Die Angst vor dem Unbekannten

„Das Zentrum des Risikobewußtseins liegt nicht in der Gegenwart, sondern in der Zukunft.“

Ulrich Beck

Laut dem im Januar 2020 erschienen World Risk Report, der zum fünfzehnten Mal vom World Economic Forum veröffentlicht wurde, betreffen erstmals alle fünf wahrscheinlichsten globalen Risiken die Umwelt (vgl. WEF 2020). Dabei werden extreme Wetterereignisse, Verlust an Biodiversität, Naturkatastrophen, versagender Klimaschutz sowie menschlich verursachte Umweltdesaster genannt. Der Bericht beinhaltet eine Liste derjenigen Gefahren, die von weltweit mehr als 1000 Entscheidungsträgern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft als besonders bedrohlich angesehen werden. Dabei wird zwischen der Eintrittswahrscheinlichkeit des Risikos sowie den globalen Auswirkungen differenziert. Der Ausbruch einer weltweiten Pandemie gehörte dabei jedoch nicht zu den am wahrscheinlichsten angesehenen Risiken. Dies veranschaulicht die Komplexität der Wahrnehmung sowie im Umgang mit zukünftigen (unbekannten) Ereignissen und Risiken.

„Globale Risiken“ werden definiert als unsichere Ereignisse, die im Falle eines Auftretens massive Auswirkungen für einige Länder innerhalb der nächsten zehn Jahren haben können (vgl. WEF 2020: 86). Grundsätzlich sind globale Risiken allgegenwärtig. Dabei scheint es unmöglich, sich gegen alle globalen Risiken zu schützen, zumal mit Risiken auch Chancen verbunden sind (vgl. WBGU 1999: 28). Der amerikanische Politikwissenschaftler Aaron Wildawsky (1930–1993) hat dieses zweischneidige Schwert treffend beschrieben: „No risk is the highest risk at all“ (Wildawsky 1979: 32). Die Reflexion über Risiken impliziert jedoch die Vorstellung eines „Mindestmaß[es] an Gestaltbarkeit der Zukunft und damit Vermeidbarkeit von unerwünschten Ereignissen durch vorsorgendes Handeln“ (Renn et al. 2007: 20), womit Risiken eine zukünftige Komponente inhärent ist. Im Hinblick auf die Vermeidung unerwünschter Ereignisse beschreiben „Risiken eine Zukunft, die es zu verhindern gilt“ (Beck 1986: 44), „Sie sind in einem zentralen Sinne zugleich wirklich und unwirklich.“

Dabei gibt es zwei entscheidende Merkmale von Risiken: die zu erwarteten Konsequenzen einer Handlung bzw. eines Ereignisses sowie die Unsicherheit ihres Eintreffens (vgl. Renn et al. 2007: 20). In diesem Kontext obliegt die Bewertung, ob diese Ereignisse positiv oder negativ sind, einer subjektiven Beurteilung, was eine neutrale Beurteilung von Risiken maßgeblich erschwert. Dies äußert sich auch in unterschiedlichen Risikoanalysen, die beispielsweise sowohl technischer, psychologischer oder soziologischer Natur sein können. Problematisch ist dabei insbesondere die Bewertung von komplexen und ungewissen zukünftigen Konsequenzen im Hinblick auf unterschiedliche Wertvorstellungen der „Erwünschtheit“ der Ereignisse bzw. Konsequenzen (vgl. Renn/Klinkel 2014: 2). Entscheidend ist es daher, Risiken als „heterogene Phänomene“ (WBGU 1999: 31) anzusehen, da es unmöglich ist, subjektive oder auch interkulturell divergierende Präferenzen adäquat abbilden zu können. Sie sind mental konstruiert, spiegeln die menschliche Wahrnehmung unsicherer Ereignisse wider und veranschaulichen durch verschiedene Interpretationen und Reaktionen, wie diese Wahrnehmung durch soziale, kulturelle, politische oder ökonomische Kontexte beeinflusst werden (vgl. Renn/Klinkel 2014: 9).

