heimat, Existenz und Elternhaus; sie zerstörten seine Wurzeln. Wie viele Vertriebene hatte er die Absicht, nie mehr nach Deutschland zu kommen, nimmt aber letztendlich eine Einladung aus Brand an. In einem Gespräch mit Studierenden der RWTH Aachen wies er darauf hin, dass er Probleme mit der deutschen Sprache habe, die er schließlich sehr lange nicht mehr gesprochen habe. Brander Platt allerdings wäre kein Problem.

Familie Voss

„Was macht Ihr denn hier?“. So ein Nachbarjunge, als er einen Möbelwagen in Aachen an der Burtscheider Straße 32 stehen sieht und beobachtet, wie Julius Voss (1884–1975) Hausrat in den Möbelwagen trägt. Ein sogenannter „Lift“ wird vorbereitet für den Hausrattransport über Hamburg in die USA, der dort allerdings nie ankommt. Sein Sohn Fred Voss (1920–2019) vermutet später in einem Interview, dass die Gestapo den Hausrat schon im Möbellager in Aachen beschlagnahmte. Julius Voss reagiert unwirsch, er hat andere Sorgen, als dem Nachbarjungen die Frage zu beantworten. Er bereitet ihre Flucht, eine „legale Ausreise“, in Wahrheit eine „Rauswanderung“ aus Deutschland, vor.

In der Nacht vom 9./10.11.1938 hatten Nazis das Geschäft der Familie und ihre Wohnung verwüstet, ihn kurz darauf nach Buchenwald ins KZ verschleppt. Erst als seine Frau Else belegen kann, dass sie Tickets nach Shanghai besorgt hat, wird Julius Voss aus dem KZ entlassen. Und sofort bereitet sich Familie Voss vor, Deutschland zu verlassen. Visa müssen organisiert werden, das Haus wird an einen Aachener Nazi zu einem Spottpreis „verkauft“. Über Belgien und Großbritannien gelangt schließlich die Familie noch kurz vor Kriegsausbruch in die USA. Julius und Else Voss kehren nie mehr nach Aachen zurück, der Sohn Fred zum ersten Mal kurz nach der Befreiung als US-Soldat. Sein Elternhaus ist durch den Bombenkrieg zerstört, seine neue Heimat sind die USA geworden. Hier kann er schließlich nach dem Krieg auch Ilse Machauf aus Wien heiraten, die er in London 1940 kennengelernt hatte. Sie war 1939 mit ihrer Mutter aus Wien geflohen, Vater und Bruder sollten folgen, doch der Kriegsausbruch verhinderte die Flucht. Beide werden von den Nazis in Polen ermordet. Ilse und Fred Voss besuchten bis ins hohe Alter immer wieder Europa, auch Aachen. „Amerika war wunderbar zu uns!“, so Fred Voss in einem Interview über seine neue Heimat.

Nach seinen eigenen Erfahrungen in Deutschland mit Diskriminierung und Hass, die er auch in den USA der afroamerikanischen Bevölkerung gegenüber erlebte, sah er es als Aufgabe an, sich dagegen zu engagieren. Er wirkte als Zeitzeuge an Schulen, Universitäten und in Kirchengemeinden für Toleranz und Aufklärung. Auch in Deutschland war er Zeitzeuge, zuletzt half er noch 2018 Studierenden der RWTH Aachen bei ihrer Arbeit über Lebenswege von Opfern der Shoah aus dem westlichen Rheinland. Zeit seines Lebens bis zu seinem Tod blieb Fred Voss als US-Amerikaner ein „aue Öcher“.

