Dr. Raphaela Kell: Zu viel Nachhaltigkeit ?

Frau Dr. Raphaela Kells Forschungsschwerpunkte sind politische Ökonomie, Entwicklungspolitik und Entwicklungsökonomie. Dabei behandelt sie in ihren Lehrveranstaltungen aktuelle Inhalte wie die der Postwachstumsdebatte sowie ökologischer Transformationsprozesse auf nationaler und internationaler Ebene. philou. hat sich mit Frau Dr. Kell getroffen und sich mit ihr über ihre kritische Forschung in den Bereichen Wachstum und Nachhaltigkeit unterhalten.

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philou: Frau Dr. Kell, Sie sind Lehrbeauftragte im Bereich Internationale Beziehungen und politischer Ökonomie. Zu Beginn unsere definitorische Rahmenfrage: Wie verstehen Sie die Begriffe Wachstum und Nachhaltigkeit? Glauben Sie, dass diese korrelieren können?

Kell: Die Definition im Hinblick auf den Begriff Wachstum ist relativ griffig, da reicht tatsächlich ein Blick ins Lexikon. Wirtschaftswachstum heißt immer die Zunahme von Wirtschaftsleistungen innerhalb eines volkswirtschaftlichen Raumes. Wo also Geld zwischen Akteuren fließt, nimmt die Wirtschaftsleistung, die im sogenannten BIP ausgedrückt wird, zu. Wenn das BIP zunimmt – also eine expansive Wirtschaft verzeichnet wird – ist die Politik beruhigt und attestiert sich eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik.

Anders der Begriff der Nachhaltigkeit. Zum ersten Mal verwendet wurde der Begriff bereits Anfang des 18. Jahrhunderts in der Forstwirtschaft. Wirtschaftliches Verhalten wurde erstmalig auf seine „Enkeltauglichkeit“ hin überprüft. Neben diesem Begriff reden wir zur Erfassung des Nachhaltigkeitsbegriffs auch von Gleichgewichtserhaltung. Das Problem ist nur, dass der Begriff der Nachhaltigkeit mittlerweile stark verwässert wurde. Schaut man sich die Homepages großer, expansiver Konzerne an wie z.B. BASF oder Voith, wird überall das Nachhaltigkeitsparadigma postuliert. Tatsächlich werden hier auch zum Teil positive Anstrengungen unternommen, um die ökologische Bilanz des Konzerns zumindest statistisch zu verbessern. Aber letztlich stellt sich die Frage, ob ein expandierendes Unternehmen überhaupt im ursprünglichen Sinne „nachhaltig“ produzieren kann. Wenn ich expandiere, steht am Ende meiner Bilanz doch immer auch eine Zunahme meines Rohstoffverbrauchs. Die Überzeugungsstrategie, durch effizientere Produktionsmethoden oder durch ökologisch verträglichere Ersatzstoffe (Konsistenz), Wachstum grüner zu machen (wir sprechen auch gerne vom „qualitativen Wachstum“), läuft dabei ziemlich an der Realität vorbei. Effizientere Produktionsmethoden mögen dabei partiell zu Rohstoffeinsparungen pro produzierter Einheit beitragen, aber bislang beobachten wir hier meistens den sogenannten Rebound-Effekt. Dieser äußert sich insofern, als dass die einbehaltenen Rohstoffe, z.B. Stahl pro Auto, dafür dann zu einer Produktion von mehr bzw. größeren Autos, also zu einer Aushebelung der Nachhaltigkeit, führen.

Die Nachhaltigkeit wird aber auch in einer anderen Form ausgehebelt. Jedes unternehmerische Wachstum (also auch „Grünes Wachstum“) generiert letztlich immer die Schaffung eines Mehrwertes in Form von Gewinn- bzw. Kapitalzuwächsen, die ja letzten Endes irgendwo hin fließen wollen bzw. sollen. Am Ende wird jeder erwirtschaftete Kapitalzuwachs oder unternehmerischer Gewinn entweder in den Konsum von Industrie- oder von Freizeitgütern fließen, wenn auch oft über den Umweg der Finanzmärkte, in den vor allem größere Unternehmen gerne ihre Gewinne fließen lassen. Die Reichsten der Reichen reichern ihre Kapitalgewinne auch nicht zum Selbstzweck an, sondern lassen das Geld in ressourcenintensive und damit ökologisch bedenkliche Aktivitäten fließen, wie jeder andere Konsument auch.

