Zwischen Gewissen und Gerechtigkeit in der Tiefsee

Die Tiefsee birgt genug Ressourcen, um uns alle mit den Technologien der Zukunft zu versorgen – das klingt gut. Aber artenreiche Ökosysteme stehen auf dem Spiel.

Die Vereinten Nationen arbeiten seit über zehn Jahren an einem Abkommen zur „Erhaltung und zur nachhaltigen Nutzung der marinen Artenvielfalt“ (United Nations 2019). Diesem Vertrag wird enormes geopolitisches Potential zugesprochen, da in ihm die grundlegende Idee verankert ist, dass die Rohstoffe am Meeresboden, außerhalb der Grenzen nationaler Souveränität, gleichermaßen allen Menschen dieser Erde zustehen. Bei diesen Rohstoffen handelt es sich unter anderem um Edelmetalle und Seltene Erden – in Zeiten des technischen Fortschritts wahre Schätze. Jene Funde in der Tiefsee könnten das internationale Ungleichgewicht der Ressourcenverteilung und kritische Abhängigkeiten in naher Zukunft vollkommen kippen. Aber kann es eine „nachhaltige Nutzung der Artenvielfalt“ überhaupt geben? Viele Umweltschützer fürchten, das Eingreifen in die noch weitestgehend unerforschten Ökosysteme der Tiefsee könne dramatische Folgen für die dort vertretene Biodiversität und die Wasserqualität haben. Fraglich ist, inwieweit sich der Mensch hiervon tangiert fühlt: Können und wollen wir uns den verantwortungsvollen Umgang mit den Ressourcen und Ökosystemen der Tiefsee überhaupt leisten?

Unser aller Erbe

In den 200 Meilen vor ihrer Küste stehen den jeweiligen Nationen nach internationalem Recht die vorhandenen Ressourcen zur Erforschung und Förderung zu. Die Hohe See dahinter ist momentan ein „juristischer Wilder Westen“ (vgl. Schultz 2019). Mit dem Abkommen könnte dieser aber zu einem Gebiet werden, von dem alle Nationen profitieren, auch Binnenstaaten. Das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen, zu dem das diskutierte Abkommen ergänzend in Erscheinung treten soll, beschreibt die Ressourcen am Meeresboden internationaler Gewässer als „gemeinsames Erbe der Menschheit“ (UNCLOS 1982). Der Entwurf des neuen Vertrages sieht sogar vor, ein besonderes Augenmerk auf geographisch und wirtschaftlich benachteiligte Staaten zu richten. Außerdem beinhaltet das Abkommen die Bedingungen, dass Ressourcen nur zu friedlichen Zwecken genutzt werden und die Biodiversität, insbesondere fragiler und langsam regenerierender Ökosysteme, geschützt wird (vgl. United Nations 2019). Es heißt, der Meeresboden sei gemeinsames Erbe der Menschheit und die Erkundung und Nutzung dessen solle der Menschheit als Ganzes zugutekommen. Doch diese zum Teil Jahrtausende alten Ökosysteme beherbergen Spezies, die weit älter sind als die Menschheit. Wer regelt die Bedürfnisse dieser Ökosysteme und ist es unsere Verantwortung, sie zu schützen? Und wenn ja, welchen Stellenwert messen wir dieser Verantwortung bei? Ein erster Schritt wäre, sich Klarheit zu verschaffen und die Meere und ihre Artenvielfalt sorgfältig zu erforschen. Denn derzeit sind die Meere aus Forschungssicht vor allem eins: ein großer, blauer, blinder Fleck. Der Anteil der uns bekannten Spezies, die die Weltmeere bewohnen, wird auf unter 30 % allen marinen Lebens geschätzt (vgl. Costello et al. 2010).

Potentiale des Tiefsee-Bergbaus

Obgleich wir ähnlich wenig über die Rohstoff- wie über die Artenbestände der Tiefsee sicher sagen können, so ist die Dunkelziffer in ersterem Fall doch eher Grund zum Enthusiasmus und zum Investitionsmut. Denn schon wenige Proben versprechen große Schätze am Grund der Ozeane.

