Urban Gardening – im Hirschgrün und Vielfeld

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Urbaner Gartenbau, auch Urban Gardening genannt, ist die meist kleinräumige, gärtnerische Nutzung städtischer Flächen innerhalb von Siedlungsgebieten oder in deren direkten Umfeld. Diese Gärten befinden sich nicht in Privatbesitz, sondern sind für die gesamte Gesellschaft zugänglich. Jeder kann dort hingehen und gärtnern wie er möchte. Eine nachhaltige Bewirtschaftung, umweltschonende Produktion und ein bewusster Konsum von landwirtschaftlichen Erzeugnissen stehen dabei im Vordergrund.

Das Interessante an dieser Form des Gärtnerns ist die zentrale Lage in der Stadt und der damit verbundene Kontrast zur städtischen Bebauung. Die Gärten können gerade die Interkulturalität und das Zusammenleben im Quartier fördern, da sie einen Raum für Kommunikation bieten, der in einem regulär geplanten Stadtteil sonst so nicht vorhanden ist.

Das HirschGrün in der Richardstraße und das Vielfeld im Stadtpark Aachen bewirtschaften nunmehr seit drei Jahren diese zwei Flächen, um Anwohnern die Idee und Praxis des urbanen Gartenbaus nahezubringen. Im Jahr 2012 entstand aus verschiedenen Bürgerinitiativen die Idee, urbane Stadtgärten in Aachen zu etablieren, sodass sich im Mai 2013 der Verein „Urbane Gemeinschaftsgärten e.V.“ gründete. Natürlich steht dem Verein ein Vorstand vor, aber eine feste Mitgliederstruktur gibt es nicht. Es muss nichts unterschrieben oder bezahlt werden um mitgärtnern zu können.

Neben den verschiedenen Pflanzenkulturen befindet sich im HirschGrün noch eine Give-Box, in der gebrauchte Gegenstände abgegeben oder mitgenommen werden können sowie ein Food-Sharing-Fairteiler, Sitz- und Liegegelegenheiten.

Im Westpark wurden von der Bleiberger Fabrik zusammen mit dem Verein Urbane Gemeinschaftsgärten e.V. Hochbeete aufgestellt und im Driescher Hof wird ein neuer interkultureller Gemeinschaftsgarten errichtet. Das Potenzial für neue Gemeinschaftsgärten in Aachen ist groß, denn auch die Bezirksvertretung Mitte stellte jüngst einen Antrag an die Stadtverwaltung, neue potenzielle Flächen zu sichten. Vor allem vor dem globalen Hintergrund der Versiegelung und Erosion der Böden und dem gleichzeitigen Anstieg der Bevölkerung in Städten gerät urbanes Gärtnern vermehrt in den Fokus der Öffentlichkeit.

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Originalkarte © Stamen Design (stamen.com), verfügbar unter CC BY 3.0. Daten © OpenStreetMap-Mitwirkende, verfügbar unter CC BY-SA.


Wir trafen Alexandra Kessler vom HirschGrün zum Interview:

philou.: Was sind die Ziele des Projektes? Was ist deine persönliche Motivation, Urban Gardening zu unterstützen?

Kessler: Grundsätzlich hat der Garten das Ziel zu zeigen, dass Gemüseanbau auch in der Stadt möglich ist. Außerdem verfolgen wir einen großen Lehrauftrag insbesondere gegenüber Kindern, aber natürlich auch gegenüber Erwachsenen.

Es gibt immer wieder Kinder, die verwirrt sind, weil die Möhre aus der Erde gezogen wird.

Daher arbeiten wir auch mit Schulen zusammen. In erster Linie wollen wir also einen Lehreffekt schaffen. Was mit dem Garten nicht geht, ist eine komplette Selbstversorgung für größere Massen. Es ist eher ein Schauobjekt und ein Genussgarten. Wir wollen damit einen nachhaltigen Beitrag zur Stadtentwicklung leisten. Wir finden es wichtig, zu zeigen, dass Flächen im Stadtbild vielfältig grün genutzt werden können. Es soll Liege- und Erholungsflächen geben, aber genauso auch Obstbäume und -sträucher und natürlich Gemüsepflanzen. Diese Pflanzen bereichern besonders die Biodiversität, indem sie viele Tierarten anlocken. Wenn man sich die Qualität der Fläche am Anfang anguckt und mit dem jetzigen Zustand vergleicht, wird sichtbar, dass dort aus totem Boden eine lebendige Fläche geworden ist. Der Boden hat zwar noch immer keine perfekte Qualität, aber wir arbeiten daran, diese stetig zu verbessern. Die Bürger können sich dort austoben und einen persönlichen Beitrag zur Stadtgestaltung leisten.

philou.: Ihr versucht also die Menschen auf den natürlichen Gemüseanbau aufmerksam zu machen, weg von den Supermärkten hin zur einer selbstständigen Versorgung. Inwieweit ist es möglich, damit einen gesellschaftlichen Transformationsprozess einzuleiten?

Kessler: Ja, das ist vielleicht sehr groß gedacht. Aber es ist schon so, dass wir mit dem Garten einen Beitrag zur Sensibilisierung der Menschen hin für mehr Naturschutz und ökologischer Bewirtschaftung schaffen. Das HirschGrün kann auch ein Gedankenanstoß sein, selbst Gemüse im Garten oder auf dem Balkon anzubauen oder die solidarische Landwirtschaft zu unterstützen[1]. Da gibt es sehr viele Möglichkeiten.

philou.: Was habt ihr bisher mit euren Projekten erreicht?

