Die Grenzen der Stadt – Urbane Resilienz

In Zeiten eines globalen und komplexen Wandels müssen sich auch Städte an die damit verbundenen Auswirkungen anpassen, Veränderungen zulassen und plötzlichen Störungen entgegentreten. Die Herausforderungen des Klimawandels, der zunehmenden Verstädterung, des demografischen Wandels sowie des technologischen Fortschritts sind in urbanen Räumen besonders prägnant. Städte fungieren als Drehscheibe für wirtschaftlichen Aufschwung, Zentren des Wohlstands, der Innovation, Produktion und kultureller Interaktion – gleichzeitig symbolisieren sie die Schere zwischen Armut und Reichtum, systematischer Ungleichheit und den anthropogenen Eingriffen in die Natur.

Städte sind hochkomplexe Systeme, die zahlreiche wirtschaftliche, soziale und ökologische Faktoren miteinander verknüpfen, wodurch sie extrem anfällig für Bedrohungen durch beispielsweise Naturkatastrophen sind. Die Merkmale einer Stadt wie ihre Architektur, Bevölkerungsstrukturen sowie Infrastruktursysteme erhöhen gleichzeitig die Anfälligkeit für Erdbeben, Hochwasser oder Terroranschläge.

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten. Die Vereinten Nationen sprechen von einem beispiellosen Wachstum in der Stadt: 2015 lebten knapp 4 Milliarden Menschen – 54 Prozent der Weltbevölkerung – in Städten und bis 2030 wird ein Anstieg auf 5 Milliarden Menschen prognostiziert.

Nach aktuellen Schätzungen einer Studie des Schweizer Rückversicherungsunternehmens Swiss RE traten im Jahr 2017 301 Katastrophenereignisse auf, von denen 183 als Naturkatastrophen deklariert wurden, die hauptsächlich auf schwere Stürme, Niederschlag und Erdbeben zurückzuführen waren. Insgesamt kamen mehr als 11.000 Menschen durch Katastrophen ums Leben oder gelten seitdem als vermisst, Millionen Menschen verloren ihr Zuhause. Weiterhin haben sich die gesamtwirtschaftlichen Verluste 2017 im Vergleich zu 2016 beinahe verdoppelt (2016: 180 Milliarden USD; 2017: 337 Milliarden USD) – der zweithöchste weltweite Gesamtschaden, der je verzeichnet wurde.

Um diesen Herausforderungen auch in urbanen Räumen entgegenzutreten, wurde im Jahr 2013 von der Rockefeller Stiftung die Initiative „100 Resilient Cities (100RC)“ ins Leben gerufen. Diese hat sich zum Ziel gesetzt, Städte weltweit dabei zu unterstützen, resilienter gegenüber den physischen, sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu werden. 100RC definiert urbane Resilienz als

“the capacity of individuals, communities, institutions, businesses, and systems within a city to survive, adapt, and grow no matter what kinds of chronic stresses and acute shocks they experience.”

Eine Stadt kann entsprechend als resilient bezeichnet werden, wenn sie fähig ist, externe oder interne Störungen vorherzusehen, diese vorzubeugen, sich von ihnen zu erholen und aufgrund dieser Erfahrung im besten Fall ihre Strukturen und Funktionen zu verbessern. Um urbane Resilienz generieren zu können, muss eine Stadt ganzheitlich betrachtet werden. Das heißt, die inneren Strukturen sowie die interdependenten Systeme gilt es gleichermaßen zu erkennen und zu verstehen wie auch die daraus resultierenden Abhängigkeiten und verbunden Risiken. Die 100RC unterscheidet zwischen „chronic stresses“ und „acute shocks“: Unter ersterem werden langsam voranschreitende Katastrophen verstanden, die das Gefüge einer Stadt schwächen. Darunter fallen beispielsweise hohe Arbeitslosigkeit, endemische Gewalt, chronischer Nahrungs- und Wassermangel sowie ein ineffizientes oder überlastetes Verkehrssystem. Acute shocks hingegen sind plötzliche, tief eingreifende Ereignisse, wie beispielsweise Erdbeben, Überschwemmungen oder Terroranschläge. Die meisten Städte erfahren jedoch eine Kombination dieser Ereignisse, wie beispielsweise die Folgen des Hurrikans Katrina in New Orleans im Jahr 2005 veranschaulicht haben. Die Auswirkungen des Sturms wurden durch Gewalt, Armut, Umweltzerstörung und andere chronic stresses verstärkt, wodurch letztlich ein Großteil der Widerstandsfähigkeit New Orleans eingebüßt wurde. Durch ein solch verheerendes Ereignis werden die Schwächen einer Stadt nicht nur sichtbar gemacht, sondern auch erhöht – was den Aufbau von resilienten Strukturen erheblich erschwert.

