2.0.5.0.

„Ach… E.V.A., lass mich doch noch fünf Minuten weiterschlafen…! – Kurz darauf wurde ich intelligenterweise von meiner Matratze mit einem Ruck aus dem Bett gestoßen. Manchmal tut das gut… und manchmal tut es einfach nur weh! Auch wenn ich E.V.A., ein Humanoid, der für das Monitoring meiner ganzen Haushaltsgeräte zuständig ist, damit beauftragt habe, mich jeden Tag um 7 Uhr aufzuwecken und bloß nicht auf mich zu hören – selbst wenn ich Sie bitte mich fünf Minuten weiterschlafen zu lassen, war ich aufgebracht darüber, gegen meinen Willen aus meinem eigenen Bett rausgeworfen worden zu sein.

„Man kann ja nicht mal so leben, wie man es möchte!“, rief ich ihr zu. Ist Sie überhaupt eine Sie? Oh, ich meine ist Es eine Sie? Warum muss Sie denn unbedingt ein Geschlecht haben – oh schon wieder Sie!? Na ja, selbst wenn ich mich oft über die Erbarmungslosigkeit von E.V.A. aufrege, macht Sie eigentlich nur das, was ich von ihr will. Da ich morgens bloß nicht zu spät zu Arbeit kommen will, habe ich Sie so programmiert, dass sie dafür sorgt, dass ich morgens um 7 Uhr aus dem Bett bin und das, wenn es sein muss, auch gegen meinen Willen…!

Hab ich schon wieder Sie gesagt?! Aber wie komme ich eigentlich darauf…? Die Stimme hat einen weiblichen Klang, vielleicht liegt es daran. Zu Beginn hatte ich die Möglichkeit mich zwischen unterschiedlichen Stimmlagen zu entscheiden. Es gab eine männliche, weibliche und eine kindlich klingende Stimme und dazu auch noch unterschiedliche Sprachen mit exotischen Akzenten.

Die Auswahl ist unendlich…, auch optisch kann man beispielsweise die Körpergröße, die Körpermaße und die Hautfarbe auswählen. Somit werden humanoide Roboter leider von manchen auch für – nun ja – besondere Zwecke verwendet. Wie richtig das ist…? Na ja – verboten ist es zumindest nicht…! Schließlich ist es kein autonomer Mensch, sondern ein Roboter und seine Rechte unterliegen allein dem Eigentümer! Mittlerweile gibt es viele Aufruhen in dieser Hinsicht, doch es hat sich gesetzlich noch nichts bewegt! Roboter sind zwar keine Menschen, doch das heißt lange nicht, dass es okay ist, unmenschlich mit ihnen umzugehen. Nicht alles, was moralisch falsch ist, braucht ein gesetzliches Verbot oder eine Strafe…oder?!

Von diesen trübseligen Gedanken begleitet, trinke ich meinen morgendlichen Kaffee, den mir E.V.A. in der von mir personalisierten Intensität bringt. „Hmm… ganz genau nach meinem Geschmack!“ Somit schmeckt der Kaffee jeden Tag genauso, wie ich ihn haben will, ohne böse Überraschungen der menschlichen Fehlbarkeit! Während ich meinen morgendlichen Kaffee genieße, wird mir das Badewasser aufgewärmt, natürlich damit ich auch hier Zeit spare… warte mal, wofür spare ich eigentlich diese ganze Zeit…?!

Nach dem Bad fahre ich mit meinem autonomen Hybridfahrzeug zur Arbeit, oh nein, falsch formuliert, …ich werde von meinem Fahrzeug zur Arbeit gefahren. Eigentlich ist es ein Firmenwagen und gehört nicht mir, deshalb fährt es auch strikt nur die Route zwischen meinem Zuhause und der Arbeit, dabei nimmt er auch nur die kürzeste Route, um sowohl an Energie als auch – natürlich wie immer, ihr könnt‘s schon raten – an nichts anderem als an Zeit zu sparen…!

Nicht nur Firmenwagen, auch private Fahrzeuge sind dazu verpflichtet sich an die Vorschriften bezüglich Energieeffizienz zu halten. Die ganze Stadt ist im Hinblick auf den Klimaschutz umstrukturiert wurden. Durch die Stadt mit dem Auto herumfahren, wie man will, spontane Roadtrips etc., das gibt’s schon lange nicht mehr! Die Fahrzeiten und Strecken werden alle von der Stadtverwaltung reguliert und überwacht. Wer sich nicht daran hält, kann mit hohen Strafen rechnen! Da alles größtenteils verfolgbar ist und die Einhaltung der Vorschriften und Gesetze von Algorithmen überwacht wird, hat sich viel in der kriminellen Welt geändert.