Freiheit hinter der Grenze

Diese und viele weitere Schicksale zeigen, dass während der Nazizeit Freiheit erst hinter den Grenzen Deutschlands begann, sei es in Belgien oder den Niederlanden, in Großbritannien oder den USA. In Belgien konnten die Flüchtlinge zunächst wieder in Freiheit und ohne Angst vor Verfolgung, ohne Diskriminierung leben. Es gab Fluchthelfer, die selbst bei eigener Gefährdung aus humanitären Gründen halfen, aber auch, so die damalige Grenzbevölkerung, sogenannte „Judentreiber“, die nur gegen Geld halfen, oft die Menschen bis aufs Letzte ausbeuteten. Manche sollen sich dabei eine finanzielle Grundlage erworben haben, die sie nach 1945 nutzen konnten, so etwa im Transportgewerbe. Auf belgischer Seite gab es für Grenzbeamte, die direkt an der Grenze Flüchtlinge aufgriffen und nach Deutschland zurückschickten, den Begriff „Judenfänger“ [Anm. d. Red.: Bei den vorliegenden Begriffen „Judentreiber“ und „Judenfänger“ handelt es sich um historische Formulierungen aus dem antisemitischen Sprachgebrauch. Die Begriffe werden im Rahmen des vorliegenden Textes ausnahmslos zur Verdeutlichung des Ausmaßes und der Grausamkeit der Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verwendet.]. Für wie viele dies den sicheren Tod bedeutete, ist nicht feststellbar. Es spielten sich Tragödien ab; so wird über eine Mutter berichtet, die mit ihren fünf Kindern in der Eifel auf der Flucht über die Grenze war. Im Schneegestöber verlor sie drei ihrer Kinder und auch eine Suchaktion der Dorfbevölkerung fand keine Spur mehr.

Belgien und auch die Niederlande waren nicht unbedingt das Zielland ihrer Flucht; die Flüchtlinge versuchten in andere Länder wie z. B. Großbritannien, die USA und Palästina zu gelangen, aber dies war nur möglich, wenn diese Länder ihnen auch die Einreise gewährten. Nach dem deutschen Überfall saßen die deutschen und österreichischen Flüchtlinge in der Falle, wurden interniert, von Belgien aus nach Frankreich abgeschoben, andere tauchten unter und wurden in Klöstern, von Bauern, von Familien versteckt. Viele Belgier und Niederländer zeigten dabei Zivilcourage und brachten dabei auch sich selbst in Gefahr. Die Internierten wurden ab 1942 von den Nazis meist nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Nur wenige überlebten.

Wie viele Menschen über die Westgrenze bei Aachen und in der Eifel fliehen konnten, lässt sich nicht beziffern. Es gab viele „nicht verzeichnete Fluchtbewegungen“ (Schubert 1990). Vor allem ältere Menschen blieben aber in Deutschland, viele erhielten auch kein Visum für eine Ausreise, manche waren zu arm, nachdem das Naziregime ihnen ihre wirtschaftlichen Grundlagen zerstört hatte. Ab Oktober 1941 begannen dann die Deportationen aus Deutschland, aus Aachen 1942.

Sicherheit gab es nur bei einer Flucht aus Kontinentaleuropa; Großbritannien, die USA, Palästina, Staaten in Lateinamerika wurden neue Heimat. Schwer war das Einleben in der neuen Heimat, die Flüchtlinge waren mittelos, die Sprache eine andere, oft auch das kulturelle Umfeld wie auch das Klima. Eine neue Lebensgrundlage musste geschaffen werden, nicht alle gelernten Berufe waren nachgefragt. Für ältere Flüchtlinge bedeutete die neue Heimat oft nur eine physische Rettung, aus ihrem Kultur- und Lebensumfeld waren sie zwangsentwurzelt worden. Für jüngere Flüchtlinge war es oft einfacher, in der neuen Heimat Fuß zu fassen. Sie erlernten schneller die neue Sprache, hatten es einfacher mit einer Ausbildung oder der Berufswahl, wie es etwa Fred Voss in verschiedenen Gesprächen berichtete.

