Intime Investition

Illustration: Vladislav Rende

„Prostituierte“, „Escort“, „Nutte“, „Callboy“. Eine Vielfalt an Begrifflichkeiten, die eine Tätigkeit beschreibt: Körperliche Intimität gegen Bezahlung.

„Sex ist auch nur eine Dienstleistung“ (Elmenthaler 2015), „Wer nicht vögelt, fliegt“ (Furios Magazin 2016), „Großrazzia gegen Bordellnetzwerk“ (DPA 2018). Diese Auswahl an aufgeladenen Schlagzeilen deutet bereits an, wie schwierig es sich erweist, einen sachlichen Bezug zur Thematik herzustellen. Ist es möglich, sich dieser Materie auf einer wissenschaftlichen Ebene zu nähern? In seinem Buch „Sex for Sale“ diskutiert der Soziologe Ronald Weitzer (2010), dass sich wissenschaftliche Arbeiten zur Thematik zu häufig auf Negativbeispiele und extreme Randgruppen beziehen und diese dann als Vertretung für die gesamte Branche stehen. Selbstverständlich dürfen Themen wie Zwangsprostitution und eine hohe Kriminalitätsrate in diesem Bereich nicht ignoriert werden. Menschen als „Ware“ zu behandeln und die Regeln unseres Finanzsystems zu missachten, sind eine klare Problematik, die in unserer Gesellschaft nicht zu tolerieren ist.

Dennoch sei es schwierig, der Vielfalt der Sexarbeit in empirischen Studien gerecht zu werden, da die überwiegende Anzahl der Dienstleistenden, Agenturen und Kund_innen kaum bis gar nicht bereit ist, offen über den Konsum von Sexualität sprechen oder gar Teil einer Forschungsarbeit zu sein. Fest steht, dass das Angebot sexueller Dienstleistungen inhärent durch die Nachfrage nach selbigen getrieben wird. Die Zahlen sprechen für sich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes liegt der (offizielle) Jahresumsatz mit Sexarbeit bei rund 14,6 Millionen Euro. Zudem kursiert in den Medien seit einigen Jahren die Zahl von 400.000 Prostituierten in Deutschland. Laut eines Plenarprotokolls des Deutschen Bundestages stammt sie von der Prostituierten-Interessenvertretung Hydra e.V.

Fest steht: Sexarbeit ist Arbeit. Und diese Dienstleistung wird von vielen Menschen angeboten und in Anspruch genommen. Doch was genau bewegt jemanden dazu, sich beispielsweise eine Escort Dame zu buchen? In diesem Artikel soll weniger die Perspektive der Sexarbeiter_innen eingenommen, sondern vielmehr hinterfragt werden, welche unterschiedlichen Personengruppen aus welchen Gründen sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen.

Dabei sei zu erwähnen, dass die Perspektive der Klient_innen deutlich weniger Aufmerksamkeit in der Forschung erfährt als Studien über sozialwissenschaftliche, historische oder gesundheitliche Fragestellungen von Seiten der Sexarbeiter_innen (vgl. Vanwesenbeeck 2013). In der Folge wird deshalb auch auf die Beschränkungen der bisherigen Forschung zum angesprochenen Thema eingegangen und Ansätze für eine differenziertere Analyse erarbeitet.

Sexarbeit definiert sich als Tätigkeit, bei der eine sexuelle Dienstleistung mit Geld entlohnt wird. Zu dieser Tätigkeit gehören sowohl die Sexarbeiter_innen als auch die Klient_innen. Hinter dieser vermeintlich einfachen Definition verbirgt sich ein großes Spektrum, wie diese Art von Arbeit geleistet wird. Tabelle 1 zeigt unterschiedliche Formen der Sexarbeit.

Call Girl

Business Location

Independent operator, private premises/hotels

Prices charged

High

Exploitation by third parties

Low to None

Escort

Business Location

Escort agency, private premises/hotels

Prices charged

High

Exploitation by third parties

Moderate

Brothel worker

Business Location

Brothel

Prices charged

Moderate

Exploitation by third parties

Moderate

Massage parlor worker

Business Location

Massage parlor

Prices charged

Moderate

Exploitation by third parties

Moderate

Bar/casino worker

Business Location

Bar/casino contact; sex elsewhere

Prices charged

Low to moderate

Exploitation by third parties

Low to moderate

Streetwalker

Business Location

Street contact: sex in parks, alleys, etc.

Prices charged

Low

Exploitation by third parties

High

Tab. 1: Formen der Sexarbeit (nach Weitzer 2010: 8).

 

So vielfältig wie das Angebot der Dienstleistung, ist auch die Klientel, welche diese in Anspruch nimmt. Dabei werden sowohl Frauen als auch Männer als Konsument_innen thematisiert und ihre unterschiedlichen Gründe und Bedürfnisse bei Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen dargestellt. Katy Pilcher (2016: 85) betont, dass dringender Bedarf nach Forschungsarbeiten bestünde, welche sich mit der Klientel von Sexarbeiter_innen im Allgemeinen auseinandersetzen und die Motive und Umweltfaktoren von Frauen wie Männern gleichermaßen dokumentieren.

Nach Giorgia Serughetti (2013: 38ff.) beschäftigen sich seit den 80er Jahren vor allem die Sozialwissenschaften mit der Frage, warum vor allem Männer sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Dabei standen sich anfangs zwei Paradigmen gegenüber: Das natürliche Verlangen nach Sexualität sowie die Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen als Ausdruck einer ernsthaften psychischen Störung (vgl. Winick 1962: 289ff.). Seither würden sich Forschungsarbeiten stärker von einer überwiegend negativen Sichtweise bezüglich Moral und Verantwortung distanzieren. Vielmehr steht die Erhebung von Daten zu demographischen und psychologischen Aspekten als Schwerpunkt für ihre Untersuchungen im Vordergrund (vgl. Wilcox et al. 2009).

