Schwarmidentität

 

Im März 2019 wurde Greta Thunberg für den Friedensnobelpreis nominiert. Manch eine_r spekuliert, dass Glanz und Ehre der Preisverleihung ihr Anliegen und die daraus erwachsene Bewegung politisch dressieren und letztlich den ‚Störfaktor‘ streikender Schüler_innen beseitigen werden. Die selbstorganisierten Bewegungsteilnehmer_innen sehen Greta als Initialzündung einer globalen Bewegung und betonen in den sozialen Medien, bewusst ohne Führung und übergeordnete Institution zu agieren. Betrachten wir Fridays for Future deshalb einmal gemäß den Kategorien eines Vogelschwarms, der ebenfalls führungslos und dennoch überaus elegant seit gut 160 Millionen Jahren funktioniert. Das oberste Gebot im Himmel heißt Äquilibrium: Fokussieren sich die Vögel zu sehr auf einen ausgewählten Leitvogel, zerbricht der Schwarm und das zuvor führungslose Kollektiv liefert sich im Kampf um Nähe und Distanz zum Leitvogel gegenseitigen Rivalitäten und Konflikten aus (vgl. Horn 2015: 26).

Menschenschwärme irritieren: Eine Masse von Menschen ist von außen intransparent. Vor allem, wenn sie spontan und schwer einordbar auftritt (vgl. König 2017: 26f.). Die Geschlossenheit gibt den Teilnehmer_innen im Bauch des kollektiven Wals das Gefühl der Stärke und Sicherheit. Andererseits verunsichert sie die, die der Masse gegenüberstehen. Die Masse der auf dem Platz gegenwärtigen Körper bildet Kohärenz (vgl. Stäheli 2015: 89). Im Schwarm des mit ‚echten‘ Körpern gebildeten Wir entsteht ungeplant etwas, das sowohl von innen als auch von außen als ein ‚Mehr als nur die Summe ihrer Einzelteile‘ erfahrbar wird. Im Wir erlebt die_der Einzelne das, was dem digitalen Schwarm auf Instagram und Twitter fehlt, eine Massenseele. (vgl. Han 2013: 20) Zwischen, über und in den zahllosen Gesichtern herrscht eine gemeinsame Identität. Eine solche spontane, kollektive Identität folgt ambivalenten Gesetzen des kollektiven Wiederkennens im anderen. Eine seltene Vertrautheit beginnt in der Logik des Schwarms ein Eigenleben fernab jeder äußeren und inneren Kontrolle zu führen. Die soziale Macht entfesselt, die ohne Führung im Überhitzungseffekt zu einer einzigen Handlungsmasse zusammenschweißt (vgl. Tarde 2015: 54). Der einzelne Mensch hört in der unzählbaren Masse auf, nur eine eingetragene Nummer zu sein und erfährt gerade dort in der undifferenzierbaren Zugehörigkeit zum Wir, im Unter- und Aufgehen des schäumenden Wellenschlags des Menschenmeers eine neue Freiheit im Zeitalter allgegenwärtiger Überwachung. Trotz der Maximierung der Öffentlichkeit und Sichtbarkeit schafft die Masse in ihrer optischen Relativierung und Musterbildung Anonymität. Dem System nackter Identifizierbarkeit tritt die geschlossene Identität des Schwarms aus Namenlosen entgegen (vgl. Abels 2010: 375).

Menschenschwärme sind Spiegelkabinette der Identität: Die Bedeutung der Musterbildung resoniert schon im etymologischen Ursprung des Begriffs Identität. Das lateinische Demonstrativpronomen idem deutet das Wiederauftreten derselben Person oder Sache an und impliziert damit eine ontologische Kontinuität (vgl. Ricoeur 1996: 151). Die Bedeutung des Wiederauftretens desselben bahnt sich schließlich ihren Weg in die Nationalsprachen und wird vor allem in der Wissenschaftsgeschichte zum Standardwortschatz dafür, dass verschiedene Dinge als identisch erscheinen. Trotz der Vielfalt an Kontexten und historischen Entwicklungen ist dem Begriff Identität die Bedeutung des Wieder-auftretens, wenn auch meist versteckt und implizit, erhalten geblieben: nicht nur zeitlich als Wiederholung und Wiederkehr, sondern auch räumlich, als dem gleichzeitigen Vorhandensein der immergleichen Sache räumlich oder bildlich nebeneinander. In diesem Sinne zeichnet sich die Identität eines Schwarmes vor allem durch das Wiederauftreten des Eigenen im Anderen aus (vgl. ebd.).