Viele der älteren Generationen kamen bewusst nie mehr in ihre alte Heimat zurück, auch nicht für Besuche, Deutschland hatte sie vertrieben. Alex Matthes wurde Ende der 80er Jahre vom Heimatverein Brand zu einem Besuch in seine alte Heimat eingeladen, berichtete in einem Seminar an der RWTH Aachen als Zeitzeuge über sein Schicksal. Es dauerte noch bis 1992, bis schließlich auch die Stadt Aachen ihre ehemaligen Bürger_innen zu einem Besuch der Stadt einlud. Viele von ihnen berichteten in Schulen als Zeitzeug_innen über das Leben in der Nazizeit, waren damals selbst Schüler_innen. Am Geschwister Scholl-Gymnasium in Aachen gab eine Zeitzeugin, Frau Fleischmann, den Schüler_innen mit auf den Weg: „IHR seid für EURE Gegenwart verantwortlich, Ihr müsst HEUTE aufpassen!“

Literatur

Kreus, B. (1995): Kriegsende 1945. Zwischen Hoffnung und Verzweiflung. In: Brand. Heimatkundliche Blätter, Bd. 6. Aachen: Bürgerverein Brand e.V. S. 156–169.

Kuhn, M. (1995): Und wir waren noch so jung. Aus dem Leben ehemaliger Aachener Bürger. Aachen: Meyer und Meyer Verlag.

Schubert, K. (1995): Fluchtweg Eifel. Spurensuche an einer kaum beachteten Grenze. München: Tabu Verlag.

Voss, F. (2005): Miracles, Milestones, & Memories. A 269-Year Reflection, 1735–2004. Ithaca: Searose Associates.

weiterführende Lektüre

Arntz, H.D. (1990): Judenverfolgung und Fluchthilfe im deutsch-belgischen Grenzgebiet. Kreisgebiet Schleiden, Euskirchen, Monschau, Aachen und Eupen/Malmedy. Euskirchen: Kümpel, Volksblatt Druckerei und Verlag.

Brachfeld, S. (2001): Ils sont survécu. Brüssel: Editions Racine.

Gedenkbuchprojekt für die Opfer der Shoah aus Aachen e.V.  (2020): Gedenkbuchprojekt für die Opfer der Shoah aus Aachen. Online verfügbar unter: www.gedenkbuchprojekt.de [Zugriff; 16.01.2022].

Gödde, H. (1992): Die Nacht, als die Aachener Synagoge in Brand gesteckt wurde. Bausteine einer Chronik des Novemberpogroms. In: Haase, A. (Hg.): Fragen. Erinnern. Fragen stellen. Aachen: Alano Verlag. S. 15–37.

Gödde, H. (1992): Wie eine „Arisierung“ vor sich ging. Das Schicksal einer Aachener Familie. In:  Haase, A. (Hg.): Fragen. Erinnern. Fragen stellen, Aachen: Alano Verlag. S. 71–84.

Jakob V.; van den Voort, A. (1988): Anne Frank war nicht allein. Lebensgeschichten deutscher Juden in den Niederlanden. Berlin/Bonn: Verlag J.H.W. Dietz Nachf.

 

de Jong, L. (1988): De jodenvervolging. Amsterdam: Budgetboeken.

Ruland, H. (o.J.) Fluchtbewegungen an der deutsch-belgischen Grenze und in Innerbelgien vor dem Hintergrund der zeitgeschichtlichen Entwicklung 1914-1945. In: Grenzgeschichte DG. Online verfügbar unter: https://www.grenzgeschichte.eu /archiv/Flucht1.pdf [Zugriff: 14.11.2021].

Schubert, D.; Schubert, K. (1990): Nicht verzeichnete Fluchtbewegungen. Oder: Wie die Juden in die West-Eifel in die Freiheit kamen [Film].   Dahlem-Kronenburg: Schubertfilm.

Vogelsang IP (2021): Gerettet – Auf Zeit. Digital Opening. Online verfügbar unter: GERETTET – AUF ZEIT. Digital opening / inauguration numérique / Digitale Eröffnung am 31.03.2021 – YouTube [Zugriff: 16.01.2022].

Vogelsang IP (2020): Gerettet – Auf Zeit. Kindertransporte nach Belgien 1938/39. Online verfügbar unter: GERETTET – AUF ZEIT. KINDERTRANSPORTE NACH BELGIEN 1938/1939 – YouTube [Zugriff: 16.01.2022].

Volkshochschule Aachen (2021): Wege gegen das Vergessen in Aachen. Online verfügbar unter: www.wgdv.de [Zugriff: 16.01.2022].

