Der überflüssige Mensch?

„Wir haben [die MASCHINE] erschaffen, uns zu dienen, aber sie dient uns nicht mehr. Die MASCHINE entwickelt sich weiter – aber nicht in unserem Sinn. Die MASCHINE macht Fortschritte – aber nicht zu unserem Nutzen.“ – Forster, Die Maschine steht still (1928)

Es gab einen Malocher zu Beginn der digitalen Revolution, dessen Arbeitsplatz im Laufe des 21. Jahrhunderts verschwand: Der Mensch. (vgl. Trojanow 2013: 59) Das wohl am häufigsten verwendete und plakativste Dogma der zeitgenössischen Debatte um Digitalisierung und Automatisierung ist es, den Menschen zu verdrängen. Allerdings ist hier eine differenzierte Betrachtungsweise notwendig. Einerseits gilt es, die „Störquelle Mensch“ durch Überwindung der menschlichen Fehlerhaftigkeit, mangelnder Produktivität und Effizienz zu beseitigen, andererseits wurden bereits die 1950er und 1960er Jahre von der Idee der Befreiung des Menschen von monotoner und unangenehmer körperlicher Arbeit geprägt.

In der Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) 1956 wurde betont, dass jeglicher technische Fortschritt eine Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen impliziere; dem Menschen „zu mehr Muße zu verhelfen“ und auf diese Weise seinen Lebensstandard hebe (vgl. Steeger 1956: 1401). Die mechanische Bearbeitung sollte vereinfacht und beschleunigt werden, insbesondere durch die Vermeidung menschlichen Versagens: „Die begrenzte Reaktionsgeschwindigkeit des Menschen konnte mit der Arbeitsgeschwindigkeit der Maschinen häufig nicht mehr Schritt halten.“ (vgl. Steeger 1956: 1400) Durch den Einsatz von Technik wird der Mensch also zum begrenzenden Faktor der Perfektion.

Fraglich ist, worin in der heutigen Zeit das Selbstverständnis des Menschen liegt. Wie kann der Mensch seine Existenz sichern und sich gleichzeitig gesellschaftlich integrieren, wenn nicht durch Arbeit?

„Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?“ (Arendt 1981: 13)

 

Mensch als Maß aller Dinge?

Schon in der griechischen Antike wurde der Mensch als Maß aller Dinge betrachtet. Ein von Protagoras überlieferter Satz, der sogenannte Homo-Mensura-Satz, gilt als die bekannteste sophistische Lehraussage: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der seienden, dass sie sind, der nichtseienden, dass sie nicht sind.“ (Rehfus 2003)

Wenn wir in der heutigen Zeit nach wie vor Wert darauf legen, den Mensch als Maß aller Dinge aufzufassen: Wie käme er dazu, sich selbst zu verdrängen, vielleicht auch ganz zu ersetzen? Gleichzeitig ist es fraglich, inwieweit es vertretbar ist, dem Menschen eine stupide und monotone Tätigkeit als Existenzsicherung zuzumuten. Wer hat schon Lust, acht Stunden täglich, fünf Tage in der Woche, 52 Wochen im Jahr, einzelne Münzen in Automaten zu werfen, um dessen Funktionsfähigkeit zu testen? Hier wäre es naheliegend, eine Maschine diese Arbeit verrichten zu lassen, billiger, effizienter und den Menschen entlastend; seiner „Würde“ entsprechend.

 

Das Prinzip der Nützlichkeit

Ursprünglich wurden Gegenstände erfunden und entwickelt, um dem Menschen zu nützen und sein Leben zu erleichtern. Allerdings verliert das Prinzip der Nützlichkeit im Rahmen der Automatisierung seine Essenz: Die menschlichen Bedürfnisse erscheinen langfristig betrachtet sekundär, der Mensch ist nur noch der Hersteller seiner eigenen Kontingenz. Dies geschieht beispielsweise genau dann, wenn wir eine Intelligenz entwickeln, die den Menschen in seiner Position als Arbeiter, Handwerker und vielleicht zukünftig auch als Denker ersetzen oder aber auch befreien kann; eine Intelligenz, die intelligenter zu sein scheint als wir selbst.

Durch den Entschluss, die Welt anhand von Wissenschaft und analytischen Erkenntnissen und deren technologischer Anwendung, zu verändern, wird die natürliche Welt auf Distanz gehalten. Hannah Arendt zufolge erschaffen wir einen archimedischen Punkt, einen Dreh-und Angelpunkt außerhalb unserer Welt (vgl. Arendt: 334ff.). Eben durch die Entfaltung grenzenlos erscheinender mentaler wie materieller Technologie verschwindet der Mensch hinter einer künstlichen Welt, aus der er sich selbst vertreibt. (vgl. Baudrillard 2007: 6f.)

 

Die ideale Spinne

Dabei verfolgt der Mensch keinen Todesdrang, im Gegenteil, er unterliegt einem Fortschrittszwang, schließlich bis zur Abschaffung der menschlichen Sterblichkeit. Man beachte nur diese Ironie!

