Der Lebensraum des Menschen – eine ökologische Betrachtung der Stadt

„Hörst du die Sträucher rascheln,
Hörst du die Äste knacken,
wenn wir die Bäume fällen,
Platz für die Städte schaffen“
– Antilopen Gang: „Beton“

Seitdem der Mensch wie wir ihn kennen vor ca. 300.000 Jahren zum ersten Mal die Erde bevölkerte, ist er einen beeindruckenden Wandel durchlaufen. Wie auch für andere Spezies änderten sich die Lebensumstände und -gewohnheiten des Homo sapiens im Laufe der Zeit. Doch die Geschwindigkeit, mit der dieser Wandel voranschritt, ist, genau wie dessen Ausmaße, gewaltig. Innerhalb kürzester Zeit verwandelte der Mensch das Antlitz der Erde. Er grub Tunnel, leitete Wasser, bändigte Tiere, stellte Fahrzeuge her und riss Berge und Wälder nieder, um daraus Städte aufzubauen. Mittlerweile wird sogar vom Anthropozän gesprochen – das Erdzeitalter des Menschen.

Bis Anfang dieses Jahrtausends wurden anthropogene (griechisch: „vom Menschen gemachte“) Aktivitäten in der Erforschung von Ökosystemen als störend empfunden. Wenn es um die Erforschung von Lebewesen und deren Lebensräume ging, wurde von Ökologen zumeist der „natürliche Zustand“ gesucht, was Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts wie Charles Darwin an die abgelegensten Orte dieser Welt führte.

Doch der anthropogene Einfluss steigt mit dem Wachstum unserer Städte stetig an und es zeigt sich ein Paradigmenwechsel in der Ökologie. Mittlerweile interessieren sich immer mehr Forscher für unseren eigenen Lebensraum und wie dieser mit seiner Umwelt interagiert (vgl. Collins et al. 2000: 416).

Mit dem Bau von Städten gestaltet der Mensch sein Habitat selber und passt seine Umwelt radikal an seine individuellen Bedürfnisse an. Dabei werden ganze Landschaften verändert, Nähr- und Gefahrenstoffe mobilisiert und umgewandelt, das Überleben anderer Spezies wird gesichert und das Aussterben anderer Arten wird vorangetrieben. Dies macht den Homo sapiens zu einem mächtigen, global agierenden Spieler im Bereich der Ökosysteme. Und hier kommt das relativ junge Forschungsfeld der urbanen Ökologie ins Spiel: Dieses erforscht die Organismen in urbanen Lebensräumen und wie sie miteinander und mit ihrer Umwelt interagieren (vgl. Niemelä 1999: 119).

Städte sind mittlerweile der dominierende Lebensraum des Menschen. Ihr Wachstum scheint mit unserem schnellen technologischen Fortschritt zu korrelieren: Während 1950 bereits 751 Millionen Menschen weltweit in Städten lebten, wohnen 2018 4,2 Milliarden Menschen im urbanen Raum – das entspricht 55% der Weltbevölkerung. Die Prognosen für die Zukunft folgen diesem Trend: Bis 2050 soll der Anteil der urbanen Bevölkerung auf 68% ansteigen (vgl. United Nations 2018). Immer mehr Menschen ziehen in Städte, und wie diese wachsen, so wächst auch der Einfluss, den sie auf ihre Umwelt haben. In kaum einem anderen Lebensraum hat der Mensch seine Umwelt so radikal an sich angepasst wie in der Großstadt. Und diese Anpassung hat Erfolg, denn Städte erfüllen viele menschliche Bedürfnisse sehr effektiv. Eine flächendeckende medizinische Versorgung führt zu höheren Überlebenschancen. Vielfältige Berufsfelder, eine hohe kulturelle Diversität und leichte Kommunikation durch kurze Wege machen den urbanen Lebensraum für viele Menschen attraktiv. Neben diesen Vorteilen ergeben sich allerdings auch neue Herausforderungen: Durch die mit der Urbanisierung einhergehende Ballung von Industriestandorten werden Schadstoffe in Boden, Wasser und Luft freigesetzt, die dem Menschen und seiner Umwelt großen Schaden zufügen können. Die Flächenversiegelung durch Beton und andere Baustoffe verändert den Wasserkreislauf und steigert die Temperaturen in Städten in erheblichem Ausmaß (vgl. Murakami et al. 2000; Umweltbundesamt 2013). Die Zufuhr von Energie und Nährstoffen aus entfernten Gebieten wird notwendig. In Zeiten der Globalisierung hat dies Auswirkungen auf weit entfernte Ökosysteme. Menschliche Ballungsgebiete stören natürliche Abläufe massiv – es wird sogar vermutet, dass natürliche Niederschlagszyklen durch unsere Aktivitäten geändert werden (vgl. Cerveny/Balling 1998: 562).

