Race Against the Machine

Wir sind inmitten einer technologischen Revolution, die unsere Gesellschaft um einiges schneller als z.B. die industrielle Revolution umwälzt. Eckpfeiler dieser Entwicklungen sind die stetig voranschreitende Computerisierung, Digitalisierung und Automatisierung. Dabei droht die Technik, die Fähigkeiten des einzelnen Menschen derart zu überflügeln, dass er sich in immer mehr Bereichen als überflüssig wahrnimmt. Wir scheinen uns in einem Rennen gegen die Maschinen zu befinden. Doch was sind die ideengeschichtlichen Bedingungen und Ursprünge der Automatisierung? Wann fiel der Startschuss?

Zu Zeiten des digitalen Wandels wird die Beziehung zwischen Mensch und Maschine wieder ein zunehmend zentrales Thema, wenn es um den stetig voranschreitenden technischen Fortschritt und seinen Auswirkungen auf die Zukunft unserer Gesellschaft geht. Der Mensch hat seit Anbeginn seiner Geschichte durch Technik die ihn umgebende Natur gebändigt und durch verschiedenste Erfindungen, wie der Dampfmaschine, der Luftfahrt oder der Telekommunikation, seine Handlungsmöglichkeiten ins Unermessliche gesteigert. Gleichzeitig haben diese Fortschritte, z.B. während der industriellen Revolution, zahlreiche Arbeitsfelder und -methoden derart verändert, dass die Arbeitskraft von Millionen von Menschen durch die zunehmende Mechanisierung der Arbeitsabläufe nicht mehr in althergebrachter Form vonnöten war. Die Menschen konkurrieren seitdem mit immer geringeren Löhnen gegen zunehmend billiger und effizienter arbeitende Maschinen. Mittlerweile haben menschliche Technologien, vor allem in Form von modernen Computern und der Robotik, eine Stufe erreicht, die durch die Möglichkeit vollständiger Automatisierung – wie vielerseits befürchtet – drohen, den Menschen bzw. seine Arbeitskraft in vielen Arbeitsfeldern obsolet zu machen. So wickeln z.B. Finanz-Algorithmen in Sekundenbruchteilen eine Anzahl von Kalkulationen und Transaktionen ab, die außerhalb der Möglichkeiten menschlicher Broker stehen würde, was den Menschen auf den digitalisierten Finanzmärkten des 21. Jahrhunderts weitestgehend überflüssig macht. Parallel dazu ersetzen immer mehr Roboter und vollautomatisierte Systeme menschliche Arbeiter nicht nur in Fabriken oder in der Logistik, sondern zunehmend auch im Dienstleistungsbereich, wodurch z.B. in den USA laut einer vielzitierten Studie nahezu die Hälfte aller Jobs zu verschwinden droht (vgl. Frey/ Osborne 2013). Die anfänglich auf mechanische Arbeitsabläufe beschränkte Automatisierung fasst durch die Möglichkeiten der Computerisierung zunehmend Fuß im Bereich der Denkarbeiten: Das Übersetzen, Ordnen und Schreiben von Texten, das Berechnen von Bilanzen oder das Heraussuchen des günstigsten Flugs zum nächsten Urlaubsziel sind mittlerweile keine ausschließlich dem Menschen vorbehaltene Tätigkeiten mehr.

3_RaceAgainstTheMachineWie kam es zu dieser Entwicklung? Wann fiel der Startschuss für das Rennen gegen die Maschine, oder präziser: Gegen den Computer in seiner heutigen Form? Lässt er sich auf den Tag der Inbetriebnahme des ersten Computers datieren? Oder doch eher bereits auf die Erfindung der Dampfmaschine? Es ist schwierig, einen konkreten Zeitpunkt für diesen Startschuss zu nennen, aber es gab während der industriellen Revolution am Anfang des 20. Jahrhunderts eine entscheidende Phase ideengeschichtlicher Entwicklungen, die der Computerisierung bedeutende Denkgrundlagen geliefert haben. Auch für die Soziologin Bettina Heintz stellt die Computerisierung nicht den Anfang dar, sondern den vorläufigen Endpunkt einer Entwicklung, die schon lange vor dem Einsatz des ersten Computers begonnen hat (vgl. Heintz 1991). Im Folgenden soll diese ideengeschichtliche Entwicklung im Groben nachgezeichnet werden.