Menschenschwärme folgen sozialen Algorithmen: Das statische Konzept eines Musters wird der Wirklichkeit ambivalenter, dynamischer und fragmentierter Verhaltensoptionen des Schwarms wenig gerecht. Eine effektivere Beschreibung erlaubt die Schwarmtheorie von Craig W. Reynolds, der Anfang der 1980er beim Betrachten eines Vogelschwarms den Einfall hatte, ein theoretisches Konzept zu entwickeln, welches Schwarmverhalten von Fischen, Vögeln und Insekten rechnerisch rekonstruiert (vgl. Vehlken 2015: 147f.). Reynolds kam zu dem Schluss, dass es zum längerfristigen Zustandekommen eines Schwarms drei zentraler Faktoren bedarf: (1) Kohäsion: Jedes Subjekt bewegt sich unaufhörlich auf jenen (nicht real vorhandenen) Mittelpunkt zu, den es in der Gruppe der anderen Subjekte immerzu ausfindig macht. (2) Separation: Kein Subjekt darf einem anderen Subjekt zu nahekommen und muss gegebenenfalls Distanz suchen. (3) Alignment: Jedes Subjekt bewegt sich bestmöglich in dieselbe Richtung der anderen Subjekte. Übertragen wir die drei Faktoren auf das soziale Phänomen von Menschenschwärmen, ergeben sich folgende Vorbedingungen: (1) Kohäsion: Innerhalb der Masse muss sich ein ‚diskursiver‘ Mittelpunkt herausbilden: ein Thema, ein Anliegen, ein geteiltes Problembewusstsein. Im Fall von Fridays for Future: Klimaschutz hat eine Deadline und diese ist heute. Dies gilt als ungeschriebenes Gesetz, das ohne genaue Definition und Erklärung auskommt (2) Separation: Es kommt nicht zur Vergesellschaftung oder nachhaltigen Gruppenbildung, die Teilnehmer_innen nehmen sich als eigenständig und frei wahr: Sie stellen sich der Masse sozusagen als parteilose Individuen für die Dauer der Ansammlung körperlich, visuell und akustisch ‚zur Verfügung‘. Die Zugehörigkeit zum konkreten Schwarm beschränkt sich auf das aktuelle Auftreten dieses einmaligen Ereignisses, eine neue Versammlung bedeutet immer einen vollkommen neuen Schwarm. Fridays for Future ist keine Organisation. Jede_r entscheidet jeden Freitag aufs Neue ob sie_er hingehen will oder nicht. (3) Alignment: Die ‚agency‘ und folglich auch die Verantwortung wird von den Teilnehmer_innen an den Schwarm übergeben. Niemand im Schwarm agiert, sondern alle re-agieren nach den Gesetzen des Schwarms. Fridays for Future verkörpert diesen Transfer von agency besonders im Selbstverständnis des ‚Streiks‘.

Gesellschaften sakralisieren, Schwärme sollten es nicht: Im historischen Regelfall produzieren Prozesse der Kollektivbildung, spontan oder geleitet, auf kurz oder lang eine „Sakralisierung der Führung“ (Moebius 2018: 41f.). Damit soll das Wiedererkennen des Eigenen in der gemeinsamen Heldenfigur ermöglicht werden. Diese_r Held_in übernimmt die ‚agency‘ und in ihrer_seinem Gefolge bilden sich Hierarchien heraus, die im Weiteren eigene Institutionen ausformen. Im Schwarm ist die Trägerschaft der ‚agency‘ hingegen nicht mehr eindeutig feststellbar. Zwar zeigt sich im intransparenten Gesamtbild eine geschlossene ‚Stoßrichtung‘, die im Sinne einer von allen anverwandelten gemeinsamen Identität in den einzelnen Individuen ‚wieder-auftritt‘. Letztlich kann aber kein eindeutiger Ursprung einer ‚agency‘ festgemacht und damit von außen beeinflusst oder kontrolliert werden. Dieser Umstand erklärt, warum spontane Massenbewegungen für traditionelle Institutionen, deren ‚agency‘ klar definiert und ausgeführt wird, als unberechenbare Gefahr gesehen werden. Ohne eine zentrale Führung erlebt unsere Gesellschaft Butterflyeffekte der Mobilisierung: Menschen kommen wie aus dem Nichts und füllen ohne Vorwarnung Straßen und Plätze.

Bei Fridays for Future sehen wir zur Zeit, wie die etablierten Institutionen mit einer klaren ‚agency‘ von außerhalb die Sakralisierung der Heldenfigur Greta Thunberg mit Auszeichnungen und Preisverleihungen vorantreiben, um letztlich einen identifizierbaren, verwundbaren und damit lenkbaren Punkt im Schwarm zu erzeugen. Es bleibt abzuwarten, ob der Schwarm abreißt, oder es sogar zum ‚Mushrooming‘ vieler neuer unabhängiger Klimaschutzbewegungen kommt und schließlich ein nicht mehr einzufangender Superschwarm die Wende bringt.


Quellen

Abels, H. (2010): Identität. Wiesbaden: Springer Verlag.

Han, B.-C. (2013): Im Schwarm: Ansichten des Digitalen. Berlin: Matthes & Seitz.

Horn, E. (2015): Schwärme – Kollektive ohne Zentrum. Einleitung. In: Horn, E.; Gisi, L.M. (Hg.): Schwärme – Kollektive ohne Zentrum: Eine Wissensgeschichte zwischen Leben und Information. Bielefeld: transcript. S. 7–26.

Moebius, S. (2018): Die Sakralisierung des Individuums. Eine religions- und herrschaftssoziologische Konzeptionalisierung der Sozialfigur des Helden. In: Rolshoven, J.; Krause, T.J.; Winkler, J. (Hg.): Heroes – Repräsentationen des Heroischen in Geschichte, Literatur und Alltag. Bielefeld: transcript. S. 41–67.

König, R. (2017): Soziologische Studien zu Gruppe und Gemeinde. Wiesbaden: Springer Verlag.

Ricoeur, P. (1996): Das Selbst als ein Anderer. München: Wilhelm Fink.

Stäheli, U. (2015): Emergenz und Kontrolle in der Massenpsychologie. In: Horn, E.; Gisi, L.M. (Hg.): Schwärme – Kollektive ohne Zentrum: Eine Wissensgeschichte zwischen Leben und Information. Bielefeld: transcript. S. 85–100.

Tarde, G. (2015): Masse und Meinung. Konstanz: Konstanz University Press.

Vehlken, S. (2015): Fish & Chips. Schwärme – Simulation–Selbstoptimierung. In: Horn, E.; Gisi, L.M. (Hg.): Schwärme – Kollektive ohne Zentrum: Eine Wissensgeschichte zwischen Leben und Information. Bielefeld: transcript. S. 125–162.