Der Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU 1999) veranschaulicht unterschiedliche Risikotypen am Beispiel der griechischen Mythologie: Damokles, Zyklop, Pythia, Pandora, Kassandra und Medusa (ein Überblick ist in Tabelle 1 zu finden). Dadurch wird auch die zeitlich durchgängige Relevanz im Hinblick auf den Umgang mit Risiken verdeutlicht (vgl. Renn et al. 2007: 145). Der Zyklop wird als einäugiger Riese beschrieben, der die Welt entsprechend nur eindimensional wahrnehmen kann. In Bezug auf Risiken bedeutet das, dass nur eine Dimension (das Schadensausmaß) bekannt ist, wohingegen die Eintrittswahrscheinlichkeit weitestgehend ungewiss bleibt. Beispielhaft hierfür sind die zuvor beschriebenen umweltbezogenen Risiken, wie Überschwemmungen und Erdbeben. Pythia war die blinde Seherin des Orakels von Delphi. Sie machte Vorhersagen für die Zukunft, die jedoch für die Ratsuchenden häufig unklar blieben. Pythia wies zwar auf möglicherweise drohende Gefahren hin, sagte aber nicht, wie hoch die Eintrittswahrscheinlichkeit oder der Schaden sein werden. Die Möglichkeiten nichtlinearer Klimaveränderung, wie beispielsweise der zunehmende Treibhauseffekt oder auch neue Gentechniken fallen in diese Kategorie. Ähnlich verhält es sich mit Pandora und dem damit verbundenen Mythos um ihre Übel und Leid enthaltende Büchse. Sobald die Büchse geöffnet wurde, setzte sich all das in ihr enthaltene Leid frei, das sich irreversibel, persistent und ubiquitär über die Erde ausbreitete. Auch hier sind Eintrittswahrscheinlichkeit und Schaden ungewiss, allerdings überschreiten Risikoschäden dieser Klasse im Gegensatz zu Pythia geografische Grenzen, sind zeitlich stabil und können globale, irreversible Auswirkungen haben. Beispielhaft hierfür sind persistente organische Schadstoffe (POP).

Risikotyp Charakterisierung
Schaden
Charakterisierung
Wahrscheinlichkeit
Beispiele
Damokles
Hoch
Gering
  • Kernenergie
  • Großchemische Anlagen
  • Staudämme
  • Meteoriteneinschläge
Zykloop
Hoch
Unsicher
  • Überschwemmungen
  • Erdbeben
  • Vulkaneruptionen
  • AIDS-Infektion
  • Frühwarnsysteme von Nuklear- und ABC-Waffensystemen
  • Resistenzen
Pythia
Unsicher
Unsicher
  • Eingriffe in Geozyklen
  • Klimaveränderungen
  • Neue Seuchen (z.B. BSE)
  • Gentechnik
  • Freisetzung und Inverkehrbringen transgener Pflanzen
Pandora
Unsicher
Unsicher
  • Neue Chemikalien
  • Ozon
  • Umweltgifte
Kassandra
Hoch
Hoch
  • Mutagene Wirkungen
  • Langzeitfolgen von Klimaveränderungen
Medusa
Gering
Gering
  • Ionisierende Strahlung
Tabelle 1: Charakterisierung von Risiken (angelehnt an WBGU 1999, Renn et al. 2007)

Allgemein basieren Katastrophen- und Risikomanagementsysteme auf Wahrscheinlichkeiten. Es wird untersucht, wie wahrscheinlich es sein kann, dass ein Ereignis eintritt und infolgedessen mit welcher Wahrscheinlichkeit mit den jeweiligen Konsequenzen zu rechnen ist. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Wahrscheinlichkeit seltener Ereignisse am Ende gar nicht berechenbar ist (vgl. Taleb 2012: 26f.). Ein Jahrhunderthochwasser ist beispielsweise wesentlich folgenschwerer und seltener als ein Jahrzehnthochwasser; ebenso sind die Kenntnisse für ersteres geringer (vgl. ebd.: 27; Taleb 2007: 74). Mit abnehmender Wahrscheinlichkeit erhöhen sich infolgedessen auch die Modellfehler: „Je seltener ein Ereignis ist, desto weniger ist es handhabbar, und desto weniger können wir wissen, wie häufig es auftritt“ (Taleb 2012: 27). Insbesondere die Risikoklassen Zyklop, Pythia, Pandora sind von Unsicherheiten gekennzeichnet.