Schon ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verdrängte die industrielle Produktionsweise nach und nach die durch die Erfindung der Dampfmaschine oder des mechanischen Webstuhls überkommenen Herstellungsformen in Handwerksbetrieben und Manufakturen. Bis dahin führte der einzelne Arbeiter in der Regel einen Großteil der jeweiligen zur Herstellung eines Produkts gehörenden Teilschritte von Anfang bis Ende in aktiver Auseinandersetzung mit dem Produktionsprozess selbst durch. Allmählich fand eine zunehmend auf innerbetriebliche Arbeitsteilung und Maschinennutzung setzende instrumentelle Arbeitshaltung Einzug in die Produktionsstätten des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Im Laufe des darauffolgenden Jahrhunderts reduzierte sich in vielen Branchen und Produktionsprozessen die Arbeit der Menschen zunehmend darauf, anhand vorgegebener Regeln und Teilschritte standardisierte Probleme zu lösen.

Diese Entwicklung entsprach auch dem von damaligen Soziologen, wie Georg Simmel oder Max Weber, diagnostizierten Grundmerkmal des modernen Rationalismus durch Zergliederung und Berechnung, eine Beherrschbarkeit der Welt anzustreben. Diese Grundtendenzen innerhalb der Organisation von Arbeits- und Produktionsabläufen trieben schließlich Frederick W. Taylor und Henry Ford an die Spitze. Im von Taylor im Rahmen seines wohl einflussreichsten Werks „The Principles of Scientific Management“ entwickelten Taylorismus geht es um die Optimierung des einzelnen menschlichen Arbeiters. Die menschliche Arbeitsleistung wird einer exakten Kalkulation unterzogen, zum Zwecke der maximalen Steigerung von Produktivität und Rentabilität. Die Strukturmerkmale der modernen Gesellschaft – Differenzierung und Rationalisierung – werden darin vereint: Arbeitstätigkeiten werden in ihre Bestandteile zerlegt, ausgemessen und nach Effizienzkriterien resynthetisiert. Dabei wird jeglicher als überflüssig bewertete Handgriff wegrationalisiert und für jeden Teilschritt ein optimales Zeitlimit zur Durchführung gemessen. Dadurch wird jeder Arbeitsschritt zu einer routinehaft durchführbaren Anwendung bloßer Regeln, die weder ein tieferes Verständnis für den gesamten Produktionsablauf, noch für die Bedeutung des eigenen Handelns darin voraussetzt. Darauf aufbauend nahm Henry Ford die durch den Taylorismus nahezu zu bloßen Zahnrädchen rationalisierten menschlichen Arbeiter und fügte sie schließlich in Kombination mit dem Fließband als Taktgeber zu einer größeren Produktionsmaschinerie zusammen – die massenhafte Fließbandfertigung und der Fordismus waren geboren.

Taylor und Ford haben damit jedoch nicht nur die Fabrikhallen und die darin arbeitenden Menschen verändert, sondern auch das Denken ihrer Zeit. Sie demonstrierten eindrucksvoll, dass sich menschliches Handeln in Kleinstelemente zergliedern lässt, die dann beliebig auf Menschen oder Maschinen verteilbar sind. Diese Formalisierung menschlicher Arbeit in berechenbare und regelhafte Routinehandlungen war die grundlegende Voraussetzung für die Möglichkeit menschliche Arbeiter durch mechanische Vollautomaten zu ersetzen. Zwar beschränkte sich diese Möglichkeit zunächst auf mechanische Handlungen und den Menschen blieben zum Broterwerb noch vergleichsweise komplexere Tätigkeiten, bei denen Denkarbeit nötig war. Doch Alan M. Turing hat schließlich auf mentale Prozesse übertragen, was sich in der klassischen Rationalisierung noch ausschließlich auf Körperbewegung bezog. Er schuf bereits in den 1930ern die theoretischen Grundlagen für den erst Jahre später folgenden Computer in seiner heutigen Form.  Er stellte die These auf und arbeitete theoretisch aus, dass nicht nur mechanische Operationen, sondern auch jede gedankliche Operation tatsächlich von einer Maschine ausgeführt werden kann, solange die Operation klaren Regeln folgt und die bearbeiteten Gegenstände sich in Termini mathematischer Symbole formalisieren lassen, wie es z.B. beim Schachspiel der Fall ist. Damit hat Turing den Ansatz Taylors radikal zu Ende gedacht: Jede Handlung, ob mechanisch oder mental, lässt sich in ihre Einzelteile aufspalten und anschließend mechanisieren! So gesehen legte die Maschinenwerdung des Menschen im Taylorismus nicht nur den Grundstein für die in den Folgejahrzehnten stetig zunehmende Automatisierung mechanischer Handlungen, sondern letztlich auch für die Menschwerdung der Maschine und der damit einhergehenden Automatisierung mentaler Handlungen – der Computerisierung.