Unterm Strich bleibt fragwürdig ob expandierende Unternehmen, die ja die Lieblingskinder der Politik sind, tatsächlich nachhaltig produzieren können.

philou: Die Nachhaltigkeitsdebatte entstand als Reaktion auf die Folgen einer kapitalistischen Wirtschaft und exponentiellen Wachstumsentwicklung. Wachstumskritik ist heutzutage ein Sammelbegriff für eine breite Masse von Ökologie-, Ökonomie- und Sozialkritiken. Wie können diese untereinander oft zwiespältigen Kritiken auf breiter Basis greifen, ohne sich gegenseitig auszuhebeln?

Kell: Hier stellt sich die Frage: Was sind die unterschiedlichen Kritik- bzw. Lösungsansätze? Zum einen sind das die gerade angesprochenen Konzepte des „Grünen Wachstums“, die bis heute politisch den meisten Raum einnehmen. Aber damit bleiben wir in dem Teufelskreis der Expansion hängen. Grünes Wachstum bedeutet immer noch Expansion und damit mehr Konsum, mehr Ressourcenverbrauch, auch wenn der relativ gesehen, pro produzierter Einheit geringer ausfallen sollte. Und damit wären wir beim zweiten Lösungsansatz, der den gerade beschriebenen eigentlich ausschließt. Wir müssen uns von unseren konsumistischen Lebenskonzepten lösen. Das politisch propagierte Ziel ist bislang immer noch die Konsum- und damit die Absatzsteigerung und das wird definitiv nicht funktionieren, wenn wir sieben, bald acht und neun Milliarden Menschen auf unser Konsummodell einnorden, wie es unsere gigantische Werbeindustrie gerade versucht. Wir müssen genügsamere Lebensmodelle entwickeln.

Die beiden Lösungsansätze hebeln sich also tatsächlich gegenseitig aus. Denkbar wäre möglicherweise, dass wir zunächst noch als Übergangsstrategie die Errungenschaften der „Green Economy“ einsetzen müssen oder sollten, da ihre Technologiefortschritte ohne Zweifel mehr Effizienz und Konsistenz in der Produktion erzielen können. Insofern ist sie vielleicht eine Übergangsformel und hilft dabei, Unternehmen und Konsumenten für die Nachhaltigkeitsziele zu sensibilisieren. Aber letztlich steht ein dringend benötigter Paradigmenwechsel an, weg von unserem konsumistischen, leistungsorientierten Wohlstandsmodell und hin zu einer auf Suffizienz basierten Gesellschaft.

philou: Die Kritik am „Wachstumsimperativ“ ist aktueller denn je. Prominente Volkwirte wie Dr. Niko Paech sehen für westliche Volkswirtschaften den strukturellen Wachstumsrückgang als einen möglichen Ausweg aus diversen sozialen und ökologischen Problemen. Wie können diese Konzepte im Hinblick auf die Abhängigkeit nationaler Märkte zur Weltwirtschaft greifen?

Kell: Die Abhängigkeit nationaler Märkte von den weltwirtschaftlichen Verflechtungen ist aus Sicht unserer Politiker das Hauptproblem für die Umsetzung tatsächlich effektiver Nachhaltigkeitsstandards. Die Angst, durch zu viel Nachhaltigkeit international nicht mehr konkurrenzfähig zu sein und einen Wachstumseinbruch zu provozieren, ist das große Schreckgespenst, seit wir die ökologischen Themen auf die politische Agenda gesetzt haben. Die Politik hält am „Grünen Wachstum“ fest, weil die Alternative „Suffizienz“ in einem konsumistischen Gesellschaftskonzept schwer zu verkaufen ist, wenn andere Volkswirtschaften weiterhin Wohlstandsmehrung mit Konsummehrung gleichsetzen. Eine direkte politische Durchsetzung von Suffizienz würde im Empfinden der Gesellschaft schnell als „Öko-Diktatur“ wahrgenommen. Daher hofft die Politik, dass das Thema auf globaler Ebene forciert wird und Welträte wie die UNO ihre Mitglieder auf ein globales Nachhaltigkeitskonzept einnorden. Das passiert zum Teil auch, wenn wir uns die Sustainable Development Goals ansehen oder die Klimaschutzvereinbarungen. Die Frage ist nur, ob die Zeit ausreicht mit Hilfe der langsam mahlenden Mühlen internationaler Vereinbarungen eine Weltgesellschaft zu verändern. Wenn also die Furcht vor dem Ausscheren aus den internationalen Verflechtungen so groß ist, brauchen wir vielleicht andere Akteure. Meines Erachtens ist hier die Dynamik der sogenannten „Grassroots Movements“*, die weltweit enormen Zuwachs erfahren, zu einem signifikanten Motor innerhalb der Post-Wachstums-Debatte geworden. Sie bereiten der ängstlichen Politik weltweit den gesellschaftlichen Boden vor, um dann vielleicht in einigen, hoffentlich wenigen, Jahren politische Korrekturen mit Blick auf ein suffizienteres Leben vorzunehmen, ohne die Angst vor Wählerverlusten zu haben. Es ist die internationale Vernetzung und Kooperation der „Grassroots Movements“, die viele Post-Wachstums-Ökonomen zuversichtlich macht. Hier setzt man offenbar auf die Dynamik der wachsenden Bürgerbewegungen, die sich vom Gespenst der internationalen Marktverflechtungen nicht so treiben lassen wie die Politik.