Kessler: Im ersten Jahr war es zunächst wichtig, dem Garten überhaupt eine Form zu geben, die von den umliegenden Bewohnern – auch aus ästhetischen Gründen – akzeptiert wird. Je stärker der Garten gewachsen ist, desto mehr haben wir versucht, über den Garten hinaus aktiv zu werden und bei Veranstaltungen wie dem Lothringair teilzunehmen. Im zweiten Jahr begannen wir mit Schulen zusammen zu arbeiten und der Generierung von Fördermitteln. Wir sind also jedes Jahr etwas professioneller geworden. Auf die Kooperation mit den Schulen sind wir besonders stolz. Besonders die Schule in der Beekstraße kommt regelmäßig in den Garten. Die Kinder sind sehr begeistert, daher macht uns diese Zusammenarbeit unheimlich viel Spaß. Wir wollen dieses Projekt nun auch auf unbegleitete, minderjährige Geflüchtete ausweiten, als Teil der Freizeitangebote für Geflüchtete des pädagogischen Zentrums Aachen. Insgesamt versuchen wir, verschiedene Zielgruppen anzuziehen und damit einen gesamtgesellschaftlichen Austausch zu etablieren.

philou.: Welche Zustimmung habt ihr bei den Projekten erfahren und welche Seiten stehen euch kritisch gegenüber? 

Kessler: Der CDU-Politiker Ralf Otten hat einen Antrag an die Stadtverwaltung gestellt, in dem nach Alternativflächen für das HirschGrün gesucht werden soll. Das wurde dann nochmal geändert, weil auch über die Medien Druck ausgeübt wurde. Im Bebauungsplan der Stadt hat dieser Garten bereits einen festen Platz. Wir werden im Moment stets beruhigt, dass alles in Ordnung wäre, dennoch herrscht immer noch ein gewisses Gefühl der Unsicherheit. Die Kritik betraf besonders den optischen Zustand des Gartens, der natürlich aufgrund der bestehenden Baustelle nach dem Winter schwierig aufzuwerten war. Der Garten ist ein Experimentierfeld, wo man auch mal alternative Formen ausprobiert und diese treffen nicht den ästhetischen Geschmack aller Menschen. Wir versuchen, den Garten möglichst vielfältig zu gestalten, sodass sich dort viele Menschen wiederfinden. Ansonsten gibt es eigentlich keinen Widerspruch. Wir haben eine sehr breite Front hinter uns, die uns Zuspruch gibt.

philou.: Das Leitthema dieser Ausgabe lautet „Thinking the future? – zwischen Nachhaltigkeit und Wachstum“. Welchen Beitrag leistet das HirschGrün zur Nachhaltigkeit – auch im Sinne der Postwachstumsökonomie?

Kessler: Die Frage, die sich die Postwachstumsökonomie stellt, ist, in gewisser Weise, wie man einen bestimmten Lebensstandard halten kann – mit angenehmen Verzicht. Ich glaube, dass da ein Garten einen großen Beitrag leisten kann. Er symbolisiert den Beweis dafür, dass man sich den Großteil des Jahres mit Nahrungsmitteln aus dem eigenen Garten versorgen kann. Wir lernen neue und alte Anbauweisen, reproduzieren Techniken zum Bau von Hochbeeten oder Komposthaufen. Außerdem lehren wir die Pflege von Bienenvölkern oder die Düngung mit Hilfe einer Trockentoilette. Weiterhin reparieren wir sehr viel und achten darauf, möglichst wenige neue Materialien zu verbrauchen.

philou.: Hast du abschließend noch ein Anliegen?

Kessler: Wir haben gemerkt, dass es sehr wichtig ist, von uns aus einen Dialog zu führen. Das fiel auf, als die Politik nicht direkt auf uns zukam, als es Kritik am HirschGrün gab, sondern wir den Entwicklungen hinterherlaufen mussten. Es ist für alle zivilgesellschaftlichen Initiativen, die etwas im partizipativen Bereich machen, von großer Bedeutung, dass man an die Öffentlichkeit geht und mit allen denkbaren Akteuren einen Dialog führt. Das war eine wichtige Lektion in dieser politischen Debatte. Es ist nicht einfach nur ein Garten, sondern ein riesiges Projekt mit sehr vielen bürokratischen Hürden, vielen Kommunikationsaspekten und eben auch mit dem eigentlichen Thema Nachhaltigkeit und ökologischer Gartengestaltung.

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Quellen:

Aachener Stiftung Kathy Beys: ‚Solidarische Landwirtschaft’ im Lexikon der Nachhaltigkeit. Online unter: https://www.nachhaltigkeit.info/artikel/solidarische_landwirtschaft_2020.htm [Zugriff am 28.04.2016]

Gut Wegscheid: Produkte in der Solawi. Online unter: http://gut-wegscheid.net/produkte/ [Zugriff am 28.04.2016]

Mehr Informationen zum Thema solidarische Landwirtschaft und Urban Gardening bietet der Dokumentarfilm „Die Strategie der krummen Gurken“.


[1] Solidarische Landwirtschaft:

Bei dem Konzept der solidarischen Landwirtschaft tragen mehrere Haushalte die Kosten eines landwirtschaftlichen Betriebs, wofür sie im Gegenzug dessen Ernteertrag erhalten. Die Lebensmittel der Landwirtschaft werden dabei nicht mehr über den Markt vertrieben, sondern fließen in einen eigenen, von Teilnehmerseite mit organisierten und finanzierten, durchschaubaren Wirtschaftskreislauf ein. Auf dem Solawi-Hof „Gut Wegscheid“ am Aachener Stadtrand wählt man zwischen einem kleinen bzw. großen Anteil und bekommt dementsprechend wöchentlich seinen Anteil an der Ernte.

 

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