Mittlerweile sind wir am Anfang des 21. Jahrhunderts in einem nie gekannten Ausmaß mit den Möglichkeiten und Auswirkungen der Computerisierung konfrontiert. Wie tiefgreifend diese für die Arbeitswelt sind, lässt sich anhand der Lagerwirtschaft und Logistik z.B. in Versandhäusern veranschaulichen: Zwar können viele komplexe organisatorische Aufgaben, wie die Berechnung optimaler Laufwege für Lagerarbeiter, mittlerweile durch Software in bisher ungekannter Effizienz übernommen werden, jedoch werden genau jene Arbeiter dabei zu bloßen Zahnrädchen in einem System, welches ihnen durch ihre Handscanner den Weg und den Takt vorgibt. Zusätzlich erlauben die in vielen Fällen mit Kameras und Mikrofonen ausgestatteten Handscanner eine permanente Erfassung von Daten zu Laufwegen und Lieferzeiten. Diese datenschutzrechtlich bedenkliche Überwachung der jeweiligen Arbeitsleistung ermöglicht einen exakten Vergleich mit den restlichen Arbeitskräften, was nicht nur einen immensen Wettbewerbs- und Leistungsdruck ausübt, sondern letztendlich auch nichts Geringeres ist als eine Art digitalisierter Taylorismus (vgl. Staab/ Nachtwey 2016: 27f.). Wer nicht Schritt hält wird wegrationalisiert und wer es trotzdem schafft, sieht sich noch immer der Gefahr ausgesetzt das Rennen gegen die Maschine zu verlieren und früher oder später von einem Roboter ersetzt werden zu können, wie es in zahlreichen Lagerhäusern und Logistikbetrieben bereits geschehen ist.

In diesem Spannungsfeld zwischen Technik als einerseits tatkräftiger Unterstützung und andererseits knallharter Konkurrenz stellen sich zahlreiche Fragen: Wie sollen die Segnungen der Digitalisierung und Automatisierung genutzt werden? Wo liegen die Grenzen des stetigen Fortschritts und seiner Nutzung? Wird der Mensch bzw. seine Arbeitskraft wirklich überflüssig werden? Welche Schlüsse müssen wir für uns als Individuen und als Gesellschaft aus den bisherigen Entwicklungen ziehen? Die aktive Auseinandersetzung mit diesen Fragen bildet einen grundlegenden Ausgangspunkt für die Bewältigung potentieller zukünftiger Probleme. Denn was man bei der Technik niemals vergessen sollte, ist die Tatsache, dass es sich bei ihr immer um ein Mittel zum Zweck handelt – und diesen Zweck bestimmen wir. Ob Flugzeuge zu ziviler Luftfahrt oder bewaffneten Bombern, die Kernspaltung zu Atomkraft oder Nuklearwaffen oder die Automatisierung zu unserer Befreiung von oder zu unserer Verdrängung aus der Arbeit führen, sollten noch immer wir als Gesellschaft entscheiden und gestalten. Wir mögen uns beim Rennen gegen die Maschine vielleicht im Endspurt befinden, aber was uns an der Ziellinie erwartet bestimmen wir – auch ob wir sie als Gewinner bzw. Verlierer gegen die Maschine überschreiten oder mit ihr, als ein uns konstruktiv ergänzender Partner. Grundbedingung dafür ist, dass wir diesen Prozess aktiv mitgestalten und uns nicht von einem in unkontrollierter Eigendynamik immer schneller voranschreitenden technischen Fortschritt überrumpeln lassen.

Quellen

Frey, Carl Benedikt / Osborne, Michael A. (2013): The Future of Employment: How Susceptible are Jobs to Computerisation? Online verfügbar unter: www.oxfordmartin.ox.ac.uk/downloads/academic/The_Future_of_Employment.pdf [Zugriff: 07.12.2016].

Heintz, Bettina (1991): Regelwerke. Von der Maschinenwerdung des Menschen und der Menschwerdung der Maschine. In: Henke, Silvia und Mohler, Sabina (Hrsg.): Wie es ihr gefällt VII. Freiburg: Kore. S. 5-21.

Staab, Philipp/ Nachtwey, Oliver (2016): Die Digitalisierung der Dienstleistungsarbeit. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. 66. Jahrgang. 18–19/2016. 2. Mai 2016. S. 25-31. Online verfügbar unter: http://www.bpb.de/apuz/225683/arbeit-und-digitalisierung [Zugriff: 07.12.2016].

Außerdem:

Brynjolfsson, Erik; McAfee, Andrew (2011). Race Against The Machine: How the Digital Revolution is Accelerating Innovation, Driving Productivity, and Irreversibly Transforming Employment and the Economy. Lexington, Massachusetts: Digital Frontier Press.

 

 

 

 

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