Vernetzte Öffentlichkeit – Politischer Diskurs im Zeitalter der Digitalisierung

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Die Auswirkungen der Digitalisierung auf die unterschiedlichsten Gesichtspunkte menschlichen Lebens sind bereits heute unübersehbar und es ist eine außerordentlich umfangreiche Aufgabe, einen Überblick über die konkreten Konsequenzen dieses grundlegenden Wandels zu erlangen. Die Politik gehört zweifelsohne zu den am stärksten beeinflussten Teilgebieten: Allein der Blick auf den Stellenwert digitaler Wahlkampfführung für die zwei herausstechenden politischen Großereignisse des letzten Jahres, den Austritt Großbritanniens aus der EU und die Wahl des 45. US-Präsidenten, macht deutlich, dass die Wechselbeziehungen zwischen Politik und Digitalisierung grundlegend begriffen werden müssen, um ein zukunftsfähiges Politikverständnis zu entwickeln. In diesem Artikel soll der Versuch gemacht werden, einen Überblick über besonders relevante Ebenen dieser Beziehung zu gewinnen.

Das Verständnis „des Politischen“ wird im Folgenden auf die prozessuale Ebene der Politics verkürzt, da diese angesichts der im Wandel begriffenen Auseinandersetzung des Menschen mit seiner sozialen Umwelt in den Fokus rückt. Doch auch auf dieser Ebene sind aufgrund der Vielzahl zu berücksichtigender Aspekte weitere Einschränkungen zu machen: In diesem Artikel geht es nicht um Möglichkeiten digitaler Beteiligung an formalpolitischen Prozessen. Vielmehr geht es um den Einfluss der Digitalisierung auf nichtparlamentarische Prozesse des Politikgestaltens und auf die Wahrnehmung und das Verständnis von Politik bzw. politischen Themen in der Öffentlichkeit.

Es ist wichtig, sich ins Gedächtnis zu rufen, dass Politik und Medien nicht erst seit Beginn der Digitalisierung untrennbar miteinander verbunden sind. Denkt man an die Erfindung des Buchdrucks, die Einführung des Rundfunks oder des Fernsehens, wird deutlich, dass Medien als Werkzeuge zur Welterschließung bereits immer das Selbstverständnis der Menschen und somit auch ihr Politikverständnis geprägt haben. Gleichzeitig würde man rückblickend wohl kaum alle historisch relevanten Gesellschaftsentwicklungen für ausschließlich anhand des jeweils dominanten Kommunikationsmediums erklärbar halten. Daher ist es sinnvoll, den Medien- und Kommunikationswandel und den politischen Wandel in genauer analytischen Betrachtungen vorerst getrennt voneinander zu beleuchten, um so den Hang zur technikdeterministischen Überbewertung des Internets als einer Dauerkonstanten in gesellschaftlichen Entwicklungen zu vermeiden: Soziale Bewegungen positionieren sich heute logischerweise von vornherein im Kontext der digitalen Welt. Ihren Ausgangspunkt haben sie aber meist immer noch auf lokaler Ebene – seien es nun Occupy Wall Street oder Pegida. Begreift man die Digitalisierung jedoch als Ausgangspunkt jeglicher gesellschaftlichen Entwicklung der Moderne, fallen tiefer liegende Zusammenhänge nur allzu schnell aus der Betrachtung heraus.

So sieht die Soziologin Saskia Sassen selbst in Facebook, dem Paradebeispiel digitalisierter Massenkommunikation, „eine globale Formation, die sich nicht über die breite Akzeptanz konstituiert, sondern sich vielmehr durch die kleinen, weitestgehend ortsgebundenen, geschlossenen Räume auszeichnet.“ (Sassen 2013: 45) Selbstverständlich spielt die digitale Kommunikation hinsichtlich interner Organisation, Außendarstellung und Netzwerkbildung eine zentrale Rolle und trägt somit zur Ausformung sozialer Bewegungen bei. Diese Unterscheidung in der Annäherung an ein politisches Phänomen aufrechtzuerhalten, hat den Vorteil, „die ‚mediatisierte Welt’ der Politik insgesamt zu berücksichtigen. [Denn] erst in einem solchen Gesamtzusammenhang beginnt man zu verstehen, wie sich mit der Mediatisierung und Globalisierung Politik ändert.“  (Hepp 2013: 52)