Heute sind die Grenzen zwischen Belgien, Deutschland und den Niederlanden kaum noch wahrnehmbar. Im Herbst 2021 wurden zwei weitere Gedenktafeln des Projektes der VHS Aachen „Wege gegen das Vergessen“ an der Grenze zu Vaals und bei Köpfchen enthüllt. Das Projekt erinnert an die Opfer der NS-Diktatur in Aachen, die beiden neuen Gedenktafeln an die Rolle der Grenze bei der Flucht von Verfolgten aus Nazideutschland. Zu ihnen gehörten Alex Matthes aus Brand und Familie Voss aus Aachen. Bruno Keus berichtete über das Leben von Alex Matthes (Keus 1995), stellte Kontakte zu ihm her. Fred Voss veröffentlichte eine Biografie über sein Schicksal und über die Geschichte seiner Familie (Voss 2005), gab über viele Jahre hinweg als Gesprächs- und Briefpartner umfassende Einblicke in das Leben in Aachen zur Nazizeit. Diese und weitere Gespräche mit Zeitzeug_innen, die früher in Aachen lebten, zeigen, welche Bedeutung die Grenzen für sie hatten: Freiheit.

Alex Matthes

„Mach, dass Du über die Grenze kommst!“. So ein Bekannter zu Alex Matthes (1911–2006), als dieser am 10.11.1938 von Brand nach Aachen gefahren war und schon an der Heinrichsallee eine große Menschenmenge sah. Aus Richtung der Synagoge stieg Qualm auf: Nazis hatten in der Nacht vom 9./10.11.1938 die Aachener Synagoge in Brand gesteckt. Als Alex Matthes nach Hause zurückkommt, wird er einige Zeit später von der Polizei mitgenommen und kurz darauf von Aachen ins KZ Buchenwald verschleppt. Die Gefangenen werden dort in ungeheizte Baracken gesteckt, menschenunwürdig behandelt. Oft mussten die Verschleppten stundenlang bei eisiger Kälte zum Appell stehen. Nach seiner Entlassung flieht er mit seiner Schwester und dem Schwager nach Belgien, ein belgischer Fluchthelfer verlangte pro Person 500 RM. Hier sind sie in Freiheit, ohne Verfolgung in Sicherheit, eine Freiheit allerdings nur auf Zeit. ­Nach dem deutschen Überfall 1940 werden seine Schwester und sein Schwager in einem Lager nahe der französischen Grenze interniert, am 25.8.1942 von den Nazis von Mechelen nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Die Eltern und der jüngere Bruder Erich bleiben zunächst in Brand, bis sie 1942 nach Izbica verschleppt und wahrscheinlich in Sobibor ermordet werden.

Alex Matthes kommt über verschiedene Internierungslager schließlich nach Südfrankreich. Über die Jewish Agency geht die Flucht des mittellosen Alex Matthes vor den Nazis weiter nach Nordafrika und in die Dominikanische Republik, hier endgültig dem Einflussbereich der Nazis entkommen. Die Dominikanische Republik ist allerdings nicht sein Traumziel, Hoffnung sind die USA. Erst 1946 gelingt es ihm, in die USA zu kommen. Hier lernt er seine Frau, ebenfalls eine Deutsche, kennen. Auch sie war aus Deutschland geflohen, über die Niederlande in die USA. In Philadelphia kann er als Bäcker und Konditor arbeiten, baut sich eine neue Existenz in Freiheit und Sicherheit auf. Die Nazis haben Alex Matthes alles genommen, die Eltern, seine Geschwister und seinen Schwager, Verwandte, Freunde, Heimat, Existenz und Elternhaus; sie zerstörten seine Wurzeln. Wie viele Vertriebene hatte er die Absicht, nie mehr nach Deutschland zu kommen, nimmt aber letztendlich eine Einladung aus Brand an. In einem Gespräch mit Studierenden der RWTH Aachen wies er darauf hin, dass er Probleme mit der deutschen Sprache habe, die er schließlich sehr lange nicht mehr gesprochen habe. Brander Platt allerdings wäre kein Problem.