Städte sind gekennzeichnet von menschlichen Gemeinschaften sowie physischen Systemen. Darunter sollen alle konstruierten und natürlichen Komponenten verstanden werden: Straßen, Gebäude, Infrastruktur, Energieeinrichtungen, Kommunikationsnetzwerke, Wasser- und Abfallversorgung, Geologie und Topografie. Diese physischen Systeme halten die Stadt in ihrem Ganzen zusammen und bilden das Grundgerüst für das menschliche Leben innerhalb der Stadt. Diese Systeme müssen während einer Belastung standhalten und funktionieren – ein fragiles Stadtgerüst kann nicht resilient sein und erhöht die Anfälligkeit für Katastrophen.

100 Resilient Cities – Quito, Ecuador

Bei dem im Jahre 2013 ausgeschriebenen Wettbewerb „100 Resilient Cities“ haben sich international 400 Städte beworben, um durch einen unterstützten Prozess drei Jahre lang ihre jeweilige urbane Resilienz strategisch verbessern zu können. Ein Beispiel hierfür ist Quito, die Hauptstadt Ecuadors. Eingebettet in den Anden, liegt Quito auf einer Höhe von 2850 Metern – und damit die höchste Hauptstadt der Welt – nur knapp 20 Kilometer südlich des Äquators. Quito ist von 14 Vulkanen umgeben und der Großteil der Stadt befindet sich auf sandigen Böden vulkanischen Ursprungs. Die Stadt wurde 1978 aufgrund ihrer Architektur und biologischen Vielfalt zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt. Gleichzeitig ist dieser kulturelle und natürliche Reichtum durch verschiedene ökologische, wirtschaftliche und soziale Herausforderungen bedroht.

Der Großstadtbezirk ist täglich durch massive seismische Bewegungen, Überschwemmungen und Waldbrände einem Risiko ausgesetzt – allein im Jahr 2012 wurden 2.600 Waldbrände gemeldet. In den vergangenen Jahrzehnten wurde die Stadt auch regelmäßig Erdbeben und Vulkanausbrüchen ausgesetzt. Der Ausbruch des Vulkans Pichincha im Jahr 1999 zwang den Flughafen Quito zum Schließen, mit entsprechenden wirtschaftlichen Folgen. Im Jahr 2011 führten knapp 144 Erdrutsche während der Regenzeit zu zahlreichen Todesfällen und Schäden an Häusern in den am stärksten gefährdeten Teilen der Stadt. Insbesondere die ärmeren Regionen am Stadtrand – kaum stabile Blechhütten gebaut auf rutschigen Steilhängen – sind gefährdet, wenn ein Starkbeben auftritt, das die Siedlungen sofort zerstören würde. Zuletzt im August 2015 wurde für ganz Ecuador der Ausnahmezustand verhängt, da der Cotopaxi – ein 6000 Meter hoher Vulkan bei Quito – nach 75 Jahren tagelang Asche bis zu fünf Kilometer in die Luft schleuderte, ein Ausbruch war zur damaligen Zeit ungewiss. Trotz Ausnahmezustand fand keine Aufklärung beispielsweise an den Flughäfen statt, die Menschen trugen keine Atemmasken, obwohl die Luft rußverschmutzt und die Gesichter schwarz war – was das Atmen in 2800 Meter Höhe beinahe unmöglich machte.

Die Resilienzstrategie Quitos basiert auf einer Analyse der Stärken und Chancen, die diese Herausforderungen darstellen. Sie beinhaltet einen integrierten und interdisziplinären Ansatz für die wichtigsten akuten Schocks und chronischen Belastungen der Stadt. Bis 2040 soll die Strategie umgesetzt werden – basierend auf der Vision of Quito 2040:

“Quito in 2040, will be a city with a high quality of life, capable of successfully facing all the challenges that arise in the social, cultural, economic and environmental fields and in the territory. It will thus become a resilient city and will have ensured the sustainable development of its population.”

Beispiele für Chronic Stresses der Hauptstadt Ecuadors sind Siedlungen in risikoreichen Gebieten, Umweltzerstörung oder Verlust der biologischen Vielfalt. Acute Shocks sind unter anderem Starkregenfälle, Erdbeben, Waldbrände oder vulkanische Eruptionen. Interessant dabei ist jedoch der Fokus auf die weitestgehend externen Einflüsse, wie Naturkatastrophen.

Auf knapp 70 Seiten wird die Resilienzstrategie der Stadt unter Einbindung verschiedener Akteure wie Politik und Wirtschaft dargestellt und erläutert*.

58 Bewohner/km2

66 Gemeinden

60% Jugendarbeitslosigkeit

2,037 Tonnen Müll pro Tag

14,78°C durchschnittliche Temperatur

1,2°C Temperaturanstieg in den letzten 100 Jahren

16 Vulkanausbrüche in den letzten 500 Jahren


Die Hoffnung, die Lösung im technologischen Fortschritt von Frühwarnsystemen zu finden, bleibt unerfüllt. Präzise und verlässliche Frühwarnsysteme für Naturkatastrophen stecken nach dem heutigen Stand der Wissenschaft noch in den Kinderschuhen. Insbesondere Erdbeben sind unberechenbar, wie beispielsweise das Starkbeben in Mexiko City 2017 gezeigt hat – ein Hochrisikogebiet für Erdbeben. Die Vorwarnzeit betrug knapp 20 Sekunden – von Vorhersage kann hier nicht gesprochen werden, was eine Evakuierung unmöglich macht. Prognosen sind hier nicht nur unzuverlässig, sondern auch schlichtweg nicht machbar. Deshalb müssen Städte, urbane Strukturen und Systeme per se resilient geplant, konstruiert und betrieben werden – der Fokus sollte auf Prävention und nicht auf Schadensbehebung bzw. Nachsorge liegen.