Im hier angewandten prozessualen Verständnis wird Politik als Netzwerk verschiedener Verfahrensweisen zur Klärung der Anliegen des Gemeinwesens in Abgrenzung zum Privaten konstituiert. Diese Trennung von Politischem und Privatem, die vor allem für das liberale Politikverständnis eine wichtige Rolle spielt, ist epochen-, kultur- und milieuspezifisch geformt (vgl. Heller 2013: 65). Neben der Akkumulation persönlicher Erfahrungen quer durch die Gesellschaft oder innerhalb einer bestimmten Bevölkerungsgruppe, kann auch ein drastisches Einzelbeispiel Anstoß für eine gesellschaftliche Debatte sein: Die genannte Grenze wird übertreten, Privates wird also politisch  – man denke an die Selbstverbrennung des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi als Auslöser der Revolution in Tunesien 2010/2011, an die vierzehnjährige Reem Sahwil oder den siebenjährigen Aylan Kurdi, die den Debatten um den Umgang mit geflüchteten Menschen ein Gesicht geben. Dies ist zwar kein Spezifikum des digitalen Zeitalters, doch durch die Digitalisierung ist es deutlich einfacher geworden, ein Einzelschicksal medial zu inszenieren. So gibt es die Möglichkeit, den Fokus der Öffentlichkeit auf ein Thema zu lenken, das ansonsten kaum Beachtung findet. (Hier zeigt sich, wie auch auf Ebene der gewählten Vertreter, eine Tendenz zur stärkeren Personifikation des Politischen.) Jedoch scheint damit zugleich ein Verlust an Konstanz und Tiefgründigkeit der öffentlichen Diskussion einherzugehen: Während menschliche Schicksale als Symbole gesellschaftlicher Entwicklungen die Bindung an deren Ausgestaltungsprozesse erhöhen können, treten sie im digitalen Zeitalter zugleich in einen beispielslosen Konkurrenzkampf um die öffentliche Aufmerksamkeit.

Zudem muss berücksichtigt werden, dass die Schnelllebigkeit der Kommunikation Politiker_innen zwingt, sich in gewissem Maße anzupassen, wenn sie die Kontrolle über ihre öffentlichen Aussagen behalten wollen, da allzu ausführliche und differenzierte Aussagen oft verkürzt und somit verzerrt wiedergegeben werden (vgl. Crouch 2008: 64) – auch wenn man erwarten darf, dass sie sich diesem Trend zumindest teilweise entziehen. Die damit einhergehende Umdeutung politischer Nachrichten zu kurzlebigen Konsumgütern ist laut Crouch Anzeichen der postdemokratischen Entwicklung: Während eine Vermehrung von Nachrichten den Menschen die Möglichkeit der Emanzipation gegenüber institutionalisierten Deutungshoheiten eröffnet,  kippt diese Entwicklung – der von Crouch vermuteten parabelförmigen Entwicklung entsprechend – ab einem nicht genau zu definierenden Scheitelpunkt in die gegenteilige Richtung und der Mensch wird durch die Nachrichtenflut in die Passivität gedrängt: „Der Konsument hat über den Staatsbürger gesiegt.“ (Crouch 2008: 67)

Durch die Kurzlebigkeit und den Sensibilismus öffentlicher Debatten bietet sich für gut vernetzte Akteure die Möglichkeit zur fast unbemerkten Verschiebung von Diskursgrenzen. Durch kalkulierte und regelmäßige Übertretungen können Themen sowie Sprach- und Denkmuster zur Annäherung an eben diese ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden. So soll es Politiker_innen geben, die den Halt auf ihrer Computermaus verloren und somit zuvor öffentlich kaum beachtete Begriffe und Handlungen vielleicht nicht salonfähig gemacht, doch zumindest für einige Zeit im Zentrum der Debatte platziert haben – man denke an die Debatte über den Schießbefehl an deutschen Grenzen. Damit einherzugehen scheint die Zurückweisung von Verantwortung für die eigene Kommunikation, die sich auf die zwischengeschaltete Technik und somit auf die vom modernen Menschen gemachte Erfahrung des Kontrollverlusts im Digitalen stützt: Wohl Jede_r hat schon Informationen durch nicht dafür vorgesehene digitale Kommunikationskanäle gesendet (vgl. Pörksen 2013: 73). Die Verantwortung für die Platzierung des Diskursgegenstandes wird zurückgewiesen, der Diskurs mit all seinen Verselbstständigungen dennoch geführt.

Die Digitalisierung verspricht, was insbesondere für politische Debatten eine wichtige Voraussetzung ist, die Möglichkeit des erleichterten Perspektivwechsels und den Zugang zu Wissen, jedoch fördert sie auch die gesellschaftliche Spaltung. Sowohl inner- als auch intergenerational gibt es erhebliche Unterschiede in der Verwendungsweise des Internets. Neben den offensichtlichen Auswirkungen des Alters auf die Vertrautheit mit der Möglichkeitsvielfalt der digitalen Sphäre, gibt es auch einen Unterschied der Internetnutzung innerhalb der „Digital-Native“-Generationen, welcher unter anderem auf unterschiedliche Bildungsniveaus zurückzuführen ist und wiederum eine Auswirkung auf die Verteilung gesellschaftlich relevanter Ressourcen, wie bspw. Wissen und Geld, hat. Die Sorge ist, dass durch diesen „digital divide“ ein (noch stärkerer) „democratic divide“, eine Spaltung hinsichtlich der politischen Teilhabe, entsteht (vgl. Zillien 2013: 121ff.).