Familie Voss

„Was macht Ihr denn hier?“. So ein Nachbarjunge, als er einen Möbelwagen in Aachen an der Burtscheider Straße 32 stehen sieht und beobachtet, wie Julius Voss (1884–1975) Hausrat in den Möbelwagen trägt. Ein sogenannter „Lift“ wird vorbereitet für den Hausrattransport über Hamburg in die USA, der dort allerdings nie ankommt. Sein Sohn Fred Voss (1920–2019) vermutet später in einem Interview, dass die Gestapo den Hausrat schon im Möbellager in Aachen beschlagnahmte. Julius Voss reagiert unwirsch, er hat andere Sorgen, als dem Nachbarjungen die Frage zu beantworten. Er bereitet ihre Flucht, eine „legale Ausreise“, in Wahrheit eine „Rauswanderung“ aus Deutschland, vor.

In der Nacht vom 9./10.11.1938 hatten Nazis das Geschäft der Familie und ihre Wohnung verwüstet, ihn kurz darauf nach Buchenwald ins KZ verschleppt. Erst als seine Frau Else belegen kann, dass sie Tickets nach Shanghai besorgt hat, wird Julius Voss aus dem KZ entlassen. Und sofort bereitet sich Familie Voss vor, Deutschland zu verlassen. Visa müssen organisiert werden, das Haus wird an einen Aachener Nazi zu einem Spottpreis „verkauft“. Über Belgien und Großbritannien gelangt schließlich die Familie noch kurz vor Kriegsausbruch in die USA. Julius und Else Voss kehren nie mehr nach Aachen zurück, der Sohn Fred zum ersten Mal kurz nach der Befreiung als US-Soldat. Sein Elternhaus ist durch den Bombenkrieg zerstört, seine neue Heimat sind die USA geworden. Hier kann er schließlich nach dem Krieg auch Ilse Machauf aus Wien heiraten, die er in London 1940 kennengelernt hatte. Sie war 1939 mit ihrer Mutter aus Wien geflohen, Vater und Bruder sollten folgen, doch der Kriegsausbruch verhinderte die Flucht. Beide werden von den Nazis in Polen ermordet. Ilse und Fred Voss besuchten bis ins hohe Alter immer wieder Europa, auch Aachen. „Amerika war wunderbar zu uns!“, so Fred Voss in einem Interview über seine neue Heimat.

Nach seinen eigenen Erfahrungen in Deutschland mit Diskriminierung und Hass, die er auch in den USA der afroamerikanischen Bevölkerung gegenüber erlebte, sah er es als Aufgabe an, sich dagegen zu engagieren. Er wirkte als Zeitzeuge an Schulen, Universitäten und in Kirchengemeinden für Toleranz und Aufklärung. Auch in Deutschland war er Zeitzeuge, zuletzt half er noch 2018 Studierenden der RWTH Aachen bei ihrer Arbeit über Lebenswege von Opfern der Shoah aus dem westlichen Rheinland. Zeit seines Lebens bis zu seinem Tod blieb Fred Voss als US-Amerikaner ein „aue Öcher“.

Freiheit hinter der Grenze

Diese und viele weitere Schicksale zeigen, dass während der Nazizeit Freiheit erst hinter den Grenzen Deutschlands begann, sei es in Belgien oder den Niederlanden, in Großbritannien oder den USA. In Belgien konnten die Flüchtlinge zunächst wieder in Freiheit und ohne Angst vor Verfolgung, ohne Diskriminierung leben. Es gab Fluchthelfer, die selbst bei eigener Gefährdung aus humanitären Gründen halfen, aber auch, so die damalige Grenzbevölkerung, sogenannte „Judentreiber“, die nur gegen Geld halfen, oft die Menschen bis aufs Letzte ausbeuteten. Manche sollen sich dabei eine finanzielle Grundlage erworben haben, die sie nach 1945 nutzen konnten, so etwa im Transportgewerbe. Auf belgischer Seite gab es für Grenzbeamte, die direkt an der Grenze Flüchtlinge aufgriffen und nach Deutschland zurückschickten, den Begriff „Judenfänger“ [Anm. d. Red.: Bei den vorliegenden Begriffen „Judentreiber“ und „Judenfänger“ handelt es sich um historische Formulierungen aus dem antisemitischen Sprachgebrauch. Die Begriffe werden im Rahmen des vorliegenden Textes ausnahmslos zur Verdeutlichung des Ausmaßes und der Grausamkeit der Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verwendet.]. Für wie viele dies den sicheren Tod bedeutete, ist nicht feststellbar. Es spielten sich Tragödien ab; so wird über eine Mutter berichtet, die mit ihren fünf Kindern in der Eifel auf der Flucht über die Grenze war. Im Schneegestöber verlor sie drei ihrer Kinder und auch eine Suchaktion der Dorfbevölkerung fand keine Spur mehr.