Diese Eingriffe in unser Umfeld bleiben nicht folgenlos. In 2013 führte ein Starkregenereignis in Uttarakhand (Indien) zu Überflutungen und Landrutschungen, die zu mindestens 5700 Toten führte. Für die katastrophalen Ausmaße der Flut waren vor allem menschliche Strukturen verantwortlich. Durch jahrelange Waldrodung sowie den schlecht durchdachten Bau von Straßen, Hotelanlagen und Dämmen wurden die Fließwege von Flüssen und Niederschlägen verändert. Als dann am 16. Juni 2013 besonders viel Wasser auf die Erde traf, entfaltete es aufgrund neuer Abflusswege eine ungeahnte Zerstörungskraft (vgl. Shadbolt 2013). Es scheint, als wäre der technische Fortschritt hier auf Kosten langfristiger ökologischer Planung bevorzugt worden zu sein – mit verheerenden Folgen.

Die südafrikanische Wasserkrise ist ein weiteres Beispiel dafür, dass das Tempo der Urbanisierung oftmals nicht im Einklang mit den natürlichen Systemen ist, auf die sich unsere Städte stützen. Seit 1995 ist die Zahl der Bewohner von Kapstadt um 79% gestiegen, die Wasserspeicherkapazitäten jedoch nur um 15%. Dies führte immer wieder zu Einschränkungen des individuellen Wassergebrauchs. 2018 erreichten die Speicher erneut kritische Werte, sodass vom Eintreffen des „Day Zero“, dem Tag, an dem der 4,3-Millionen-Stadt das Wasser ausgeht, gesprochen wurde. Das Desaster wurde nur abgewandt, indem die Bewohner selbst ihren Wasserverbrauch limitierten (vgl. Bohatch 2017).

Aus einer größeren Perspektive sind dramatische ökologische Ereignisse nicht ungewöhnlich: Die Lebensbedingungen verändern sich und die davon betroffenen Lebewesen müssen sich anpassen. Die Urbanisierung ist im Vergleich mit anderen großen Ereignissen der Erdgeschichte gar nicht so signifikant – der Meteoriteneinschlag zum Ende der Kreidezeit oder das Massensterben zum Ende des Perms führten zu weitaus dramatischeren Veränderungen der Lebensräume als die Urbanisierung heute. Sie sticht jedoch gegenüber diesen anderen dramatischen Ereignissen der Erdgeschichte dadurch hervor, dass sie vom Menschen bewusst geschaffen wird – anders, als die Evolution oder ein großer Vulkanausbruch. Die Inanspruchnahme der Natur durch den Menschen scheint zudem in einem unnatürlich schnellen Tempo voranzuschreiten. Wirtschaftliches Wachstum steht an erster Stelle und die dramatischen Folgen, die damit einhergehen, werden häufig erst im Nachhinein beobachtet anstatt bereits vorher antizipiert zu werden.

