German Angst vs. Aachen Mut Entmystifizierung der Digitalisierung? philou. bei Aachen 2025

Digitalisierung – assoziativ für technische Komplexität und Vereinfachung des Alltags zugleich, Grundlage eines gesellschaftlichen Diskurses, dessen Tempo und fortlaufender Wandel einen immanenten Konflikt zwischen Analogem und Digitalität zu zementieren scheint.

Der irreversible Paradigmenwechsel der Digitalen Revolution spaltet! Zwischen Jung und Alt, Arm und Reich, Sicherheit und Persönlichkeitsrechten. Es geht um die Vereinfachung des gesellschaftlichen und individuellen Lebens durch Optimierung, Fortschritt und Komfort. Dazwischen ruht jedoch die Angst vor dem überwältigenden Momentum. Mystisch erscheint das undurchsichtige Gerüst, dessen Innovationsimperativ die Fassbarkeit lange abgehangen hat: Das Smartphone als kurzfristiges Zwischenprodukt.

Es wird der Anschein geweckt, man müsse entweder Experte oder bereitwilliger Konsument sein, um die Vorteile der Durchdringung aller Lebensbereiche durch die Digitalisierung zu erkennen und davon zu profitieren. Die Unsicheren, die Skeptiker und Kritiker sowie die schlichtweg Überforderten haben daher alle etwas gemein – den Mythos der Digitalisierung. Verwobene Komplexität, Nischenbildung, Undurchsichtigkeit: Die gelebte industrielle Revolution 4.0 – aber auch die Soziale Frage 2.0? Fatalistische Zukunftsszenarien potenzieren sich als Resultat von Intransparenz und fehlender Bürgernähe.

Im September 2016 wurde in Aachen ein Grundstein gelegt, diesem Problem entgegenzuwirken: „Aachen 2025 – Digitalen Wandel erleben“.

Die Veranstaltungsreihe erstreckte sich über zwei Tage und über acht Themenparks, in denen Projekte, Produkte aber auch Fragen und Probleme rund um die Digitalisierung präsentiert wurden. Die 11.000 Besucher sollten durch diesen Querschnitt gesellschaftlicher Kernthemen – von Arbeit und Kommunikation über Wohnen, Lernen, Einkaufen und Produktion bis hin zu Gesundheit und Mobilität – einen gelebten Einblick in den digitalen Wandel bekommen und einen Vorgeschmack auf potentielle Entwicklungen im Jahre 2025 kennen lernen.

Wir haben uns mit einem der Veranstalter, Dr. Günter Bleimann-Gather, getroffen. Er spricht mit uns über die Kernphilosophie und Motivation von Aachen 2025:

B-G: Wir sind ein Unternehmen im Technologiemarketing, das sich permanent mit Hightech beschäftigt und mit dem schnellen Wandel, den Digitalisierung in allen Bereichen lanciert. Manchmal erschrecken wir uns über das Bild, das in der Öffentlichkeit über Digitalisierung existiert. Für manche ist Digitalisierung etwas ganz Fernes, für einige ein Schreckgespenst und für andere beinhaltet es gewisse Anreize. Und obwohl jeder sieht, wie stark Digitalisierung in das tägliche Leben eingreift, – jedes Smartphone ist das Ergebnis von Digitalisierung – wehren sich die Menschen gegen weitere Veränderungsprozesse. Dabei sehen wir, dass sich im Augenblick ganz viele Geschäftsmodelle und Gewohnheiten umstellen werden. Das ist ein Prozess, in dem wir mittendrin sind und der in den nächsten fünf bis zehn Jahren lawinenartig unser Alltagsleben prägen wird. Viele Menschen glauben und haben überhaupt keinen Begriff davon, dass man selber Dinge ausprobieren, bewerten kann, womöglich sogar fördern und nach vorne bringen kann. Aus dieser Diskrepanz heraus dachten wir, dass wir das Thema in eine breitere Bevölkerung einbringen müssen und auch einen selbstbestimmten Umgang mit dem Thema ermöglichen können. Selbstbestimmt heißt für uns, auf keinen Fall Ängste schüren, auf keinen Fall glorifizieren, sondern einfach zeigen, was geht und was aller Voraussicht nach in einem relativ überschaubaren Zeitraum noch möglich sein könnte.

Ein nobles Vorhaben. Digitalisierung für jedermann?

Wir besuchten die verschiedenen Themenparks und erlebten das Programm aus erster Hand. Das Konzept sollte wissenserweiternd, aufklärend und inklusiv sein.