Informationen über das Vorkommen wichtiger Rohstoffe, wie Gold, Kupfer, Lithium, Nickel und Kobalt, in teilweise deutlich höheren Konzentrationen als in Abbaugebieten an Land, liegen schon seit Jahrzehnten vor. Auch die Förderung von Manganknollen wurde in den Siebzigerjahren bereits versucht. Bei diesen Knollen handelt es sich um Klumpen aus über Jahrtausenden angereicherten Erzen. Sie bestehen zum Großteil aus den Metallen Mangan und Eisen, sind aber auch eine begehrte Quelle für Kupfer, Kobalt, Zink und Nickel. Manganfelder sind in mehreren tausend Metern Tiefe unter anderem im Pazifik vorzufinden und entsprechend kompliziert zu fördern. Gemeinsam mit den Vorkommen auf Seebergen und an Thermalquellen sind sie ein zentrales Objekt der Begierde im Tiefseebergbau.

Die Entwicklung der Förderungstechniken ist auf dem Vormarsch. Was einst weder technisch ausgereift noch wirtschaftlich profitabel war, ist heute eine vielversprechende Investitionsmöglichkeit. Denn der wachsende Markt für Elektroautos, Smartphones, Solaranlagen und weitere zukunftsträchtige Technologien führt zu einer gesteigerten Nachfrage nach Ressourcen wie Lithium und Kobalt und hatte in den vergangenen Jahren exorbitante Preisanstiege zur Folge (vgl. Metalary 2019).

Das außergewöhnliche geopolitische Potential von Rohstoffquellen in der Tiefsee basiert auf ihrer Lage außerhalb der ausschließlichen Wirtschaftszonen einzelner Staaten. Die Vorkommen in Landlagerstätten sind sehr ungleich verteilt, was zu mächtigen Monopolstellungen einiger weniger Nationen geführt hat (vgl. Ocean Review 2014). Durch eine geregelte, gerechte Ressourcenförderung am Meeresboden ergibt sich die Möglichkeit, jene Monopole aufzubrechen.

Risiken des Tiefsee-Bergbaus

Zum Ausmaß der unmittelbaren und langfristigen Gefahren für das Biotop Tiefsee können wir nur Schätzungen und Prognosen anstellen. Und selbst die Optimistischsten dieser verknüpfen einen radikalen Eingriff in die unberührte Welt der Tiefen, wie Schürfarbeiten es wären, mit dramatischen Folgen für die dort angesiedelten Arten. So fand eine deutsch-französische Forschungsgruppe im Jahr 2006 das Gebiet, in dem in den Siebzigern Manganknollen-Abbautests durchgeführt wurden, vollkommen kahl und unbelebt vor, wohingegen sich das Leben im Umland tummelte und trotz der extremen Umstände der Tiefsee florierte (vgl. Zierul 2011).

Zuständig für die Organisation und Überwachung der Ressourcennutzung am Meeresboden, aber auch für die Förderung wissenschaftlicher Forschung in diesem Gebiet, ist die Internationale Meeresbodenbehörde (ISA: International Seabed Authority). Diese hat bisher lediglich Lizenzen zur Erforschung des Meeresbodens und seiner Ressourcen erteilt, nicht aber zur kommerziellen Förderung dieser. Sie wird aber dennoch bereits jetzt von Organisationen wie Greenpeace heftig kritisiert. Angefangen damit, dass es der ISA an Expertise und Kapazitäten zum Schutze der Natur fehle, bemängelt Greenpeace insbesondere die ausgestellten Umweltverträglichkeitsgutachten. Diese stehen in der Kritik, da sie von Bergbaufirmen durchgeführt und nicht von unabhängiger Seite verifiziert werden. Darüber hinaus werden sie der Öffentlichkeit nicht zur Verfügung gestellt (vgl. Casson 2019).