Doch ist das Ökosystem der Stadt nun mal auf andere Systeme angewiesen, die Rohstoffe wie Wasser, Essen und Baumaterial liefern. Die Betrachtung des urbanen Lebensraumes aus diesem Standpunkt heraus zwingt uns somit, unsere Rolle zu hinterfragen. Sehen wir uns als Lebewesen, die in ihrem urbanen Lebensraum allen anderen Spezies überlegen sind? Oder verstehen wir uns als Bewohner eines urbanen Ökosystems, welches Teil eines großen Flickenteppichs voller miteinander interagierender Systeme ist? Hier zeigt sich einer der wertvollen Aspekte, den die Stadtökologie beleuchtet. Den Lebensraum des Menschen zu erforschen heißt, dessen Rolle in Bezug auf die Pflanzen und Tiere, mit denen er interagiert, zu erforschen. So entsteht die Notwendigkeit unser anthropozentrisches Denken zu verlassen und uns als integralen Teil unserer Umwelt zu sehen. Das bedeutet einerseits, unsere grundlegenden Bedürfnisse wie Nahrung, Schutz und soziale Interaktion zu verstehen. Wir passen die Städte kontinuierlich daran an, um diese Bedürfnisse zu erfüllen. Deshalb müssen andererseits auch die Folgen verstanden werden, die daraus resultieren. Aus Ereignissen wie der Flut in Uttarakhand muss der Mensch lernen, die Zusammenhänge zwischen seinem Siedlungsbau und seiner Umwelt zu verstehen.

Manche Entscheidungsträger in der Stadtentwicklung haben dies erkannt und ziehen aus neuen Erkenntnissen Konsequenzen. „Green Citiy“-Initiativen sind ein aktuelles Beispiel, wie der urbane Raum aus einer umweltbewussteren Perspektive gestaltet werden kann (vgl. Rosemont 2018). Neben innovativen Technologien wie neuen Baustoffen ist hier vor allem intelligente Planung gefordert. Das Städtewachstum muss in den nächsten Jahrzehnten auf intelligentere Planung setzen. Von Versorgung über Mobilität bis zu Grünflächen müssen integrative Konzepte erstellt werden. Das bedeutet, dass die Konsequenzen der Gestaltung unseres Lebensraumes sowohl lokal als auch (über-)regional in Betracht gezogen werden müssen. Durch Ansätze wie diese werden ökologische Probleme der Stadt bekämpft und so die Lebensqualität erheblich gesteigert – getrieben von einem Selbstverständnis des Menschen als Teil eines größeren, komplexen Systems. In Zeiten des globalen Wandels ist das sicherlich ein Konzept, dem mehr Beachtung gebührt.

Quellen

Bohatch, T. (2017): What’s causing Cape Town’s water crisis? In: GroundUp. Online verfügbar unter: https://www.groundup.org.za/article/whats-causing-cape-towns-water-crisis/ [Zugriff: 05.12.2018].

Cerveny, R. S.; Balling, R. C. (1998): Weekly cycles of air pollutants, precipitation and tropical cyclones in the coastal NW Atlantic region. In: Nature. 394. Jg. 1998/6700. S. 561–563.

Collins, J. P. et al. (2000): A New Urban Ecology. In: American Scientist 5. Jg. 2000/88. S. 416ff.

Murakami, S. et al. (2000): Development of software platform for total analysis of urban heat island. In: 14th JSCFD Symposium, D08–3, (in Japanese with English abstract).

Niemelä, J. (1999): Ecology and Urban Planning. In: Biodiversity and Conservation. 8.Jg. 1999. S. 119–131.

Rosemont, S. (2018): Earth Day 2020 Cities. In: Earth Day. Online verfügbar unter: https://www.earthday.org/campaigns/green-cities/earth-day-2020-cities/ [Zugriff: 20.11.2018].

Shadbolt, P. (2013): Indian floods a man-made disaster, say environmentalists. In: CNN, 25.06.2013. Online verfügbar unter: https://edition.cnn.com/2013/06/25/world/asia/india-floods-development/index.html [Zugriff: 05.12.2018].

Umweltbundesamt (2013): Flächenversiegelung. In: Umweltbundesamt, 08.10.2013. Online verfügbar unter: https://www.umweltbundesamt.de/daten/flaeche-boden-land-oekosysteme/boden/bodenversiegelung [Zugriff: 10.11.2018].

Umweltbundesamt (2018): Feinstaub-Belastung. In: Umweltbundesamt, 12.09.2018. Online verfügbar unter: https://www.umweltbundesamt.de/daten/luft/feinstaub-belastung#textpart-1 [Zugriff: 10.11.2018].

United Nations (2018): Revision of world urbanization prospects. In: UN, 16.05.2018. Online verfügbar unter: https://www.un.org/development/desa/en/news/population/2018-revision-of-world-urbanization-prospects.html [Zugriff: 01.11.2018].