Grundsätzlich bot die Veranstaltung Interdisziplinarität; Besucher aus allen Altersklassen und Fachrichtungen beschäftigten sich mit dem gleichen Thema: Digitalisierung. Generell ein Impulsgeber für alle – der digitale Paradigmenwechsel durch interaktive Nähe.

Insbesondere der Bereich „Gesundheit“ kontrastierte dabei mit den anderen Parks. Hier wurde der Querschnitt einer allgemeinen Bevölkerung angesprochen: Die Teilnehmer wurden nicht nur informiert, sie konnten Produkte selbst ausprobieren und wurden spielerisch an die digitalisierte Diagnostik herangeführt. Niemand profitiert vom Stillstand in der Medizin.

Ein weiterer markanter Themenpark war „Produktion“. Vor allem hier wurde die Thematik um Robotik im Allgemeinen sowie die latente Substitution menschlicher Arbeitskraft im Arbeitsbereich deutlich. Hinsichtlich des demographischen Wandels und dem damit einhergehenden Bevölkerungsrückgang in Deutschland werden dem Arbeitsmarkt 2030 sogar rund 3,5 Mio. Menschen weniger zur Verfügung stehen. Anders formuliert: Roboter werden menschliche Arbeitskraft nicht überflüssig machen, wir brauchen sie scheinbar, damit freie Beschäftigungen gefüllt werden können!

In dem Vortrag „Wo bleibt der Mensch in der Produktion von morgen?“ vom WZL der RWTH Aachen University, wurden roboterunterstützte Produktionsprozesse vorgestellt. In China beispielsweise werden Smartphones größtenteils durch Roboter hergestellt – eine Tatsache, die dem Großteil der Nutzer nicht bewusst ist. Aber was würde das stille Wissen darüber ändern? Letztlich stören wir uns nicht daran, solange sich dadurch eine Komfortverbesserung ergibt – wir, als Endkonsumenten, wollen anscheinend auf das Gerät und die permanente Kommunikation nicht verzichten.

 

MakerBot 3D-Drucker
3D-Druck im FabBus „Wolfgang“: Ein Projekt der FH Aachen, um die Technologie des 3D-Drucks zu fördern. Ausgestattet mit acht Arbeitsplätzen und elf Druckern, soll das Know-how des 3D-Druckens auf mobile Art an Schulen und Unternehmen gebracht werden.

Wie sieht also die Erwerbsgesellschaft der Zukunft aus?

Hinsichtlich des Verhältnisses von Technik bzw. Digitalisierung und Arbeit ist fraglich, welches Ausmaß das Substitutionspotential menschlicher Arbeit und einer „Verknüpfung der Kernkompetenzen“ von Mensch und Maschine aufweisen wird.

Insbesondere für alte Industrieländer, wie beispielsweise Deutschland, erscheint ein Umdenken von einer reinen Arbeitergesellschaft, gekennzeichnet von körperlichen Tätigkeiten, hin zu einer zunehmenden Eigenverantwortung und Risikobereitschaft innerhalb der Arbeitswelt schwierig.

Ein Großteil der „German Angst“, die aus der technischen und digitalen Beschleunigung resultiert, ist eine potentielle soziale Frage.

B-G: Bei jeder dieser industriellen Revolutionen hat es ganz typisch diese Ängste gegeben. Denken Sie an den Weberaufstand von 1844: Wenn Sie dann aber das Resultat über die lange Zeit betrachten, also die Bedingungen der Arbeit, haben sich die Prozesse und Lebensbedingungen dramatisch verbessert. Heutzutage würden Sie keinen Mitarbeiter mehr eine halbe Stunde lang an solche Apparaturen stellen können, ohne mit dem Betriebsrat konfrontiert zu werden. Das schließt nicht aus, dass es punktuelle Einbrüche und Rückschläge gibt. Aber über lange Zeit findet eben Verbesserung statt. Und wenn man diese klug gestaltet, kann es auch eine kontinuierliche positive Entwicklung geben. So dass wir fast keine Verlierer in diesem Prozess haben, sondern wirklich alle mitnehmen können.

Der Paradigmenwechsel als solcher findet statt. Ob man das möchte oder nicht: Eine fehlende Partizipation ist das, was die Angst auslöst. Dies erfordert ein Umdenken in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, denn Berufsfelder werden sich prägnant verändern, Erwerbsformen werden umstrukturiert und Produktionsverfahren automatisiert. Der Bedarf künftiger Mitarbeiterfähigkeiten scheint von interdisziplinärem Denken und Kommunizieren gekennzeichnet zu sein – aber wie können diese Disziplinen erlernt werden? Bildung ist auch hier das Topthema: Ohne Teilhabe an der digitalen Welt kann eine wirtschaftliche und soziale Integration des Durchschnittsbürgers nicht vorausgesetzt werden. Insbesondere nicht, wenn Digitalisierung nur durch einen konsumistischen Ansatz – als Produzent wie als Konsument – erfahren wird.