Baudrillard veranschaulicht diese Diskrepanz anhand eines sehr eingängigen Vergleichs:

„[Das] Symbol einer lebendigen Zerstreuung, die ideale Spinne, die ihr Netz spinnt, während sie von ihrem Netz gesponnen wird. Noch besser: ‚Ich bin weder die Fliege, die sich im Netz verfängt noch die Spinne, die das Netz spinnt, ich bin das Netz selbst, in alle Richtungen ausstrahlend, ohne Zentrum ohne irgend etwas, das meinem eigenen Wesen ähneln würde.‘“ (Baudrillard 2007: 46)

Hier wird das Dilemma deutlich: Der Mensch ist eher das Opfer seiner eigenen Tat als ihr Schöpfer. Nicht einmal bei der Arbeit, die man als Lebensnotwendigkeit unterstellen könnte, scheint er weniger frei zu sein als genau in der handwerklichen Begabung, die eigentlich seine Freiheit garantieren sollte. Und eben genau in dem Bereich, der ausschließlich durch den Menschen selbst erzeugt ist. (vgl. Arendt 1981: 298)

Homo sapiens reduziert sich damit selbst in seinem ursprünglichen Dasein als homo faber zum bloßen Antreiber des universellen Fortschritts, der eigene Regeln erfordert und nach gewisser Zeit seinen „Schöpfer“ zum Zuschauer einer sich autonom fortsetzenden Evolution machen wird. Das gravierende Problem dabei ist, dass der Mensch nicht reflektiert, dass die „MASCHINEN“ von ihm entwickelt wurden; von dem eigentlichen Erfinder über den Techniker, bis hin zu ihren „Usern“ und zu den Lesern dieses Textes. Denn wir akzeptieren grundsätzlich die innere Notwendigkeit der technischen Entwicklung. Was machbar ist, wird auch realisiert.

Unser Denken ist rückläufig zu der eigentlichen Entwicklung. So gibt es beispielsweise eine Ethikkommission für automatisiertes Fahren – ist es vertretbar, wenn der Mensch das Steuer abgibt? Was darf ein hochautomatisiertes System und was darf es nicht? Fragen wie diese und unzählige weitere werden gestellt und debattiert, in Gremien, Ausschüssen, Regelwerken und neuen Gesetzesentwürfen. Aber sie finden entweder parallel oder im Nachhinein statt. Autonomes Fahren schlägt bereits seine Bahnen, ein Rückzug ist nicht möglich. Wir verpassen auf diese Art die Möglichkeit der Mitgestaltung, wir analysieren und kritisieren den Ist-Zustand, anstatt ihn bereits in seinen Anfängen zu formen.

Was bleibt also noch? Durch transhumanistische Ideen und „Human Enhancement“ einen neuen utopischen Menschen designen? Der Gesellschaft wird durch die gegenwärtigen Trends ein Spiegel ihrer scheinbaren Unvollkommenheit entgegengesetzt, um sich kontinuierlich zu verbessern und letztlich auf diese Art das einzige zu verlieren, das ihr geblieben ist: Ihre Natürlichkeit.

Eine kritische und gesellschaftlich fixierte Auseinandersetzung mit diesen Fragen und Problemen ist heute unabdingbar. Es bedarf einer grundlegenden Reflexion über den Ist-Zustand und der Frage, wie wir in Zukunft leben möchten und welche Stellung wir uns zuschreiben. Ist der Mensch Täter oder Opfer, Gewinner oder Verlierer? Ob Utopie oder Dystopie, „Brave new world“ oder „Zurück in die Zukunft“, diese Vorstellungen und Ideen sind Gegenstand des Diskurses in unserer Gegenwartskultur. In einer Gesellschaft, die ihre zukünftige Perspektive ausschließlich in ihrem technischen Know-how sieht. Es handelt sich weniger um eine digitale Revolution, als vielmehr um einen seit Jahrzehnten voranschreitenden Wandel. Wir haben es bloß versäumt, ihn in seiner Essenz zu begreifen.

„Das hört sich an, als hätte ein Gott die MASCHINE erschaffen. […] Vergiss nicht, die Menschen haben sie erschaffen. Begnadete Menschen, aber doch Menschen! Die MASCHINE ist vieles, aber nicht alles.“ – Forster, Die Maschine steht still (1928)

 

Quellen

Arendt, Hannah (1981): Vita activa. Oder vom täglichen Leben. München: Piper Verlag GmbH. 17. Auflage 2016.

Baudrillard, Jean (2007): Warum ist nicht alles schon verschwunden? Berlin: MSB Matthes & Seitz Verlagsgesellschaft mbH. 2. Auflage 2012.

Forster, E.M. (1928): Die Maschine steht still. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag. 2016.

Rehfus, Wulff D. (Hrsg.) (2003): UTB-Online-Wörterbuch Philosophie. Aus: Handwörterbuch Philosophie. Online verfügbar unter: http://www.philosophie-woerterbuch.de/online-woerterbuch/ [Zugriff: 29.11.2016].

Steeger, Anton (1956): Die Automatisierung als technische und soziale Aufgabe des Ingenieurs und des Unternehmers. In: Verein Deutscher Ingenieure – Zeitschrift. Jg. 1956/98.

Trojanow, Ilija (2013): Der überflüssige Mensch. München: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG. 2015.

 

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