Die Deep Sea Conservation Coalition (DSCC), zu deren Mitgliedern auch Greenpeace und der WWF gehören, fordert aufgrund dieser Intransparenzen einen Stopp der kommerziellen Exploration, bis die Auswirkungen auf die dadurch bedrohte Biodiversität ausreichend erforscht sind (vgl. DSCC 2019).

Ein weiterer zentraler Punkt in den Forderungen zum Schutz des Lebens in der Tiefsee ist der Plan für Meeresschutzgebiete. Genauer sollen Netzwerke von Meeresschutzgebieten eingeführt werden. Um lokalspezifische Schutzmaßnahmen ausführen zu können, bedürfe es streng regulierter und effizient verwalteter „Schutzgebiets-Netzwerke“ (Greenpeace 2019). Dazu werden derzeit Studien durchgeführt.

Unser aller Verantwortung?

Es besteht also die Chance, eine gerechtere Ressourcenverteilung zu ermöglichen und die Technologien der Zukunft weiter voranzutreiben. Dem gegenüber stehen die noch größtenteils unerforschten Konsequenzen für die Umwelt, insbesondere für die marine Artenvielfalt. Eines steht jedoch fest: Ein Eingriff in diese sensiblen Ökosysteme wird nicht ohne Folgen bleiben. Es stellt sich also die Frage, was die Menschheit aus vergangenen und aktuellen Ausbeutungen des Planeten gelernt hat. Wenn wir – die Menschheit – uns in diesem Belang überhaupt als eine Einheit bezeichnen können, wie gedenken wir mit unserem gemeinsamen Erbe umzugehen – verantwortungsvoll?


Quellen 

Casson, L. (2019): Why the International Seabed Authority probably won’t protect our oceans. In: Greenpeace International STORY, 24.06.2019. Online verfügbar unter: https://www.greenpeace.org/international/story/23397/four-reasons-why-the-international-seabed-authority-probably-wont-protect-our-oceans/ [Zugriff: 10.11.2019].

Costello, M.J.; Coll, M.; Danovaro, R.; Halpin, P.; Ojaveer, H.; Miloslavich, P. (2010): A Census of Marine Biodiversity Knowledge, Resources, and Future Challenges. In: PLOS ONE, 02.08.2010. Online verfügbar unter: https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0012110 [Zugriff: 13.11.2019].

DSCC (2019): Position Statement on Deep Seabed Mining. In: savethehighseas.org, Juli 2019. Online verfügbar unter: http://www.savethehighseas.org/wp-content/uploads/2019/08/DSCC-Position-Statement-on-Deep-Seabed-Mining_July2019.pdf [Zugriff: 10.11.2019].

Metalary (13. Februar, 2019): Durchschnittlicher Preis von Lithiumcarbonat weltweit in den Jahren von 2002 bis 2018 (in US-Dollar je Tonne) [Graph]. In Statista. Online verfügbar unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/979746/umfrage/durchschnittlicher-preis-von-lithium-weltweit/ [Zugriff: 12.11.2019].

Schultz, S. (2019): Rohstoffrausch in der Tiefsee. In: SPIEGEL ONLINE, 21.08.2019. Online verfügbar unter: https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/vereinte-nationen-verhandeln-ueber-weltozeanabkommen-zum-schutz-der-meere-a-1283764.html [Zugriff: 11.11.2019].

UNCLOS (1982): United Nations Convention of the Law of the Sea, 10.12.1982. Online verfügbar unter: https://www.un.org/depts/los/convention_agreements/texts/unclos/closindx.htm [Zugriff: 14.11.2019].

United Nations (2019): Draft text of an agreement under the United Nations Convention on the Law of the Sea on the conservation and sustainable use of marine biological diversity of areas beyond national jurisdiction. Online verfügbar unter: https://www.un.org/ga/search/view_doc.asp?symbol=A/CONF.232/2019/6 [Zugriff: 13.11.2019].

Zierul, S. (2011): Der Schatz der Tiefsee. In: ZEIT ONLINE, 08.02.2011. Online verfügbar unter: https://www.zeit.de/zeit-wissen/2011/02/Dossier-Rohstoffe-Abbau-im-Meer [Zugriff: 13.11.2019].