Ich habe ein Problem mit der Umwelt…

Ich habe ein Problem mit der Umwelt. Wir stehen in einem angespannten Verhältnis zueinander, das sich im Laufe der Jahre zugespitzt hat. Ich will nur das Beste für sie, doch sie macht es mir nicht gerade leicht, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Was ich auch tue, mein strapaziertes Umweltgewissen folgt mir wie mein eigener Schatten.

Ich beginne meinen Tag mit einer Tasse Tee und einem Käsebrot. Das scheint eine recht konfliktfreie Angelegenheit zu sein, jedoch frage ich mich, wie so oft, ob ich nun ein umweltfreundliches Frühstück vor mir habe, oder nicht. Habe ich bei meinem letzten Einkauf die richtigen Entscheidungen getroffen? Der Käse am Stück ist doch sicher besser, als die abgepackten Scheiben, oder? Mehr Käse in weniger Verpackung, ziemlich einleuchtend. Und beim Tee? Sollte ich dann nur noch zu losem Tee greifen? Immerhin hab ich keine Wurst gekauft, da bin ich schon mal auf der sicheren Seite. Dass Fleischkonsum klimaschädlich ist, hört man ja mittlerweile überall. Wenn es unbedingt mal sein muss, gehe ich zum Bio-Metzger und kaufe mir ein gutes Stück Fleisch von glücklichen Tieren aus der Region. Das gute Gewissen ist im Preis inbegriffen.

Bei der morgendlichen Dusche und dem Griff zum Shampoo geht der Kampf weiter. Ich habe bewusst zum Bioprodukt gegriffen, um der Umwelt und mir etwas Gutes zu tun. Zumindest wurde mir das so verkauft. Auch versuche ich möglichst kühl und kurz zu duschen, um Energie und Wasser zu sparen, auch wenn es mein Gemüt nicht gerade erwärmt. Erlaubt mir die Umwelt heute, meine Haare zu föhnen?

Mit handtuchfeuchtem Haar fahre ich auf dem Fahrrad in die Uni und hole mir schnell noch einen Kaffee vor der Vorlesung. Leider habe ich meinen wiederbefüllbaren Alu-Becher zuhause vergessen, also muss ich ausnahmsweise zum klassischen Pappbecher greifen. Gefällt mir eigentlich nicht so gut, aber der wird sicherlich recycelt, dann ist es ja auch irgendwie nachhaltig. Die nächsten anderthalb Stunden verbringe ich damit, herauszufinden, wie viel Energie und welche Ressourcen für so einen Alu-Becher eigentlich benötigt werden und wie viele Pappbecher ich bei meinem mittelmäßigen Kaffeekonsum stattdessen benutzen könnte. War der Kaffee überhaupt Bio? Wenn er schon von Südamerika hierher geschafft werden musste, sollen zumindest keine Chemikalien beim Anbau eingesetzt worden sein.

Im Laufe meines Tages gerate ich in viele weitere dieser Situationen. Situationen, die so alltäglich sind, dass es fast noch schlimmer ist, wenn ich hier etwas falsch mache. Ich empfinde es schon beinahe als Last, mir all dessen bewusst zu sein. Ich könnte so viel einfacher meinen Einkauf erledigen, wenn ich nicht versuchen würde Regionalität, Nachhaltigkeit, verpackungsarme Produkte und mein Studentenbudget miteinander zu vereinbaren.

Aber einfach ist es eben nicht. Um die kleinen und großen Probleme lösen zu können, muss der Blick auf die Dinge weiter werden. Ich muss mir überlegen, wie der Gesamtprozess eines Produktes aussieht. Wo fängt die Ressourcengewinnung an, was passiert bei der Verarbeitung und Nutzung, und wie gut können die einzelnen Komponenten am Ende des Lebenszyklus recycelt werden. Nur so kann ich ein sinnvolles Urteil über die Nachhaltigkeit eines Produktes fällen und Varianten miteinander vergleichen.

Am Frühstückstisch mag dies schwierig erscheinen, aber darum geht es auch nicht. Es ist viel wichtiger, dass jeder seinen Blick ein wenig schärft und seinen Konsum häufiger hinterfragt, ohne sich dabei einflusslos zu fühlen. Dann steht auch einem entspannten Verhältnis zur Umwelt nichts mehr im Wege.

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