Eine Bildungszeitreise

Bildung ist ein Begriff, der in unserer alltäglichen Sprache in vielfältigen Variationen auftaucht. Jemand kann beispielsweise als ungebildet oder gebildet gelten – einige sogar als hochgebildet – während anderen eine mangelnde Allgemeinbildung attestiert wird. Aber auch in politischen Debatten werden Begriffe wie Bildungskanon, Bildungswesen, Aus- und Weiterbildung, bildungsferne Schichten und Bildungsbürgertum häufig genutzt. Unklar bleibt dabei, was genau Bildung eigentlich bedeutet. Woran lässt sich festmachen, ob eine Person gebildet oder eben ungebildet ist? Was müssen Personen wissen oder können? Oder handelt es sich bei Bildung viel mehr um ein übergeordnetes, individuelles Ziel, dass sich jeglicher Quantifizierbarkeit entzieht? 

Dass dieser Begriff so schwer zu fassen ist, liegt daran, dass er in der deutschen Sprache von verschiedenen Denker*innen mit vielfältigen – sich teilweise widersprechenden – Bedeutungen aufgeladen wurde. Laut Rittelmeyer (2011:17) wohnt dem Begriff daher weniger eine Definition inne, als „eine Bedeutungslandschaft, […] ein semantisches Tableau.“ Um diese Bedeutungslandschaft näher zu untersuchen, werden im Folgenden verschiedene historische und aktuelle Perspektiven auf den Begriff Bildung vorgestellt und diskutiert.

Begriffsursprünge

In der deutschen Sprache kann der Begriff Bildung nicht nur auf Menschen, sondern auch auf Objekte angewandt werden. Ein Gebirge bildet sich demnach durch sich verschiebende Kontinentalplatten und ein*e Töpfer*in kann aus Ton Vasen bilden. Diese Parallele zwischen Bildung als geistigem Gut und materieller Formgebung findet sich auch im altgriechischen Wort euplastos. Dieses Wort wird von Platon zur Beschreibung bildsamer Menschen benutzt und ist eng verwandt mit der Plastizität von Objekten. Der Mensch, und insbesondere das Kind, ist in diesem Sinne ebenfalls formbar – seelisch, charakterlich und äußerlich (vgl. Rittelmeyer 2012). Diese Perspektive aus der griechischen Antike wurde auch von deutschen Klassikern wie Herder und Goethe aufgegriffen. Die Vorstellung und Erwartung, dass sich Bildung auch im Aussehen bzw. der äußerlichen Haltung eines Menschen widerspiegelt, ist immer noch in der Gesellschaft etabliert (vgl. Rittelmeyer 2012). 

„Es ist denn dies das alleinige Heil für beide Teile, dass man weder die Seele ohne den Körper noch den Körper ohne die Seele übt, damit beide so ihrer gegenseitig sich erwehren können und dadurch ins Gleichgewicht kommen und gesund werden. Es muss also der, welcher die Mathematik oder sonst eine Geistesarbeit mit Anstrengung betreibt, zugleich auch dem Körper die nötige Bewegung gewähren, indem er der Leibesübung obliegt, und wiederum, wer den Körper sorgfältig bildet muss zugleich auf die Regsamkeit der Seele bedacht sein, indem er auch der Musik und jeglicher wissenschaftlichen Bildung sich hingibt, wenn er mit Recht ein harmonisch durchgebildeter und ein guter und tüchtiger Mensch heißen will.“

Mittelalterliche Mystik

In der deutschen Sprache taucht der Begriff Bildung zuerst in der mittelalterlichen Theologie auf. Hier wird Bildung  als Öffnen der menschlichen Seele für die Einbildung („Inbildung“) Gottes (Rittelmeyer 2012: 22), gewissermaßen als eine Verschmelzung mit Gott verstanden. Elementarer Bestandteil dieser Bildungsvorstellung ist ein vor Gott gerechtes Verhalten entsprechend einer universellen christlichen Vorstellung. Diese Vorstellung, dass es Ziel von Bildung sei, sich gewisses universelles Wissen und Moral anzueignen, ist auch im säkularen Bildungsbegriff präsent (vgl. Rittelmeyer 2012).

