Pop-Art – eine Ästhetisierung des Konsums

Im Oktober 1964 öffnete „The American Supermarket“ in Paul Bianchinis Upper East Side Gallery seine Türen. Zu sehen war ein blendendes Spektakel des Überflusses. Was auf den ersten Blick wie ein amerikanischer Supermarkt aussah, war in Wirklichkeit eine Ausstellung.

Beim Betreten wirkte die Galerie wie ein Walmart oder eine andere beliebige Supermarktkette der 1960er in Amerika. Mit nur einem Unterschied: die für den Verkauf ausgelegten Produkte waren Kunstwerke – was sie wesentlich teurer und zum Verzehr völlig ungenießbar machte.

(Headline zur Ausstellung aus der amerikanischen Zeitschrift LIFE im Oktober, 1964.)

In den vollen Regalen standen Produkte aller Art zum Verkauf: Gemüse, Früchte und Eier aus Chromstahl wie auch Gips-Pumpernickel von Robert Watts; Kuchen, Kekse und weiteres Gebäck von Claes Oldenburg, ein riesiger Plastik-Truthahn und handbemalte Wachssteaks von Tom Wesselmann wie auch eine bemalte bronzene Wassermelone von Billy Apple. Andy Warhols nachgebaute Brillo-Waschseifekartons, und signierte Campbell’s Suppendosen wurden ebenfalls angeboten. Die Wände waren mit Werbepostern mit Werken Roy Lichtensteins und Andy Warhols plakatiert. Kurz: Massenware und Konsumgüter ästhetisiert in Kunst. Ganz nach Marcel Duchamp, der bereits 1913 sagte: „Kunst liegt auf der Straße, und sie steht in den Regalen der Kaufhäuser.“

Diese Ausstellung war eine der ersten Massenveranstaltungen, die die Öffentlichkeit gleichzeitig mit der Pop-Art als solche und der ewigen Frage konfrontierte, was Kunst sei und was nicht.

Mitten im Wirtschaftswachstum der 50er Jahre entwickelte sich die Pop-Art als Kunstbewegung erst in England und wenig später auch in den USA.

Indem sie banale Alltagsgegenstände in den Mittelpunkt ihrer Kunst rückte und somit jedem Objekt ermöglichte zur Skulptur zu werden, legte sie alles ab, was bislang Teil des allgemein gültigen Kunstbegriffs war. Sie distanzierte sich stark von den vorherrschenden Kunstbewegungen und ihrem grundlegenden Streben nach Authentizität, Komplexität, Originalität, Schönheit und Tiefe. Vor allem kontrastierte sie sich stark von dem in der Nachkriegszeit entstandenen Abstrakten Expressionismus, der die Abbildung von Gegenständlichem aus ihren Werken verbannt hatte. Pop-Art-Künstler wie die Amerikaner Jasper Johns und Robert Rauschenberg standen dieser Abstraktion kritisch gegenüber. Nach ihnen war sie zum einen elitär und hermetisch, zum anderen sinnentleert und realitätsfern. Die Pop-Art hingegen zielte durch den Einbezug von alltäglichen Gegenständen auf eine Zusammenführung von Kunst- und Lebenswirklichkeit. Sie hatte zum Ziel, das veränderte und moderne Lebensgefühl in ihren Werken widerzuspiegeln. Mit dem Beginn der 60er-Jahre wuchs die Anzahl der angebotenen Waren in der Großstadt. Die Wirtschaft boomte, die Löhne stiegen und der Konsum nahm ein nie da gewesenes Ausmaß an. In diesem Zuge buhlten Medien und Werbung immer aggressiver um Aufmerksamkeit.

Die modernen Pop-Art-Künstler_innen knüpften an diesen nachkriegszeitlichen Umschwung an und begegneten der Entwicklung der populären Massenkultur, der Massenmedien, Presse und Werbung wie auch Comics, Musik und Film, indem sie die medialen Bilderfluten und deren ästhetische Reize in ihre eigenen Werke integrierten. Damit machten sie das Medium der Kunstwerke ebenso wichtig wie dessen Inhalt. Im Gegensatz zu der abstrakten Kunst begeisterte diese Kunstrichtung aufgrund ihrer Verständlichkeit und ihres typisch plakativen Stils sowie der wenigen aber knalligen Farben eine breitere Masse an Menschen, die auch ohne kunsthistorisches Vorwissen die Werke genießen konnten.

Indem sie Banales – insbesondere Alltägliches wie auch Konsum- und Massenware – in ihren Mittelpunkt setzte, erhob sie das Massentaugliche zu Kunst. Somit stellte sie die gesellschaftliche Vorstellung von Kunst und ihrer Einzigartigkeit auf den Kopf und machte eine Definition ihres Kunstbegriffs zu einer Herausforderung.