Belgien und auch die Niederlande waren nicht unbedingt das Zielland ihrer Flucht; die Flüchtlinge versuchten in andere Länder wie z. B. Großbritannien, die USA und Palästina zu gelangen, aber dies war nur möglich, wenn diese Länder ihnen auch die Einreise gewährten. Nach dem deutschen Überfall saßen die deutschen und österreichischen Flüchtlinge in der Falle, wurden interniert, von Belgien aus nach Frankreich abgeschoben, andere tauchten unter und wurden in Klöstern, von Bauern, von Familien versteckt. Viele Belgier und Niederländer zeigten dabei Zivilcourage und brachten dabei auch sich selbst in Gefahr. Die Internierten wurden ab 1942 von den Nazis meist nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Nur wenige überlebten.

Wie viele Menschen über die Westgrenze bei Aachen und in der Eifel fliehen konnten, lässt sich nicht beziffern. Es gab viele „nicht verzeichnete Fluchtbewegungen“ (Schubert 1990). Vor allem ältere Menschen blieben aber in Deutschland, viele erhielten auch kein Visum für eine Ausreise, manche waren zu arm, nachdem das Naziregime ihnen ihre wirtschaftlichen Grundlagen zerstört hatte. Ab Oktober 1941 begannen dann die Deportationen aus Deutschland, aus Aachen 1942.

Sicherheit gab es nur bei einer Flucht aus Kontinentaleuropa; Großbritannien, die USA, Palästina, Staaten in Lateinamerika wurden neue Heimat. Schwer war das Einleben in der neuen Heimat, die Flüchtlinge waren mittelos, die Sprache eine andere, oft auch das kulturelle Umfeld wie auch das Klima. Eine neue Lebensgrundlage musste geschaffen werden, nicht alle gelernten Berufe waren nachgefragt. Für ältere Flüchtlinge bedeutete die neue Heimat oft nur eine physische Rettung, aus ihrem Kultur- und Lebensumfeld waren sie zwangsentwurzelt worden. Für jüngere Flüchtlinge war es oft einfacher, in der neuen Heimat Fuß zu fassen. Sie erlernten schneller die neue Sprache, hatten es einfacher mit einer Ausbildung oder der Berufswahl, wie es etwa Fred Voss in verschiedenen Gesprächen berichtete.

Viele der älteren Generationen kamen bewusst nie mehr in ihre alte Heimat zurück, auch nicht für Besuche, Deutschland hatte sie vertrieben. Alex Matthes wurde Ende der 80er Jahre vom Heimatverein Brand zu einem Besuch in seine alte Heimat eingeladen, berichtete in einem Seminar an der RWTH Aachen als Zeitzeuge über sein Schicksal. Es dauerte noch bis 1992, bis schließlich auch die Stadt Aachen ihre ehemaligen Bürger_innen zu einem Besuch der Stadt einlud. Viele von ihnen berichteten in Schulen als Zeitzeug_innen über das Leben in der Nazizeit, waren damals selbst Schüler_innen. Am Geschwister Scholl-Gymnasium in Aachen gab eine Zeitzeugin, Frau Fleischmann, den Schüler_innen mit auf den Weg: „IHR seid für EURE Gegenwart verantwortlich, Ihr müsst HEUTE aufpassen!“

Literatur

Kreus, B. (1995): Kriegsende 1945. Zwischen Hoffnung und Verzweiflung. In: Brand. Heimatkundliche Blätter, Bd. 6. Aachen: Bürgerverein Brand e.V. S. 156–169.