„Gott selber zum Trotz, den Engeln zum Trotz, den Seelen und allen Kreaturen zum Trotz (sage ich), daß sie die Seele, wo sie Bild Gottes ist, (von Gott) nicht zu trennen vermöchten!“

Freiheit und Selbstverwirklichung

Im Neuhumanismus (1790–1830/1840) dominierte die Vorstellung, dass Bildung und Erziehung weitestgehend unabhängig vom Staat, Ökonomie, Stand, Beruf und Gesellschaft sein sollen (vgl. Schlesinger 2015). Des Weiteren ist die Sprachlichkeit des Menschen ein wesentliches Element von Bildung, welches durch die Wechselwirkung zwischen Mensch und Welt befördert wird (vgl. Schlesinger 2015). Einer der relevantesten Vertreter des Neuhumanismus war Wilhelm von Humboldt.

In Humboldts Bildungstheorie steht die Förderung der Kräfte und Fähigkeiten der Individuen im Vordergrund (vgl. Schlesinger 2015). Humboldts Ziele von Bildung sind Selbstverwirklichung, die Entfaltung von Potenzialen, eine große Ausbildung der Menschlichkeit in den Individuen und, ,,indem der Mensch auf die Welt wirkt, seinem Wesen Dauer zu verleihen“. (Schlesinger 2015:30). Bildung kann als individuelle, gemeinschaftliche und kontinuierliche Aufgabe verstanden werden (vgl. Benner 1990).

Dem Humboldtschen Bildungsideal zufolge ist der wahre Zweck des Menschen, sich selbst zu verwirklichen, wofür er Freiheit, Vielfalt und Individualität braucht (vgl. Schlesinger 2015). Wichtig sei außerdem eine ganzheitliche Ausbildung in Künsten und Wissenschaften. Durch die Weiterentwicklung der Urteilskraft und Handlungskompetenz in einem Bereich, „verändern sich immer von neuem die Proportionen der Kompetenz des Einzelnen, in verschiedenen Bereichen menschlichen Handelns tätig zu sein“ (Benner 1990:43).

„Der wahre Zwek des Menschen – […] ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen. Zu dieser Bildung ist Freiheit die erste, und unerlassliche Bedingung. Allein ausser der Freiheit erfordert die Entwickelung der menschlichen Kräfte noch etwas andres, obgleich mit der Freiheit eng verbundenes, Mannigfaltigkeit der Situationen. Auch der freieste und unabhängigste Mensch, in einförmige Lagen versetzt, bildet sich minder aus.“

Kritik an der traditionellen Bildung

Friedrich Nietzsche kritisiert in seinen Vorträgen über die „Zukunft unserer Bildungsanstalten“ den mangelnden Kontakt von Schülern mit der Natur. Statt diese und ihre Phänomene zu erleben und zu erfahren würden Schüler sie lediglich rein naturwissenschaftlich erklärt bekommen: Das „Berechnen und Überlisten der Natur“ (Nietzsche 1872:232), das letztendlich zu einer Unterjochung derselben führt. Nietzsche kritisiert hiermit nicht naturwissenschaftliche Lehre an sich, sondern vielmehr die sich entwickelnde mangelnde Sinnlichkeit und Erfahrbarkeit in den sogenannten Bildungsanstalten – eine Kritik, die sich auch in heutigen Diskussionen über den Bildungsbegriff wiederfindet. (vgl. Rittelmeyer 2012)