Dennoch hat der Mensch ein Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität. Empirisch nachgewiesen werden Verluste stärker als Gewinne gewichtet (Verlustaversion), ähnlich verhält es sich mit dem Umgang von Risiken und unvorhersehbaren Ereignissen (Kahneman/Tversky 1979, 1984). Es ist häufig festzustellen, dass Risiken fälschlicherweise von der öffentlichen Wahrnehmung systematisch überschätzt werden – wie beispielsweise ein Unfall in einem Kernkraftwerk – und gleichzeitig werden andere zu gering eingeschätzt – wie zum Beispiel ein Schlaganfall (vgl. Thaler/Sunstein 2011: 43f). Dabei werden insbesondere die Risiken überschätzt, die anthropogen verursacht sind oder als aufgezwungen empfunden werden, wohingegen natürliche Risiken, oder solche, die steuerbar erscheinen, meistens systematisch unterschätzt werden (vgl. Renn et al. 2007: 86).

Grundsätzlich wird zwischen qualitativen Risikomerkmalen unterschieden, die über die zwei wesentlichen Merkmale (Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensausmaß) hinausgehen: Risikobezogene Muster und situationsbezogene Muster. Erstere beziehen sich auf die Eigenschaften der Risikoquelle, wie beispielsweise die Gewöhnung an diese, das Katastrophenpotential oder der Eindruck der Reversibilität der Risikofolgen (vgl. Renn et al. 2007: 78). Beispielhaft hierfür ist die subjektive Einschätzung der Risiken im Hinblick des Autofahrens und des Fliegens in einem Flugzeug. Es ist mittlerweile bekannt und statistisch nachgewiesen, dass die Wahrscheinlichkeit eines Autounfalls wesentlich höher ist, als ein Flugzeugabsturz. Dennoch empfinden die meisten Menschen größere Angst beim Fliegen, da die wahrgenommene „Schrecklichkeit“ eines Unfalls hier größer ist (ebd.). Rationalität spielt bei der subjektiven Bewertung von Risiken entsprechend eine eher untergeordnete Rolle. Situationsbezogene Muster beziehen sich hingegen auf die Eigenschaften der riskanten Situation: Freiwilligkeit der Risikoübernahme, Kontrollmöglichkeit, Vertrauen in die öffentliche Kontrolle oder die Eindeutigkeit der Informationen über Gefahren sind hier unter anderem relevant (vgl. Renn et al. 2007: 79). Insbesondere der Eindruck der Kontrollfähigkeit ist im Alltag häufig präsent, wie beispielsweise Essgewohnheiten veranschaulichen. Die Entscheidung, auf ungesunde Lebensmittel, wie Süßigkeiten oder Alkohol zu verzichten, obliegt schließlich der eigenen Kontrolle und des eigenen Willens; chemische (häufig harmlose) Zusatzstoffe in Lebensmitteln werden jedoch als ernsthafte Bedrohung für die eigene Gesundheit wahrgenommen (vgl. ebd.). Gerade die Kontrolldimension hat einen maßgebenden Einfluss auf die Risikowahrnehmung, die es jedoch im Hinblick auf unvorhersehbare Ereignisse zu relativieren gilt (vgl. Schneider/Vogt 2018: 112f.). Die individuelle Risikowahrnehmung erscheint damit äußerst komplex; insbesondere, wenn es darum geht, zu erklären, warum die einen ein Risiko als besonders schwerwiegend und andere das gleiche Risiko als harmlos oder sogar als Chance wahrnehmen (vgl. Renn/Klinkel 2014: 9).

