We ought to. But we don’t“ – Verantwortungslose Abwehrmechanismen

Der Schriftsteller und Journalist Kurt Tucholsky (1890–1935) schrieb: „Der Zustand der gesamten menschlichen Moral läßt sich in zwei Sätzen zusammenfassen: We ought to. But we don’t.“ Treffender ist die allgegenwärtige Kluft zwischen Wissen, Bewusstsein und Verhalten hinsichtlich des menschlichen Umgangs mit ökologischen Problemen wohl kaum zu beschreiben. Umweltprobleme sind mittlerweile für die meisten Menschen omnipräsent, in den Medien, in der Politik und draußen auf der Straße. Das Bewusstsein hierfür steigt kontinuierlich – aber die seit Jahrzehnten beklagte Lücke zwischen Wissen und Verhalten möchte sich nicht schließen. Wie kann es sein, dass trotz des hohen Interesses, der zunehmenden Aufmerksamkeit, des Verantwortungsbewusstseins und der Einsicht, dass sich etwas ändern muss, das individuelle Umweltverhalten inkonsistent bleibt?

Zahlreiche verhaltenspsychologische Mechanismen und Phänomene beeinflussen maßgeblich das individuelle Verhalten in moralischen Entscheidungssituationen. Problematisch ist dies unter anderem im Konsumverhalten. Verschiedene Mechanismen der Verantwortungsablehnung oder -leugnung, wie beispielsweise Moral Licensing oder die Mind-Behavior-Gap, verdeutlichen, wie Verbraucher Strategien anwenden, um weniger moralisches Verhalten zu rechtfertigen, ohne ihr Selbstbild zu verletzen. Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst, schaffen es aber nicht, uns regelmäßig entgegen unserer individuellen Präferenzen zu verhalten.

Ursprünglich basierend auf der ökonomischen Spieltheorie kennzeichnen insbesondere Soziale (bzw. sozial-ökologische) Dilemmata diese Diskrepanz. Hierbei geht es um den Konflikt zwischen individuellen und gemeinschaftlichen Interessen, sodass individuelles rationales Verhalten zu kollektiv ineffizienten Ergebnissen führt. Je nach Kontext wird zwischen Nutzungsdilemmata und Beitragsdilemmata unterschieden. Im ersten Fall geht es um Allmendegüter, die niemanden in der Nutzung ausschließen, aber Rivalität im Konsum aufweisen. Als gängiges Beispiel dient die Überfischung der Weltmeere: Für einen einzelnen Fischer ist der eigene Gewinn umso größer, je mehr Fische er fängt. Eine Überfischung der Weltmeere und damit einhergehende Nahrungsmittelengpässe oder eine Erhöhung der Preise betreffen jedoch alle Fischer. Das bedeutet, der kurzfristige Gewinn des einzelnen Fischers (individuelles Interesse) steht dem langfristigen Verlust aller (kollektives Interesse) gegenüber. Dadurch wird entsprechend auch derjenige Fischer geschädigt, der verantwortungsvoller war und weniger Fisch gefangen hat – sodass am Ende kein Anreiz zum ökologisch verantwortungsvollen Verhalten besteht.

Beitragsdilemmata basieren auf öffentlichen Gütern, die durch Nicht-Ausschließbarkeit und Nicht-Rivalität im Konsum gekennzeichnet sind. Hier besteht jedoch grundsätzlich der Anreiz zum Free Riding: Ohne etwas zu dem öffentlichen Gut beizutragen, profitieren auch Trittbrettfahrer hiervon – die Verantwortung wird regelrecht abgelehnt. Dies wird weiterhin durch Social Discounting verstärkt: In Experimenten wurde nachgewiesen, dass das individuelle Fairnessverhalten von der sozialen Distanz abhängig ist. In Situationen, in denen anonym agiert werden kann, wird ein vergleichsweise geringes Fairnessverhalten festgestellt. Ist es für die handelnde Person lohnenswert, sich unfair zu verhalten und fühlt sie sich dabei nicht beobachtet, wird dies in der Regel auch ausgenutzt. (vgl. Locey et al. 2011)

Dies veranschaulicht beispielhaft, dass sich moralische Vorstellungen nicht vollständig im realen Verhalten widerspiegeln. Zahlreiche Studien zeigen, dass es zwar für viele Verbraucher wichtig sei, nachhaltig und umweltbewusst zu konsumieren, das tatsächliche Konsumverhalten divergiert jedoch hiervon. Dies wird als Mind-Behavior-Gap bezeichnet. Nach der Theorie der kognitiven Dissonanz haben Menschen das inhärente Bedürfnis nach einer Konsistenz zwischen ihren Einstellungen und ihren Handlungen. Entsteht eine Inkonsistenz, nehmen wir uns diverser Mechanismen an, die uns von dem befremdlichen Gefühl der Dissonanz befreien sollen und unser moralisches Gleichgewicht wiederherstellen. Dies geschieht beispielsweise durch Verantwortungsdiffusion, Verantwortungsdelegation, Free Riding, Rationalisierung oder Moral Licensing. (vgl. Symannk/Hoffmann 2016; Kollmuss/Agyeman 2002)