Kleinkriminalität wie Diebstahl oder Kavaliersdelikte sind zur Seltenheit geworden. Aber schwere Taten wie Mord oder Vergewaltigung, die oft im Affekt geschehen, können selbst durch die intelligentesten Algorithmen nicht prognostiziert werden. In diesem Bereich bleibt die Undurchschaubarkeit menschlichen Handelns bestehen. Das zeigt auch die Grenzen der Manipulierbarkeit menschlichen Handelns durch Kontrolle und Überwachung.

Nicht nur die Wahrung der gesellschaftlichen Ordnung und Einhaltung der Gesetze geschieht durch Algorithmen, auch das Urteil über deren Übertretung wird von Algorithmen getroffen. Es gab zunächst eine Studie über mehrere Jahre, die die Rechtmäßigkeit und Angemessenheit der Gesetzesurteile zwischen menschlichen und algorithmischen Richtern verglichen hat. Da sich die Algorithmen als deutlich objektiver und rechtstreuer erwiesen, fühlte sich die Regierung verpflichtet in diesem Bereich zwischen menschlicher Arbeit und der Maximierung der Gerechtigkeit zu entscheiden. Die Entscheidung können Sie sich erschließen.

Ok, wir scheinen angekommen zu sein! Das ist das Gute an diesen Fahrten, ich kann mir die Zeit nehmen lange über Dinge nachzudenken, ohne dabei auf den Straßenverkehr achten zu müssen, darf ich das eigentlich…? – Naja, das ist so eine Grauzone, wie bei dem Umgang mit den Robotern…! Aber dafür ist doch dieses ganze Zeitsparen oder…? Damit wir unsere wertvolle Zeit geistigen Tätigkeiten und Denkarbeit widmen können. Ob jeder es auch so verwendet, naja das können sie jedenfalls noch nicht kontrollieren, soweit ist die Technik noch nicht!

An der Arbeitsstelle angekommen, werde ich von unserem Aufsichtspersonal an der Tür freundlich begrüßt. Marvin empfängt einen immer so herzlich, er kennt unsere Gesichter und spricht uns auch direkt mit dem Namen an. Er kann sogar Witze machen, aber sein Repertoire ist natürlich begrenzt, irgendwann wiederholen sie sich ja… Aber das ist doch auch beim Menschen so, oder? Nur weil wir sie mögen, nehmen wir es ihnen nicht übel… Eigentlich mag ich auch Marvin, aber irgendwie fühlt es sich so komisch an, also er macht ja nur das, was ihm einprogrammiert wurde… Nicht weil er mich gerne hat oder so…?

Das ist auch wieder so eine Sache, irgendwo werden wir mit sympathischem Auftreten und Gesten empfangen, die ziemlich persönlich sind und für ein Wohlempfinden sorgen. Andererseits kann man diesen recht realitätsnahen und teils intimen Interaktionen nicht so begegnen, wie man es normalerweise tun würde. Dieser Austausch, der bei zwischenmenschlichen Beziehungen für Nähe sorgt, zeigt sich bei Robotern nicht. Die regelmäßige Kommunikation und diese meilenweite Distanz zwischen Mensch und Roboter, die sich trotz alldem nicht aufzuheben scheint!

Dies hat vieles in unserer Gesellschaft tiefgehend verändert. Denn mittlerweile kommunizieren Menschen mehr mit Robotern oder auch anderen Formen von künstlichen Intelligenzen als mit… Menschen. Daher sind wir unmittelbar stark davon betroffen. Dieser Wandel hat sich zwar schleichend, aber dauerhaft etablieren können. Als die Entscheidung getroffen wurde, die komplette Stadt im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz infrastrukturell umzugestalten, schien der Einsatz von intelligenten Systemen die perfekte Lösung zu sein, um den Plan konsequent durchzusetzen. So kam es, dass in Kürze der flächendeckende Einsatz von künstlichen Intelligenzen zum Alltag gehörte…

Anfangs als ziemlich ungewöhnlich oder gar unheimlich empfunden, viele kritische Stimmen gab es zu hören, aber der Mensch ist nun mal ein Gewohnheitstier. Gestern war es ungewöhnlich, heute können wir nicht mehr ohne…! Das Faszinierende an diesen intelligenten Maschinen ist, dass sie kontinuierlich dazu lernen und somit zunehmend menschlicher wurden.

Die Roboter wurden immer mehr dem Menschen ähnlich, und die Menschen dem Roboter…

„Pieps!“, meine Smartglass schickt mir die erste Warnung, nach meinem 60-sekundigen träumerischen Blick aus dem Fenster, „Schauen Sie bitte auf Ihren Bildschirm.“

Sie ist äußerst penetrant, aber dennoch bleibt Sie höflich… – oh schon wieder Sie…?!?

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