Neben den Unterschieden hinsichtlich der Nutzung der Vorteile der Digitalisierung, gibt es einen, wohl noch schwerwiegenderen, Einfluss auf die unterschiedlichen Konstruktionen sozialer Wirklichkeit(en). Auch dieses Phänomen ist kein Alleinstellungsmerkmal des digitalen Zeitalters, doch nehmen Algorithmen den Menschen nach und nach den Aufwand der Aufrechterhaltung eines – auch durchaus einsturzgefährdeten – Weltbildes ab. Dies reicht von personalisierten Werbeanzeigen bis zur radikalen Selektierung von Nachrichten: Bis vor nicht allzu langer Zeit brauchte es einen gewissen (teils unbewussten) Aufwand, um ein gewisses Weltbild aufrechtzuerhalten, da Informationen selektiert werden mussten, heute braucht es diesen Aufwand, um die sogenannte „Filterblase“ oder „echo chamber“ zu verlassen.

Gleichzeitig darf man auch diese Entwicklung nicht lediglich dichotom betrachten, denn in der modernen Welt, in der jedes Individuum der Gefahr der Reizüberflutung ausgesetzt ist, müssen Informationen gefiltert werden – und dies gelingt wohl nur mithilfe von Maschinen. Jedoch darf sich der/die Einzelne der Filterung nicht passiv ergeben, sondern sollte versuchen, diese möglichst aktiv zu gestalten – und dabei niemals vergessen, dass jedes Bild der Wirklichkeit, insbesondere in der heutigen Zeit, zwangsläufig ein Filterprodukt ist.

„Man hat die Freiheit, ignorant zu sein. Andererseits besitzt man auch die Freiheit, äußerst gut informiert zu sein – über eine Handvoll von Dingen, über die man gut informiert sein möchte, und durch die Handvoll Personen, die man dafür auswählt, diese Information an einen weiterzugeben.“ (Grieve 2013: 149)

Es lässt sich festhalten, dass die Digitalisierung durch einen stark vereinfachten Zugriff auf Wissen und andere gesellschaftliche Perspektiven sowie durch die Möglichkeit der detaillierteren Betrachtung sozialer Phänomene und Prozesse ein gewisses Demokratisierungspotential bietet. Durch notwendige Informationsfilterung und die stark unterschiedlichen Medienkompetenzen entstehen eine Vielzahl unterschiedlicher Weltkonstruktionen und ein großer Unterschied im Zugriff auf gesellschaftlich relevante Ressourcen. Zudem verstärkt die moderne Massenkommunikation die Sensibilität des öffentlichen Diskurses und erschwert so eine angemessene Auseinandersetzung mit relevanten Themen. Die demokratisierenden Tendenzen zu stabilisieren und die zwangsläufig damit einhergehenden Negativpotentiale einzudämmen, ist aus politischer Perspektive eine der wichtigsten Aufgabe des digitalen Zeitalters – unabhängig all der inhaltlichen Fragen, bspw. zum Datenschutz und den damit einhergehenden Machtpotentialen.

Quellen

Crouch, Colin (2008): Postdemokratie. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

Grieve, Tim (2013): Re-Think Journalism! In: Deutschlandradio (Hrsg.): Der Ort des Politischen – Politik, Medien und Öffentlichkeit in Zeiten der Digitalisierung. Berlin: VISTAS Verlag GmbH

Heller, Christian (2013): Zerstört die Digitalisierung die Grenze zwischen Öffentlichem und Privatem? In: Deutschlandradio (Hrsg.): Der Ort des Politischen – Politik, Medien und Öffentlichkeit in Zeiten der Digitalisierung. Berlin: VISTAS Verlag GmbH.

Hepp, Andreas (2013): Es sind die Menschen auf den Straßen. In:  Deutschlandradio (Hrsg.): Der Ort des Politischen – Politik, Medien und Öffentlichkeit in Zeiten der Digitalisierung. Berlin: VISTAS Verlag GmbH.

Pörksen, Bernhard (2013): Der totale Kontrollverlust. In: Deutschlandradio (Hrsg.): Der Ort des Politischen – Politik, Medien und Öffentlichkeit in Zeiten der Digitalisierung. Berlin: VISTAS Verlag GmbH.

Sassen, Saskia (2013): Minimalistisches Facebook: das Social-Networking-Portal innerhalb größerer Ökologien. In: Deutschlandradio (Hrsg.): Der Ort des Politischen – Politik, Medien und Öffentlichkeit in Zeiten der Digitalisierung. Berlin: VISTAS Verlag GmbH.

Zillien, Nicole (2013): Internet verstärkt soziale Spaltung. In:  Deutschlandradio (Hrsg.): Der Ort des Politischen – Politik, Medien und Öffentlichkeit in Zeiten der Digitalisierung. Berlin: VISTAS Verlag GmbH.

 

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