Freiheit durch Bildung

Wer würde schon den Gedanken an Freiheit mit Schule oder der Universität verbinden, die doch die größten Stätten formaler Bildung darstellen? Die heutigen Studierenden fühlen sich sicherlich nicht besonders frei, während sie stundenlang am Schreibtisch sitzend für die nächste Klausur lernen und immer weniger Zeit für andere Aktivitäten finden. Doch trotzdem macht uns diese Bildung frei. Sie befreit von Illusionen, die man sich über die Welt zusammengereimt hat. Sie befreit von vorgefassten Meinungen, die nicht den Tatsachenwahrheiten entsprechen. Sie befreit von Abhängigkeiten gegenüber denjenigen, die die vermeintliche Wahrheit in ihren Händen halten. Ein Gleichnis, das genau diese Kraft von Bildung heraushebt, ist das Höhlengleichnis Platons.

Im siebten Buch von Platons Politeia findet sich sein Höhlengleichnis. Dort finden wir eine Geschichte über die Befreiung des Menschen durch Bildung. Unter Bildung versteht Platon die Erziehung des Menschen zu einem vernunftgeleiteten Wesen. Für ihn stellt sich Bildung als diszipliniertes Lernen in unterschiedlichsten geistigen Disziplinen dar. Er erzählt uns von Menschen, die seit ihrer Kindheit tief unten in einer Höhle an eine Wand gekettet sind. Auch ihre Nacken sind festgekettet, sodass sie nicht nach rechts oder links schauen können. Hinter der Wand mit den angeketteten Menschen, brennt ein Feuer. Es beleuchtet die Wand, die direkt vor diesen Menschen liegt. Vor dem Feuer laufen Menschen und Tiere hin und her, sie tragen Dinge in den Händen oder reden miteinander. So wirft das Licht des Feuers die Schatten der laufenden Menschen und Tiere an die Wand, auf die die angeketteten Menschen blicken. Sie müssten diese Schatten und das ferne Gerede der anderen Menschen für die einzige Wirklichkeit halten, da sie doch nie etwas anderes sahen. Würde man nun einen dieser Menschen befreien und ihm die Wirklichkeit der umherlaufenden Menschen zeigen, so würde er zuerst von dem Licht des Feuers geblendet werden und dadurch Schmerzen erleiden. Seine Augen müssten sich also erst an die neue Helligkeit gewöhnen. Würde man ihn nun noch weiter aus der Höhle hinauszerren, bis an dessen Eingang, so würden ihm erneut die Augen schmerzen, da er nun in das noch hellere Licht der Sonne blicken würde. Auch dort müsste er sich erst an die neue Helligkeit gewöhnen. Die Wirklichkeit, die er nun betrachten würde, wäre die ewige Wirklichkeit, die verborgen hinter den Dingen liegt und erst durch den richtigen Blick erkannt werden kann. Der Verstand müsse so ausgebildet werden, dass er mit der Wirklichkeit übereinstimmen kann, und der richtige Blick würde nur durch Bildung erreicht werden können. Der Verstand kann dann mit der Wirklichkeit übereinstimmen, wenn er in seinen Vorstellungen wahrheitsgetreu funktioniert.

Bildung lässt den befreiten Menschen die Wirklichkeit und sogar die ewige Wirklichkeit, die hinter den Dingen liegt, sehen. Wahrheit lässt sich also nur erreichen, wenn man sich befreit, von den vorbeiziehenden Schatten an der Wand abwendet und unter Schmerzen der Angewöhnung die Wirklichkeit betrachtet.

Diese Geschichte bleibt aber nicht nur eine Geschichte. Anhand eines biografischen Beispiels lässt sich das Höhlengleichnis verdeutlichen. Im Weltbestseller „Befreit: Wie Bildung mir die Welt erschloss“ von Tara Westover findet sich solch ein Beispiel:

Tara Westover war 17 Jahre alt, als sie zum ersten Mal ein Klassenzimmer betrat. Sie ging vorher nie zur Schule, sondern blieb zuhause bei ihrer Familie. Ihre Eltern unterrichteten sie kaum, denn eine Bildung, wie sie andere Kinder bekommen, war ihren Eltern suspekt. Sie wuchs in einer radikalfundamentalistischen mormonischen Familie in Idaho auf, die am Fuße eines Berges lebte und dort ein autonomes Leben führte. Ihr Vater war extrem in seinen Ansichten über die Welt und glaubte, dass keinem Menschen zu trauen sei, der in irgendeiner Weise an der Gesellschaft partizipiert. Außerdem war er davon überzeugt, dass die Welt bald untergehen würde und sah immer wieder Anzeichen für das nächste Armageddon. Er bereitete sich und seine Familie auf den Weltuntergang vor, doch das Armageddon kam nie. Tara Westover, die nie ein anderes Leben als ihr Familienleben kennengelernt hatte, musste diese Dinge zwangsläufig für wahr halten. Als einer ihrer Brüder immer wieder gewalttätig wurde, nahm sie das ebenso hin wie ihre Familie, die daran nicht glauben wollte und diese Gewalttätigkeit so weit wie möglich ignorierte.

