Sozialpolitik aus dem Drucker ─ Teilhabe an der Digitalisierung als kleine Randbedingung einer technikgemachten Sozialpolitik

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Illustration: Ingo Faulstisch

Es war schon heftig, was die Dampfmaschine einst in Gang setzte: Die industrielle Revolution. Sie führte zu einem Entwicklungsschub der Technik, der Produktivität, des Wissens und gesellschaftlichen Wandels. Statt Dampfmaschinen könnten heute digitale Herstellungsverfahren, wie der 3D-Druck, Sinnbilder einer neuen Industrieepoche werden, die Produktionsprozesse zu den Konsumenten verlagern und so demokratisieren. Bei einem solchen Prozess, dem computergesteuerten 3D-Druck, werden aus flüssigen Werkstoffen, wie Kunstharzen, relativ günstig beliebige Gegenstände schichtweise aufgebaut. Auch die Produktpalette wächst mit den technischen Möglichkeiten: von kleinsten Bauteilen für die Computerindustrie bis großen Bauteilen für das Bauwesen und einfachen Alltagsartikeln bis hin zu Prothesen. Der 3D-Druck zählt zum Standbein des digitalen Wandels, denn digitale Produkte konkurrieren zunehmend mit konventionellen Fließbandprodukten. Allerdings gilt wie bei der industriellen Revolution, dass maschinelle Produktion erneut mit menschlicher Arbeit konkurriert und es ist zu erwarten, dass drastische Veränderungen im ökonomischen Gefüge positive und negative, vor allem aber einschneidende soziale Folgen haben werden.

Ich nehme daher verwegen an, dass die künftige Wirtschafts- und Sozialpolitik aus dem 3D-Drucker kommt, wenn er die bisher monopolisierte Welt der Produktion demokratisiert und uns zu „Prosumenten“ macht. Der Prosumentenbegriff ist aber noch zu problematisch, um ihn im Diskurs um eine demokratisch organisierte Produktion einzubringen. Was der Prosument ist und warum er problematisch mit seiner jetzigen erklärungsbedürftigen Definition ist, zeigt die Gegenüberstellung mit unserer ökonomischen und gesellschaftlichen Organisation und der daraus resultierenden ungleichen Verteilung von Wissen und der Frage, auf welche Grundsätze sich Sozialpolitik konzentrieren müsste, wenn sie eine „Wissensumverteilung“ steuern und sozialverträglich machen will. Zunächst also eine Erklärung des makrosoziologischen Modells des Prosumenten und sein Verhältnis zur Arbeitswelt von Morgen.

In seinem Buch The Third Wave formuliert Alvin Toffler die Idee von einem selbstproduzierenden Konsumenten, der durch Einsatz von Technologien seine eigenen Bedürfnisse bedient. Er will einen praxisorientierten Prosumentenbegriff finden, indem er die Rollenerwartungen von uns nachfragenden Konsumenten auf der einen Seite und bereitstellenden Produzenten auf der anderen Seite auflöst, wenn die Technisierung bzw. Digitalisierung die Dominanz der Marktlogik ebenfalls auflöst (vgl. Blutner 2012). Dazu begründet Toffler das Ende dieses Abhängigkeitsverhältnisses mit seinem Beginn und erklärt seine Entwicklung in drei Epochen („Wellen“): In der Vorindustriellen Zeit waren Menschen Selbstversorger und kannten die beiden Rollen nicht. Sie lernten sie erst nach der Welle der Industrialisierung kennen. Sie spülte die Selbstversorgung fort und Produktion und Konsum wurden durch Etablierung des Marktes voneinander getrennt (vgl. Toffler 1980: 53ff). An dieser Stelle erwähnt der Autor nicht die damit verbundene Bedeutung der sozialen Integration durch Erwerbsarbeit, die gesellschaftliche Teilhabe durch Konsum suggeriert. Arbeit und Konsum haben dadurch ein symbiotisches Verhältnis, das uns als Prosumenten im Weg steht, wenn der Markt in der dritten Epoche seine Macht in der Transmarktgesellschaft verlieren soll, ohne zu verschwinden. Als Prosumenten eignen wir uns in der dritten Welle beide Rollen zugunsten einer Wirtschaftsordnung an, in der wir gleichzeitig als Konsument und Produzent mit anderen agieren (vgl. ebd.: 286ff).

Dazu ist ein Paradigmenwechsel notwendig. Außerdem sollten wir uns von der Vorstellung lösen, es handele sich bei Erwerbsarbeit um einen gesellschaftlichen Akt, der die eigene soziale Stellung bestimmt (vgl. Miegel 2007: 167). Das Problem ist, dass wir, selbst wenn wir keinen Job haben, dennoch konsumieren müssen und damit abhängig vom Angebot sind. Konkret manifestiert sich hier die Logik des Konsums, nach jener der Markt auch nicht verschwinden kann. Nach ihr verschaffen wir uns den Zugang zu Innovationen ausschließlich durch ihren Erwerb. Erwerb verspricht uns Teilhabe an neuen Technologien, die uns wiederum suggerieren, uns von der Rollenerwartung als Konsument emanzipieren zu können. Das führt nicht nur zur Dominanz der Hersteller und des Marktes, sondern auch zum Zwang eine der beiden Rollen einzunehmen, die in diesem Licht vielmehr als Nutzenerwartung erscheint.