B-G: Es gibt viele Veranstaltungen rund um Digitalisierung – dennoch war unser Event einzigartig: Wir haben den Wandel, den Digitalisierung in den einzelnen Lebensbereichen schafft, in den Mittelpunkt gestellt.

aixCAVE
Die aixCAVE ist eine Virtual-Reality-Installation der RWTH Aachen University. Mittels 24 hochauflösender HD-DLP Projektoren wird auf allen vier Seitenwänden sowie dem Boden eine stereoskopische Projektion erzeugt. Im Gegensatz zu Head-mounted Displays (VR-Brillen) kann man die virtuelle Realität in der aixCAVE mit mehreren Personen betreteen und sich ganz natürlich in ihr bewegen und umsehen.

Warum gerade Aachen?

Durch die Forschungsintensität auf kleinem Raum scheint die Stadt das Potential zu haben, eine Vorreiterrolle einzunehmen. Unternehmen und Institute in einem sich gegenseitig bedingenden Entwicklungsprozess – dazwischen die Aachener Bürgerschaft und drumherum die Euregio. Hilfreich dürfte auch die Tatsache sein, dass die RWTH Aachen eine der drittmittelstärksten Universitäten ihrer Art in Deutschland ist. Aus diesen Gründen hat die Veranstaltung Aachen 2025 durchaus Wiederholungscharakter. Zukünftig vielleicht im Herzen der Stadt: Der Aachener Markt als Schnittstelle des öffentlichen Raums mit Reibungspotential.

Hat Aachen 2025 ein digitales Bewusstsein generiert?

„Aachen 2025 – digitalen Wandel erleben“: Ein neues Konzept, das zunächst Impulse setzt, Aufklärung impliziert und den Paradigmenwechsel personifiziert.

Ein notwendiger erster Versuch, in dessen Rahmen dessen erste Schwächen nicht zu vermeiden sind.

B-G: Kritik haben Sie an allen Ecken. Die haben Sie jeden Tag in der Zeitung und gerade in Deutschland wird man davon überflutet. „German Angst“ ist überall. Wir sind nicht dazu berufen, ein kritisches Festival zu machen. Sondern wir wollen eigentlich ein neutrales und sogar teilweise ein positives machen. Seht die Chancen! Das Glas ist halb voll, nicht halb leer. Macht euch schlau, dann könnt ihr mitbestimmen und werdet nicht überfahren. Dauernd auf Kritik und Gefahren hinzuweisen, führt ja auch zu einer Ablehnungshaltung und einem Nicht-Involviert-Sein. Denn dann ist man am Ende tatsächlich nur derjenige, der digitalisiert wird. Unsere Botschaft ist ganz klar: machen, probieren, klug werden!

Die Themenparks, die per se die größten Konflikt- und Veränderungspotentiale aufzeigen (z.B. Energie und Wohnen, Arbeit und Produktion, Finanzen), richteten sich allerdings primär an Experten, digital natives. Ein repräsentativer Querschnitt der Gesellschaft zeigte hier nur geringfügig Resonanz. Dies schließt die Menschen mit ein, die über die Problematik um beispielsweise Arbeit und Substitution, Robotik, Human Enhancement sowie Digitalisierung im Allgemeinen informiert und aufgeklärt werden müssen. Kernkompetenzen können nicht entwickelt oder verknüpft werden, wenn diese nicht bekannt sind. Um die Potentiale, Auswirkungen, Chancen und Risiken der Digitalisierung realisieren und reflektieren zu können, bedarf es einer Entmystifizierung des Begriffs und der Thematik als solche.

Diesbezüglich weist das Konzept Aachen 2025 definitiv bedeutende Ansätze auf und ist für jeden Bewohner Aachens und Umgebung obligatorisch. Aber um dem Status einer „Grassroot Bewegung“ tatsächlich gerecht werden zu können, müssen die vereinzelten Charakterzüge einer Messe abgelegt werden und substanzielles Bewusstsein für jedermann geschaffen werden.

Gegen die German Angst setzen wir den Aachener Mut – Romantische Ambitionen…

 


Literaturempfehlungen

Frey, Carl Benedikt und Osborne, Michael A. (2013): The Future of Employment: How Susceptible Are Jobs To Computerisation? Oxford www.oxfordmartin.ox.ac.uk/downloads/academic/The_Future_of_Employment.pdf

Bainbridge, Lisanne (1983): Irony of Automation. In: Automatica. Vol. 19. No. 6. pp. 775 779.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.