Erst als ihr anderer Bruder von zuhause wegging, um am College zu studieren, keimte auch in ihr der Wunsch auf, ein eigenes Leben führen zu können. Sie kaufte sich eigene Lehrbücher und lernte für sich allein, um die Aufnahmetests der Universitäten zu bestehen. Damit hatte sie erstaunlichen Erfolg und bald darauf studierte sie in Harvard und an der Cambridge University. In den langen Lernprozessen, die sie durchlief, realisierte sie immer wieder, dass das Zuhause, von dem sie fortging, kein Ort mehr ist, an den sie vorbehaltlos zurückkehren kann. Die Illusionen ihres Vaters, die Gewalttätigkeit ihres Bruders und die Abhängigkeitsbeziehungen innerhalb ihrer Familie erkannte sie nach ihrem Bildungsweg und wollte sich von ihnen befreien. In den verschiedensten Vorlesungen und Seminaren erkannte sie, dass die Verschwörungstheorien ihres Vaters aus Büchern stammen, die sich schon längst als Unwahrheiten entpuppt hatten. Weiterhin lernte sie, was positive Freiheit bedeutet. Positive Freiheit, erklärte der Professor in Cambridge, ist die Kontrolle über den eigenen Geist, um sich von irrationalen Ängsten und Überzeugungen, von Aberglauben und allen anderen Formen des Selbstzwanges zu befreien. Dieses Konzept der positiven Freiheit wurde Tara zu einer Art Lebensmotto. Durch den Umgang mit anderen Studierenden und durch lange Tage und Nächte in der Bibliothek lernte sie, dass ihr Unwohlsein in ihrer Familie auch daher rührte, dass sie in eine Frauenrolle gedrückt wurde, die sie nicht einnehmen wollte. Dieser Unwille führte sie immer wieder in extreme Selbstzweifel, da sie annahm, irgendetwas könne mit ihr nicht stimmen, wenn sie den Willen von allen anderen Familienmitgliedern nicht erfüllen will. Erst die Worte John Stuart Mills gaben ihr Trost, denn dieser schrieb, dass es über die Natur der Frau keine abschließenden Antworten gibt. Dies gab ihr die Freiheit, so zu sein, wie sie selbst sein möchte.

Heute lebt sie in Cambridge, wo sie auch ihren Doktortitel in Geschichte am Trinity College erlangte. Sie wurde eine weltberühmte Autorin und ihr Buch war lange Zeit Platz 1 auf der New York Times Bestsellerliste. Diese Biografie Tara Westovers verdeutlicht, wie Bildung aus einer illusionsgebundenen Weltsicht befreien kann und, in ihrem Fall, die wirklichen Familienverhältnisse erkennen lässt.

In Platons Höhlengleichnis lernten wir den angeketteten Menschen kennen, der nur die vorüberziehenden Schatten der Wirklichkeit sieht, aber nie selbst zu dieser gelangt. Der angekettete Mensch lässt sich mit Tara Westovers Vater vergleichen, der durch seine radikalfundamentalistischen Perspektive die Welt betrachtet. Ihm wird es nicht möglich sein, Tatsachenwahrheiten als diese zu erkennen, denn seine vorgefasste Idee wird sich immer über die vorliegende Wahrheit stülpen. So erkennt er in allen Tätigkeiten der Gesellschaft die Machenschaften des Teufels und Unregelmäßigkeiten im Alltag werden zu einem Anzeichen für das nahende Armageddon. Tara hingegen konnte sich durch Bildung von diesen Ideen befreien, um Wahrheiten erkennen zu können. Der Blick ihres Geistes wandelte sich um und richtete sich auf das, was tatsächlich vor ihr liegt, anstatt durch die Perspektive einer vorgefassten Idee zu blicken. Für sie sind die Schatten an der Wand nicht mehr die einzige Wahrheit, an der sie sich orientiert.

Leseempfehlungen

Platon (o. J.): Der Staat. In: Reclams Universalbibliothek Nr. 19512. Stuttgart: Reclam, 2019.

Westover, T. (2019): Befreit: Wie Bildung mir die Welt erschloss. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

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