Der englische Künstler und Vorreiter der Pop-Art, Richard Hamilton, listete in einem Brief an seine Freunde, Peter und Alison Smithson in 1957, Charakteristika auf, die eine mögliche neue Kunstrichtung beschreiben sollten: „Pop Art is: Popular (designed for a mass audience), Transient (short-term solution), Expendable (easily forgotten), Low cost, Mass produced, Young (aimed at youth), Witty, Sexy, Gimmicky, Glamorous, Big business.“ Obwohl diese wenig gehaltvolle Aussage moderne Kunstkritiker erschütterte, fand Pop-Art ihren Weg in die Kunstgeschichte. Ob humorvoll-ironisch, bissig oder kritisch, sie erfasste den Zeitgeist der späten 1950er und 1960er Jahre. Pop-Art kann daher als eine der ersten Manifestationen der Postmoderne gesehen werden.

Auch wenn sich sowohl die amerikanische als auch die britische Popkultur, als Reaktion auf den zu intellektuell angesehenen Abstrakten Expressionismus etablierten, sind sie dennoch differenziert zu betrachten. Während Pop-Art-Künstler_innen Großbritanniens die amerikanische Popkultur aus der Ferne kritisch betrachteten, bildeten amerikanische Pop-Art-Künstler_innen die Kultur ab, deren Teil sie waren.

Die amerikanischen Künstler_innen, wie Pop-Art Größen Andy Warhol und Roy Lichtenstein, verarbeiteten die optimistische Kennedy-Zeit und den „American Way of Life“ indem sie massentaugliche Waren in den Mittelpunkt ihrer Werke stellten und diese zugleich zu verherrlichen wie auch sie zu kritisieren schienen. Campbell’s Suppendosen haben durch Andy Warhols Siebdrucke einen ikonenhaften Status erlangt, doch die endlos scheinende Reproduzierbarkeit der Werke scheint die Massenproduktion des Wirtschaftswachstums zu parodieren. Ähnliches gilt für Roy Lichtensteins Comic-Strips, deren berühmte Rastertechnik, die sogenannten Benday Dots, wie sehr kenntlich gemachte Pixel wirken und so an die industrielle Herstellung von Werbung und Massenmedien erinnern – dabei ist jeder Punkt von Lichtenstein mithilfe einer Schablone per Hand gemalt.

Die britische Kunstbewegung ging distanzierter vor, indem sie den amerikanischen Pop und dessen Macht, Menschen zu manipulieren, parodierte. Kern der britischen Bewegung war die Künstlergruppe The Independent Group, der auch Richard Hamilton angehörte. Seines war zudem das erste und berühmteste Werk der Pop-Art: Die Collage „Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing?“ von 1956. Das Werk, das anfangs gar nicht als Kunstwerk gedacht war, sondern als Plakat für einen Ausstellungskatalog, erscheint rückblickend regelrecht zukunftweisend für die spätere Pop-Ikonografie. Abgebildet scheinen die zeitgenössischen Verkörperungen von Adam und Eva zu sein, inmitten materieller Versuchungen des nachkriegszeitlichen Konsumbooms. Alle Klischeebilder der Wohlstandsbürger_innen sind hier vereint: Unterhaltungselektronik, Fertiggerichte in Konservendosen, Filmindustrie, Comics, Haushaltsangestellte, Sex und lauter Prestigeobjekte. Für dieses Urbild der Pop-Art klebte Hamilton Ausschnitte aus amerikanischen Lifestylemagazinen zusammen. Dieses wirkte auf die englische Bevölkerung, die noch unter der langsamen Nachkriegswirtschaft litt, als Parodie des amerikanischen Materialismus und der modernen Werbung, die diese materiellen Wünsche und Konsumlust auslöste.

Wirkt die Pop-Art auf den ersten Blick trivial, offenbart eine nähere Betrachtung, dass sie eine tiefgründige Kritik an der Konsumgesellschaft ausübt, sowie Lust am Skandal zeigt.

Die gesellschaftliche Kritik bestand darin, in der Nachkriegszeit und zu Zeiten des Vietnamkriegs auf die Verwundbarkeit einer scheinbar perfekten Wohlstands- und Konsumgesellschaft aufmerksam zu machen.

Unter Pop-Art ist daher mehr als nur Kunst zu verstehen, vielmehr ist es eine Bewegung, die mit ihren Kunstwerken zum Nachdenken anregte, provozierte und Diskussionen auslöste. Eine Kunst, die zugleich verliebt war in die Ephemera der Konsumkultur, und diese kritisierte.

Einerseits greift Pop-Art triviale Motive auf, feiert den wirtschaftlichen Aufschwung, die Stars und die Medien. Andererseits zeigt sie die Schattenseiten der Massenproduktion, des Massenkonsums und der Massengesellschaft.

Weiterführende Literatur

Hecken, T. (2009): Pop: Geschichte eines Konzepts 1955–2009. Bielefeld: Transcript.

Lüthy, M. (2002): Das Konsumgut in der Kunstwelt – Zur Para-Ökonomie der amerikanischen Pop-Art. In: Shopping. 100 Jahre Kunst und Konsum.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.