Im Hinblick auf die verzerrte Risikowahrnehmung sowie den Umgang mit Wahrscheinlichkeiten können auch alle noch so guten Analysen, Berechnungen oder Bewertungen nicht mehr helfen. Hier bedarf es vielmehr einer Risikointelligenz, die der Psychologe und Risikoforscher Gerd Gigerenzer als die Grundvoraussetzung, sich in einer komplexen und technologischen Gesellschaft orientieren zu können, sieht. Risikokompetenz ist dann die Fähigkeit, mit Situationen umgehen zu können, die auf Unsicherheiten basieren. (vgl. Gigerenzer 2013) Ein anderer Begriff ist die Risikomündigkeit, womit jeder Bürger und jede Bürgerin basierend auf den eigenen Werten und Präferenzen Risiken beurteilen soll. Dies setzt aber auch eine Verpflichtung von Experten und Expertinnen voraus, die die Bevölkerung adäquat aufklären, Informationen nachvollziehbar aufzeigen und damit Vertrauen aufbauen. (vgl. Renn 2014: 586) Insbesondere in Krisen, wie der COVID-19-Pandemie, ist dies von entscheidender Relevanz. Es geht dabei weniger darum, einer illusorischen Sicherheit hinterher zu jagen und zu versuchen, alle Risiken bestmöglich zu vermeiden. Es geht um den Umgang mit diesen, um Aufklärung und Reflexion. Denn die Zukunft kann nicht vorhergesagt werden, womit ein Teil von Ungewissheit in jedem Fall erhalten bleibt.

„The dilemma of risk is the inability to distinguish between risk reduction and risk escalation. Whether there is risk of harm, how great it is, what to do about it, whether protective measures will not in fact be counterproductive are all in contention. So far the main product of the debate over risk appears to be uncertainty.“ (Wildawsky 1979: 34)

Literatur

Beck, U. (1986): Risikogesellschaft. Auf den Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. 23. Auflage 2016.

Gigerenzer, G. (2013): Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft. München: btb Verlag. 5. Auflage 2014.

Kahneman, D.; Tversky, A. (1979): Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk. In: Econometrica, 47(2). S. 263–291.

Kahneman, D.; Tversky, A. (1984): Entscheidungen, Werte und Frames. In: Kahnemann, Daniel (Hrsg.) (2011): Schnelles Denken, langsames Denken. München: Penguin Verlag. 11. Auflage 2012. S. 545–568.

Renn, O. (2014). Das Risikoparadox. Warum wir uns vor dem Falschen fürchten. Frankfurt a.M.: S. Fischer.

Renn O.; Klinke A. (2015): Risk Governance and Resilience: New Approaches to Cope with Uncertainty and Ambiguity. In: Fra.Paleo U. (Hg.): Risk Governance. Dordrecht: Springer. S. 19–41.

Renn, O.; Schweizer, P.-J.; Dreyer, M. & Klinke, A. (2007): Risiko. Über den gesellschaftlichen Umgang mit Unsicherheit. München: oekom.

Schneider, M.; Vogt, M. (2018): Selbsterhaltung, Kontrolle, Lernen. Zu den normativen Dimensionen von Resilienz. In: Karidi, M. et al. (Hg.): Resilienz. Interdisziplinäre Perspektiven zu Wandel und Transformation. Wiesbaden: Springer. S. 103–123.

Taleb, N. N. (2007): Der Schwarze Schwan. Konsequenzen aus der Krise. München: dtv Verlagsgesellschaft. 4. Auflage 2015.

Taleb, N. N. (2012): Antifragilität. Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen. München: btb Verlag. 2. Auflage 2014.

Thaler, R. H.; Sunstein C. R. (2011): Nudge. Wie man kluge Entscheidungen anstößt. Berlin: Ullstein Buchverlage. 10. Auflage 2017.

WBGU (1999): Welt im Wandel: Strategien zur Bewältigung globaler Umweltrisiken. Jahresgutachten 1998. Berlin, Heidelberg: Springer Verlag.

Wildawsky, A. (1979): No Risk Is the Highest Risk of All. In: American Scientist, 67(1). S. 32 –37.

WEF World Economic Forum (2020): The Global Risks Report 2020. Insight Report 15th Edition.

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