„Das Wort „Kultur“ ist die Eindeutschung des lateinischen Worts cultura („Bebauung, Bearbeitung, Bestellung, Pfl ege“), das eine Ableitung von lateinisch colere („bebauen, pfl egen, urbar machen, ausbilden“) darstellt. Denselben Ursprung haben die Bezeichnungen Kolonie und Kult.“ (Vogt 2022)
- Vogt 2022
Liebe Leser*innen,
‘Kultur’ als Begriff wirkt im 21. Jahrhundert abstrakter denn je. Nicht nur durch unsere sozialen Medien, sondern auch im akademischen Austausch, bei komplexen Migrationshintergründen oder in den Ideologien von Weltmächten wird es immer komplizierter, Kultur als abgegrenzte Entität eines Staates, eines Dorfes, einer Familie zu verstehen. Kultur springt, und zwar ständig: über geographische Grenzen und über historische Blockaden. Diese Sprünge sind subtil, oft schwierig nachzuverfolgen und noch schwieriger zu definieren. In dieser Ausgabe suchen wir nach Interpretationen und Auswirkungen des wahrscheinlich wichtigsten Sprunges einer Kultur: dessen Ursprung. Was muss passieren, was folgt darauf? Können die Wurzeln einer Kultur bereits auf die Zweige ihrer Zukunft deuten? Worüber genau reden wir eigentlich, wenn wir von ‚Kultur‘ sprechen – und wo befindet sich jene im Menschen?
KULTUR LEBEN
Kultur scheint räumlich beschränkt zu sein. Die kulturellen Präferenzen, die heranwachsende Menschen angelernt bekommen, stammen aus den Bedürfnissen und Lehren des Gebietes, aus dem die lehrenden Menschen stammen. Wie also wird der Sprung von einer Kultur in eine völlig andere überhaupt möglich? Kann man sich eine Heimat im fremden Gebiet aus den Bausteinen der bekannten Kultur bauen? (S. 16) Die Interaktion zwischen Kulturen ist oft schwierig. Andere Länder, andere Sitten – und oft auch ganz andere Kommunikationsarten. Effektives Verständnis zwischen grundverschiedenen Menschengruppen zu schaffen, zählt zu den größten Anliegen der Neuzeit. Genau deshalb braucht es eine neue interkulturelle Kompetenz, die auf Sensibilität füreinander aufbaut. (S.20) Denn wie sonst kann der einzelne Mensch respektvoll betrachtet werden, wenn nicht mit Sensibilität? Innerhalb einer Masse von ähnlich lebenden Menschen kommt es allzu oft vor, dass die Seele in der Zahl verloren geht. Und der Rhythmus einer Kultur von Seelen trommelt oft subtil weiter, entscheidet vom Ursprung aus geheim die Zukunft mit. (S.24)
URSPRUNG BEGREIFEN
Der vielleicht wichtigste Ursprung für die Kulturen aller Menschen ist der, des Vertrages. Nur durch die Durchsetzung eines regelbasierten Zusammenlebens, implizit oder explizit, konnten sich Kulturen überhaupt entwickeln. Innerhalb der Staatsphilosophie gibt es einige Theorien darüber, was die menschliche Natur ausmacht und wie Menschen ein friedliches Zusammenleben vertraglich festlegen können – darunter auch Jean-Jacques Rousseaus Interpretation. (S.32) Zum Entstehen eines kulturellen Ursprungs tragen vielerlei Faktoren bei. Neue kulturelle Gegebenheiten stammen nicht immer aus dem reinen Überlebenskampf einer Gruppe an Menschen. Oft geht es lediglich um Verringerung von Mühe oder Vermehrung von Unterhaltung, manchmal allerdings tatsächlich um das Überleben gleich mehrerer Kulturen in einer sich verändernden Welt. (S.36) Noch konkreter wird die Relevanz eines kulturellen Ursprungs, wenn man sich die entwickelte Kultur später anschaut und Vergleiche mit anderen Kulturen zieht. Viele Gruppen von Menschen fanden viele unterschiedliche Weisen, ihr Denken, Fühlen und Zelebrieren auszuleben, doch dies sorgt bekanntlich für Friktion zwischen den Welten. Deshalb wird es umso wichtiger, sich von den eigenen Konventionen zu lösen und den Horizont um jene Lebensweisen zu erweitern, auf die man seltener schaut. (S.40)
Wir freuen uns darauf, die vielfältigen Einreichungen mit euch teilen zu können, und präsentieren euch hiermit die 17. philou. Interkulturalität bildet einen Schlüsselstein des inneruniversitären Gesprächs, welches eine der höchsten Prioritäten im Studium genießen sollte. Wir wollen Euch Anreize zu neuen Perspektiven und Gedanken liefern und hoffen, dass Euch die 17. Ausgabe genauso gefällt wie uns!