„Also, meine Freunde, verwechselt mir diese Bildung, diese zartfüßige, verwöhnte, ätherische Göttin nicht mit jener nutzbaren Magd, die sich mitunter auch die ›Bildung‹ nennt, aber nur die intellektuelle Dienerin und Beraterin der Lebensnot, des Erwerbs, der Bedürftigkeit ist. Jede Erziehung aber, welche an das Ende ihrer Laufbahn ein Amt oder einen Brotgewinn in Aussicht stellt, ist keine Erziehung zur Bildung, wie wir sie verstehen, sondern nur eine Anweisung, auf welchem Wege man im Kampfe um das Dasein sein Subjekt rette und schütze. […] Wollt ihr einen jungen Menschen auf den rechten Bildungspfad geleiten, so hütet euch wohl, das naive zutrauensvolle, gleichsam persönlich-unmittelbare Verhältnis desselben zur Natur zu stören […]“

Bildungsperspektiven in der Moderne

„Bildung als „Verbesserung“ und „Veredlung“ ist demnach als Prozess zu begreifen, in welchem sich ein Individuum mit der äußeren Welt auseinandersetzt und dadurch sich selbst verändert und verbessert.“

Prof. Dr. Kirsten Meyer (*1974), Professorin für Praktische Philosophie und Didaktik der Philosophie an der HU Berlin

„’Bildung’ ist kein Gegenwort zu Welt, Wirklichkeit, Lebenskampf. Bildung ist nicht Elfenbeinturm, nicht Bücherwissen, nicht Besinnungsaufsatz. Aber es liegt eine Zumutung der Fremdheit in der Bildungsidee.“

Prof. Dr. Hartmut von Hentig (*1925), Professor em. für Pädagogik an der Universität Bielefeld

„Bildung schließt mehrere Bedeutungsebenen ein: Sie ist zugleich Prozess, des Bildens und Produkt, die Bildung. Bildung dient der Befähigung anderer Menschen, stellt zugleich aber auch Selbstbefähigung der/des Einzelnen dar. Bildung ist zum einen auf ein Ziel gerichtet (Persönlichkeit, Vollkommenheit), lässt aber auch Optionen offen (Freiheit, Glück).“

Prof. Dr. Elke Gruber (*1959), Professorin für Erwachsenen- und Weiterbildung an der Universität Graz

„Bildung und Erziehung sind Begriffe, die zwar gut für öffentliche Debatten und das eine oder andere Schreckensszenario taugen, aber worüber wir wirklich sprechen, das bleibt dann doch – vorsichtig formuliert – offen. Oder anders gesagt: jeder packt unter das Thema, was ihm so gerade in den Kopf schießt. Und meistens handelt es sich um Dinge, die man geändert haben will, während saubere Lösungen einem nicht einfallen.“

Prof. Dr. Michael Winkler (*1953) Professor em. für allgemeine Pädagogik und Theorie der Sozialpädagogik an der Universität Jena

„Die Bildung muss auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und auf die Stärkung der Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten gerichtet sein. Sie muss zu Verständnis, Toleranz und Freundschaft zwischen allen Nationen und allen Gruppen, unabhängig von Herkunft und Religion, beitragen und der Tätigkeit der Vereinten Nationen für die Wahrung des Friedens förderlich sein.“

UN Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (1948)

Literaturverzeichnis

Benner, D. (1990): Wilhelm von Humboldts Bildungstheorie. Weinheim: Beltz Juventa. 4. Auflage 2023.

Gramsch-Stehfest, R. (2019): Bildung, Schule und Universität im Mittelalter. Berlin, Boston: De Gruyter Oldenbourg.

Landfester, M. (2013): Neuhumanismus. In: Ueding, G. (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Berlin, Boston: De Gruyter.

Nietzsche, F. (1872): Über die Zukunft unserer Bildungs-Anstalten. Vierter Vortrag. In: Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. Band 3. München: Hanser 1956, S. 229–247.

Rittelmeyer, C. (2012): Bildung. Ein pädagogischer Grundbegriff. Stuttgart: W. Kohlhammer.  

Schlesinger, C. (2015): Fremdes und Anderes in der Bildungstheorie Wilhelm von Humboldts. In: Schluß, H.; Sattler, E. (Hg.): Beiträge zu Bildungstheorie und Bildungsforschung. Band 1. Berlin: Logos Verlag Berlin.

UN Vereinte Nationen (1948): Resolution der Generalversammlung. Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.

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