Hinzu kommt, dass in der fortschreitenden Digitalisierung Arbeit, Kapital und Wissen zunehmend mit Technik verschmelzen (vgl. ebd.). Und wenn es allein Produzenten sind, die die damit verschmolzene Technik bereitstellen, statuieren sie die ungleiche Verteilung von Wissen, Kapital und Arbeit. Es werden diejenigen kein Teil eines digitalen Wirtschaftskreislaufs sein, die mangels Wissen weder selbst herstellen noch mangels Arbeitseinkommen konsumieren können und damit nicht als nützlich betrachtet werden (vgl. Badiou 2016: 35). Der 3D-Drucker und die Versprechen seiner technologischen Möglichkeiten nützen uns dann nichts, wenn der Zugang zu ihm in jeder Hinsicht fehlt, wir als Prosumenten ihn weder kaufen noch bauen können. Von einer „[…] Freiheit, ein selbstbestimmtes Leben auf der Grundlage auskömmlicher Erwerbsarbeit ohne Angst vor sozialem Abstieg zu führen und im Falle der Arbeitslosigkeit und des Empfangs staatlicher Unterstützungsleistungen nicht als „Sozialschmarotzer“ diskriminiert zu werden“ (Kutscha 2006: 355) kann dann keine Rede sein. Somit muss auf der einen Seite für den Prosumenten in Tofflers Sinne die soziale Integration durch Beweis der eigenen Nützlichkeit, vor allem durch Konsum, hinterfragt werden und durch ein anderes Sozialgefüge ersetzt werden. Wie Blutner konstatiert, vernachlässigt Toffler in diesem Punkt unsere organisatorische Verfasstheit und damit ihre Nutzenmaxime. Er übersieht auch das Beharrungsvermögen des Marktes und fragt nicht nach sozialen Verwerfungen, die ein Austausch des Produktionsregimes schon vor dem eigentlichen Austausch provoziert.

Auf der anderen dafür zuständigen Seite, zielt aber auch Sozialpolitik nicht auf die Mitgestaltung des Produktionsregimes ab, trotz der vielversprechenden technologischen Möglichkeiten sie durchzusetzen. Vordergründig geht es ihr um die bloße Geldumverteilung, also Möglichkeiten zu schaffen, Innovationen zu kaufen und sich damit „nützlich“ zu machen. Es geht aber um die Notwendigkeit der Mitbestimmung der Produktion bzw. die Teilhabe an der Technologie und nicht um ihre Übertragung an den Staat, der damit wie auch immer geartete soziale Ziele verknüpft. Sie darf sich nicht darauf beschränken die Fehler einer automatisierten Wirtschaftsordnung mittels sozialstaatlicher Elemente zu korrigieren, sondern muss demokratische Teilhabe nicht nur im Politischen, sondern auch im Ökonomischen ermöglichen.

Derzeit problematisch für uns als Prosumenten von Morgen ist also die „Politik der Ökonomisierung“ (Kutscha 2006: 361), die nicht nur Technik, sondern auch das dafür nötige Wissen dem Nutzen Privater unterordnet. Verwandelt sich Wissen in Ware, kommen jene mit engen finanziellen Spielräumen zu kurz. Damit sind demokratische Gestaltungsmöglichkeiten und Teilhabechancen geschmälert, weil private Zugänge nicht öffentlich einsehbar sind (vgl. ebd.: 362). In Form von Patenten und Betriebsgeheimnissen ist Wissen bisher jenen vorbehalten, die „kapitalintensiv“ wirtschaften können und nur bei profitabler Nachfrage zur Verfügung stellen, heute und in Zukunft. Es gilt vor allem technologisches Wissen öffentlich zugänglich zu machen. Damit basiert Integration in der Do-It-Yourself-Gesellschaft auf gemeinschaftsorientierte Bereitstellung erarbeiteten Wissens und weniger auf der Mentalität der Nutzenerwartung. Der Prosumentenbegriff kann dieses Problem nicht lösen und ist in dieser Hinsicht trotz seines Potenzials noch unreif.

Fazit: Bevor wir als Prosumenten gewissermaßen 3D-druckreif sind, müssen wir dem zugrundeliegenden Begriff eine klare Selbstdefinition geben, die seine politische Rolle in einer vollautomatischen, quasi nutzenmaximierten Wirtschaftsordnung beschreibt. Das geht aber nicht, weil der Begriff „Prosument“ noch nicht zwischen freiwilligem Mitwirken des Konsumenten bei der Produktentwicklung und neuer Partizipationsformen sowohl im Ökonomischen als auch im Politischen unterscheidet. Erst wenn wir ihn stattdessen als einen politischen Begriff wahrnehmen, kann eine umfassende Strategie folgen, um Besitzverhältnisse in gemeinwohlorientierte Wirtschaftsprinzipien zu verwandeln, in denen gleiche Chancen für alle über Kapitalinteressen weniger stehen (vgl. Weber 1973: 316). Erst dann wird sich die monopolisierte Welt der Produktion demokratisieren, in dem sich Netzwerke bilden und sich soziale und ökonomische Vorteile einer digitalisierten Arbeitswelt allen gleichermaßen erschließen.

Quellen

Badiou, Alain (2016): Wider den globalen Kapitalismus. Für ein neues Denken in der Politik nach den Morden von Paris. Berlin.

Blutner, Doris (2010): Vom Konsumenten zum Produzenten. In: Blättel-Mink, Brigitte/Hellmann, Kai-Uwe (Hrsg.): Prosumer Revisited. Zur Aktualität einer Debatte, Wiesbaden: S. 83–95.

Kutscha, Martin (2006): Erinnerung an den Sozialstaat. In: Blätter für deutsche und internationale Politik. Jg. 2006/3. S. 355–364.

Miegel, Meinhard (2007): Die deformierte Gesellschaft. Wie die Deutschen ihre Wirklichkeit verdrängen. Berlin: Ullstein Buchverlage GmbH. 6. Auflage 2007.

Toffler, Alvin (1980): The Third Wave. New York: Morrow.

Weber, Max (1973): Vom Kapitalismus zur Gemeinwirtschaft. In: Festschrift H. P. Tschudi. Bern: S. 315–320.

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