Kuhn, M. (1995): Und wir waren noch so jung. Aus dem Leben ehemaliger Aachener Bürger. Aachen: Meyer und Meyer Verlag.

Schubert, K. (1995): Fluchtweg Eifel. Spurensuche an einer kaum beachteten Grenze. München: Tabu Verlag.

Voss, F. (2005): Miracles, Milestones, & Memories. A 269-Year Reflection, 1735–2004. Ithaca: Searose Associates.

weiterführende Lektüre

Arntz, H.D. (1990): Judenverfolgung und Fluchthilfe im deutsch-belgischen Grenzgebiet. Kreisgebiet Schleiden, Euskirchen, Monschau, Aachen und Eupen/Malmedy. Euskirchen: Kümpel, Volksblatt Druckerei und Verlag.

Brachfeld, S. (2001): Ils sont survécu. Brüssel: Editions Racine.

Gedenkbuchprojekt für die Opfer der Shoah aus Aachen e.V.  (2020): Gedenkbuchprojekt für die Opfer der Shoah aus Aachen. Online verfügbar unter: www.gedenkbuchprojekt.de [Zugriff; 16.01.2022].

Gödde, H. (1992): Die Nacht, als die Aachener Synagoge in Brand gesteckt wurde. Bausteine einer Chronik des Novemberpogroms. In: Haase, A. (Hg.): Fragen. Erinnern. Fragen stellen. Aachen: Alano Verlag. S. 15–37.

Gödde, H. (1992): Wie eine „Arisierung“ vor sich ging. Das Schicksal einer Aachener Familie. In:  Haase, A. (Hg.): Fragen. Erinnern. Fragen stellen, Aachen: Alano Verlag. S. 71–84.

Jakob V.; van den Voort, A. (1988): Anne Frank war nicht allein. Lebensgeschichten deutscher Juden in den Niederlanden. Berlin/Bonn: Verlag J.H.W. Dietz Nachf.

 

de Jong, L. (1988): De jodenvervolging. Amsterdam: Budgetboeken.

Ruland, H. (o.J.) Fluchtbewegungen an der deutsch-belgischen Grenze und in Innerbelgien vor dem Hintergrund der zeitgeschichtlichen Entwicklung 1914-1945. In: Grenzgeschichte DG. Online verfügbar unter: https://www.grenzgeschichte.eu /archiv/Flucht1.pdf [Zugriff: 14.11.2021].

Schubert, D.; Schubert, K. (1990): Nicht verzeichnete Fluchtbewegungen. Oder: Wie die Juden in die West-Eifel in die Freiheit kamen [Film].   Dahlem-Kronenburg: Schubertfilm.

Vogelsang IP (2021): Gerettet – Auf Zeit. Digital Opening. Online verfügbar unter: GERETTET – AUF ZEIT. Digital opening / inauguration numérique / Digitale Eröffnung am 31.03.2021 – YouTube [Zugriff: 16.01.2022].

Vogelsang IP (2020): Gerettet – Auf Zeit. Kindertransporte nach Belgien 1938/39. Online verfügbar unter: GERETTET – AUF ZEIT. KINDERTRANSPORTE NACH BELGIEN 1938/1939 – YouTube [Zugriff: 16.01.2022].

Volkshochschule Aachen (2021): Wege gegen das Vergessen in Aachen. Online verfügbar unter: www.wgdv.de [Zugriff: 16.01.2022].

Teile diesen Artikel:

Weitere Artikel

Call for Papers #13

Liebe Studierende, Habt ihr Lust zu schreiben und zu publizieren? Möchtet ihr eure Ideen der Welt mitteilen? Abseits von Credit-Points und universitären Notwendigkeiten habt ihr

Weiterlesen »

Melde dich für den philou. Newsletter an!

Wir informieren dich über neue Artikel, Ausgaben, Aktionen und Allerlei Anderes.