philou: Wenn man die Wachstumsraten im Westen mit denen noch von vor 50 Jahren vergleicht, sind diese drastisch gesunken. Das Wachstum war damals bedingt durch hohe eine Nachfrage in fast allen gesellschaftlichen Sektoren. Wie kann eine globale Nachhaltigkeitspolitik entstehen, wenn Schwellen- und Entwicklungsländer gleiche Wachstumsraten für sich einfordern wollen?

Kell: Die Beförderung der Entwicklungsländer auf das gleiche Konsumniveau wie die Industrieländer, ohne den ökologischen und rohstoffpolitischen Kollaps zu riskieren, kommt einer „Quadratur des Kreises“ gleich. Die Frage ist nur, ob unser desaströses Konsummodell wirklich ein Synonym für Wohlstand ist, denn Wohlstand wünschen wir schließlich allen Menschen. Mehr und mehr Konsum heißt nicht zwingend Wohlstand. Das begreifen immer mehr Menschen und empfinden den Aufwand, sich durch immer mehr Arbeiten vorgegebene Konsumwünsche erfüllen zu können, zunehmen als ein sich beschleunigendes Hamsterradlaufen. Aus soziologischer Sicht schauen manche Menschen hier neidvoll auf das stärker ausgeprägte Miteinander einiger Völkergruppen in den Entwicklungsregionen, die ein suffizienteres Leben führen und uns teilweise glücklicher erscheinen, ohne den von uns definierten Konsumhintergrund. Wohlstand muss neu definiert werden, was ja im Übrigen bereits mit der Verfassung neuer Wohlfahrtsindizes anstelle des BIP geschehen ist. Ein Überdenken unseres Wohlstands heißt nicht zwingend auf technologischen und medizinischen Fortschritt zu verzichten. Aber wir müssen vor allem in den Industrieländern lernen, zu hinterfragen, welche Technologien und Konsumaktivitäten wirklich lebenserleichternd und „glücklich machend“ sind. Diese Güter gilt es dann nachhaltig – das heißt effizient und langlebig – zu produzieren, sodass auch genügend Produkte für 9 Milliarden Menschen ohne ökologisches Desaster produziert werden können.

philou: Nun zu unserer obligatorischen Abschlussfrage: „Thinking the Future“ ist der Leitspruch der RWTH Aachen. Wie sehen Sie die Rolle der Universitäten, insbesondere der RWTH, als „Denkfabrik“, einer Verbindung aus Wachstumskonzept und Nachhaltigkeitsdebatte?

Kell: Die Kooperation sowie der gedankliche Austausch zwischen den Geistes- und Ingenieurswissenschaften müsste deutlich stärker ausgebaut werden. Bislang habe ich das Gefühl, dass die Geisteswissenschaft nur auf die technologischen Fortschritte reagiert, weil sie zu selten bei deren Entwicklung einbezogen wird bzw. sich selber einbezieht. Wir rennen oft den Folgewirkungen von Technik hinterher. Wünschenswert wäre, wenn die Geisteswissenschaften künftig den möglichen Rahmen technologischer Machbarkeiten rechtzeitig erkennen würde. Gemeinsam mit den ingenieurwissenschaftlichen Kollegen könnte man beraten, was gesellschaftlich sinnvoll ist und welche technologischen Entwicklungen sich mit einem gesellschaftlichen Paradigmenwechsel hin zu mehr Suffizienz vereinbaren lassen. Das ist natürlich eher eine Vision als eine politisch realistische Wunschäußerung, da auch die Universitäten Teil unseres expansiven, konsumorientierten Wirtschaftskonzeptes sind und Forschung auch dem Rentabilitätsaspekt unterliegt.


*Grassroots Movements oder auch Graswurzelbewegungen sind politische, soziale oder gesellschaftliche Bürgerinitiativen, auch bekannt als Basisbewegungen. Ein lokales Beispiel dafür ist die Future-Blog AG in Aachen. Sie wurde am Institut für Politische Wissenschaft gegründet und hat als Zielsetzung den Aufbau regionaler Resilienz gegenüber Unwägbarkeiten einer ökologischen und finanzpolitischen Weltkrise.

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