Insbesondere in Gruppenkontexten werden diese Mechanismen relevant, da hier die Verantwortung auf mehrere Personen verteilt werden kann (Verantwortungsdiffusion). Entsprechend fühlt sich der Einzelne weniger verantwortlich – je größer die Gruppe, desto geringer die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme. Im Hinblick auf globale Umweltprobleme – in denen die gesamte Menschheit als Gruppe betrachtet werden kann – erscheint der individuelle Anteil trivial.

Kognitive Dissonanz kann auch durch eine Rationalisierungsstrategie verringert oder aufgelöst werden; hierbei passt das Individuum seine Einstellung seinem Verhalten an. Diejenigen Informationen, die im Widerspruch zu der bereits getroffenen Entscheidung stehen, werden abgewertet und diejenigen, die die Entscheidung bestätigen, aufgewertet: Fährt ein „umweltbewusster“ Mensch mit dem Auto nach Kroatien, wohlwissend über die negativen Auswirkungen des Autofahrens, könnte er sich bewusst machen, dass Flugreisen wesentlich umweltschädigender sind – die Dissonanz nimmt ab und seine Einstellung wird seinem Verhalten angepasst. (vgl. Symannk/Hoffmann 2016)

Eine weitere Möglichkeit, kognitive Dissonanzen aufzulösen, gewährt uns das Moral Licensing. Sobald das moralische Selbstimage erhöht wird, sinkt das tatsächliche moralische Verhalten, indem zwei Handlungen miteinander „verrechnet“ werden: So können beispielsweise lange Flugreisen damit rechtfertigt werden, täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren oder sich vegan zu ernähren. Eine moralische Handlung wird mit einer weniger moralischen kompensiert und das Gewissen ist wieder ausbalanciert. (vgl. Symmank/Hoffmann 2016; Thaler 1985)

Die vorgestellten Mechanismen stellen lediglich einen kurzen Umriss einer komplexen Thematik dar und sind beliebig zu erweitern. Festzuhalten ist, dass das menschliche Verhalten in Umweltfragen zahlreichen psychologischen Mechanismen unterliegt, die uns erlauben, die Verantwortung von uns zu weisen – die Überforderung scheint einfach zu groß und nicht zu bewältigen. Ganz in Freuds Sinne nehmen wir uns dieser Abwehrmechanismen an, die uns ein Leugnen oder Verdrängen der eigenen Verantwortung ermöglichen, im Bewusstsein darüber und wohlwissend der Konsequenzen. Da also Wissen allein an dieser Stelle nicht ausreicht, muss es durch eine bestimmte Haltung begleitet werden: „Ein zentrales Element einer solchen Haltung ist dabei eine leitende Vision, die zum Kompass des eigenen Handelns wird.“ (Schneidewind 2018)


Quellen

Kollmuss, A.; Agyeman, J. (2002): Mind the Gap: Why do people act environmentally and what are the barriers to pro-environmental behavior? In: Environmental Education Research. 8. Jg. 2002/03. S. 239–260.

Locey, M. L.; Jones, B. A.; Rachlin, H. (2011): Real and hypothetical rewards in social discounting. In: Judgment and Decision Making. 6. Jg. 2011/06. S. 552–564.

Schneidwind, U. (2018): Die Große Transformation. Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels. Frankfurt am Main: Fischer Verlag.

Symmank, C.; Hoffmann, S. (2016): Leugnung und Ablehnung von Verantwortung. In: Heidbrink, L. et al. (2016): Handbuch Verantwortung. Springer Reference Sozialwissenschaften. Wiesbaden: Springer VS.

Thaler, R. (1985): Mental Accounting and Consumer Choice. In: Marketing Science. 4. Jg. 1985/03. S. 199–214.

 

Weiterführende Literatur

Kahneman, D. (2003): Maps of bounded rationality: Psychology for behavioral economics. In: The American Economic Review. 95. Jg. 2003/05. S. 1449–1475.

Thaler, R.; Sunstein, C. (2011): Nudge. Wie man kluge Entscheidungen anstößt. Berlin: Ullstein Buchverlage.

Thaler, R. (2015): Misbehaving. Was uns die Verhaltensökonomik über unsere Entscheidungen verrät. München: Pantheon Verlag.