„Resilience is what helps cities adapt transform in the face of these challenges, helping them to prepare for both the expected and the unexpected.“ (100 Resilient Cities)
Wenn wir genau wüssten, wann, wo und wie sich Katastrophen in der Zukunft ereignen würden, könnten Systeme so entwickelt und geplant werden, dass sie Störungen wiederstehen. Katastrophen- und Risikomanagement zeichnet sich jedoch durch Unsicherheiten und Ungewissheiten aus, entsprechend müssen Städte so entworfen werden, dass sie mit Eventualitäten effektiv umgehen können. Städte sind komplexe und dynamische Systeme, in denen technologische und soziale Komponenten interagieren, wodurch die Schwierigkeiten in der Planung weiter erhöht werden. Die Planung einer resilienten Stadt erfordert dichotome Konzepte, die in sich greifen: Zwischen Redundanz und Effizienz, Diversität und Interdependenz, Stabilität und Flexibilität, Autonomie und Zusammenhalt, Kontrolle und Unvorhersehbarkeit.

 

* Informationen & Daten zu Quito via http://www.100resilientcities.org/strategies/quito/

Institutionelle Trends mit dem Thema „urbane Resilienz“
  • Das United Nations Development Programm (UNDP) veröffentlichte 2012 das Community-Based Resilience Analysis tool, mit dem Ziel, die Schlüsselkomponenten der Community Resilience zu messen und zu identifizieren sowie verschiedene humanitäre Maßnahmen zur Umsetzung dieser Merkmale zu bewerten.
  • Die Kampagne der United Nations for Disaster Risk Reduction (UNISDR) Making Cities Resilient (2010-) unterstützt eine nachhaltige Stadtentwicklung, indem sie Maßnahmen zur Resilienz fördert sowie das Verständnis für Katastrophenrisiken vor Ort verbessert.
  • Die Weltbank hat 2013 das Resilient Cities Programm ins Leben gerufen, eine mehrjährige Initiative, mit deren Hilfe Städte urbane Resilienz stärken können, die mit dem Klimawandel, Naturkatastrophen und anderen systemischen Störungen zusammenhängen. Im Jahr 2016 veröffentlichte die Weltbank in Zusammenarbeit mit Global Facility for Disaster Reduction and Recovery den Bericht Investing in Urban Resilience: Protecting and Promoting Development in a Changing World.
  • Der City Resilience Index der Rockefeller Stiftung (2016) enthält Grundsätze, Indikatoren und Praktiken zur Bewertung und Förderung von Resilienz. Dabei wird die Bedeutung eines umfassenden und ganzheitlichen Rahmens zur Verbesserung der Funktion von Städten hervorgehoben.
  • Das 100 Resilient Cities Programm wurde 2013 von der Rockefeller Stiftung mit Unterstützung eines breiten Netzwerks globaler Partner ins Leben gerufen. Das Programm unterstützt die Entwicklung neuer Resilienzstrategien und unterstützt die Einstellung eines Chief Resilience Officer für jede teilnehmende Stadt.
  • ICLEI – Local Governments for Sustainability verfügt über ein übergreifendes Programm für Resilienz in Städten, Resilient Cities, das sich mit Fragen der Abschwächung und Anpassung an den Klimawandel, der Minderung von Katastrophenrisiken und der Lebensmittelsicherheit befasst. Das Programm bietet eine Reihe von Konferenzen, Seminaren, Netzwerken, Tools und Leitfäden an, um sowohl zu informieren als auch direkt von Führungskräften über Bemühungen zur Stärkung der Resilienz auf allen Regierungsebenen zu lernen.
  • Die Europäische Kommission hat im Jahr 2016 das Projekt RESCCUE – RESilience to cope with Climate Change in Urban arEas – ins Leben gerufen, mit dem der Klimawandel im städtischen Bereich bewältigt werden soll: ein multisektoraler Ansatz, der sich auf Wasser konzentriert. Es zielt darauf ab, Städte auf der ganzen Welt dabei zu unterstützen, physischen, sozialen und wirtschaftlichen Belastungen oder Schocks zu begegnen, und den Wassersektor als Einstiegspunkt in die städtischen Systeme heranzuziehen.

Weiterführende Literatur

Figueiredo, L.; Honiden, T.; Schumann, A. (2018): “Indicators for Resilient Cities”, OECD Regional Development Working Papers, 2018/02, OECD Publishing, Paris.

Holling, C. S. (1973): Resilience and stability of ecological systems. In: Annual Review of Ecology and Systematics. 4/1973. Vancouver: Institute of Resource Ecology, University of British Columbia.

ICLEI – Local Governments for Sustainability (2018): ICLEI in the urban era. Bonn, Germany.