Ein weiterer Ansatz zur Auswertung des Konsumverhaltens von käuflichem Sex ist eine genauere Einordnung des Klientels. So nennt der Sozialwissenschaftler Udo Gerheim (2014) drei unterschiedliche Typen von Konsumenten. Der „romantische[…] Sex-Käufer“ sehnt sich nach Authentizität und wahrer Nähe. Er möchte Vertrauen zu seinem Gegenüber aufbauen und die Privatperson hinter der Sexarbeiterin kennenlernen. Der „lebensfrohe Hedonist“ hingegen möchte konkrete erotische Phantasien ausleben. Zuletzt gebe es den „sexuell Enttäuschten“, der in bezahlten Sexualkontakten eine Kompensation seiner tatsächlichen sexuellen Bedürfnisse sehe. Ähnliches versucht die Soziologin Teela Sanders. Sanders geht davon aus, dass Männer sexuelle Dienstleistungen von Frauen in Anspruch nehmen, um nicht nur ihre sexuellen, sondern auch emotionalen Bedürfnisse zu befriedigen. Konversation, Ehrlichkeit und Vertrauen seien ebenso wichtig wie körperliche Begierde (vgl. Sanders et al. 2009). Die Datenlage zu Klient_innen wie Frauen, Queeren oder Paaren ist wesentlich kleiner verglichen mit der Anzahl an Studien, die sich mit Männern als Kunden auseinandersetzen (Pilcher 2016: 83ff.). Allerdings zeigt sie auf, dass es allein in Australien diverse Agenturen gibt, die mit ihrem Service exklusiv Frauen als Kundinnen adressieren. Auch Sarah Kingston von der Lancaster University beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Sexarbeit und hat das Projekt „Women Who Buy Sex“ gegründet, um die mangelnde Quellenlage in diesem Bereich zu füllen und ein diverseres Bild dieser Branche schaffen zu können. Sie fand heraus, dass Klientinnen sich bei ihren männlichen Dienstleistern vor allem nach Erfahrungen von Intimität, freundschaftlicher Verbundenheit und lockerem Vergnügen sehnten.  Die britische Journalistin Clarissa Sebag-Montefiore (2014) geht davon aus, dass mit der Veränderung des Frauenbildes in den letzten Jahrzehnten auch eine Veränderung des Umgangs von Frauen mit ihrer Sexualität stattfindet. So könnten diese heutzutage stärker ihre sexuellen Phantasien kommunizieren und ausleben, auch gegen Bezahlung. In ihrem Artikel schreibt sie:

“So what do male escorts tell us about an underlying shift in female sexuality? Western women today have more freedom, money and power than at any point in history. Yet for many, like Louise […], the decision to buy sex goes beyond financial independence: it marks a brave new world of go-getting female sexuality, in which women can be as assertive as men in pursuing what they want.” (Sebag-Montefiore 2014)

So vielfältig wie das Angebot an Sexarbeit, Agenturen und Internetplattformen, erscheint auch das Klientel bezogen auf Geschlecht, Herkunft, Bildungsgrad und sexuelle Vorlieben. Sehen einige Forscher_innen in der Sexarbeit vor allem Unterdrückung durch das Ausleben sexueller Macht der Kund_innen, zeigen viele Studien mittlerweile ein wesentlich differenzierteres Bild (vgl. Weitzer 2010: 30ff.). Für einige Autor_innen besteht in dieser Betrachtungsweise die Chance, vor allem die Perspektive der Klient_innen stärker zu erforschen und so einen sensibleren Blick auf die gesamte Branche zu ermöglichen (vgl. Kingston 2016; Serughetti 2013: 45). Interessant erscheint im Kontext der Sexarbeit, die Grundlage für die Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen stärker zu beleuchten: das Verlangen des Menschen nach sexueller Interaktion. Ein diverses Bild drückt sich auch durch den Versuch der Typologisierung von Klient_innen aus (vgl. Gerheim 2014; Sanders et al. 2009). Kritisch zu erwähnen sei hier, dass als Form der Datenerhebung häufig freie Interviews gewählt werden, sodass die befragten Personen aufgrund „sozialer Erwünschtheit“ möglicherweise sehr relevante Aspekte unerwähnt lassen. Vor allem bei der Beschäftigung mit weiblicher Klientel besteht noch hoher Bedarf an aussagekräftigen Studien (vgl. Pilcher 2016). Die Literatur beschränkt sich hier vor allem auf Erfahrungsberichte, Kommentare oder Gastbeiträge von Personen, welche zur Sexarbeit im Allgemeinen forschen.

Gibt es sie schlussendlich, die „typischen“ Konsument_innen? Ein so intimes Thema wie die eigene Sexualität und das Verlangen nach Intimität zu kategorisieren, erscheint kaum möglich. Es mag sie geben, die Menschen, die Gefallen daran haben, für einen gewissen Zeitraum einen anderen Menschen zu „besitzen“ und Macht zu erleben. Und es mag Personen geben, die dies zulassen. Doch erscheint die Thematik zu vielschichtig für eine Stigmatisierung, wie sie häufig von der Gesellschaft betrieben wird. Suchen einige die kurze Begegnung, um für einen Moment Alltag und Realität hinter sich zu lassen, wollen andere neben körperlicher Nähe auch eine emotionale Ebene aufbauen. Reden. Lachen. Eine gute Zeit haben. Phantasien leben können mit jemandem, der nicht darüber urteilt und so heimlich verschwindet, wie er aufgetaucht ist. Der Soziologe Richard Tewksbury nennt es die „girlfriend“- bzw. „boyfriend experience“ (Tewksbury/ Lapsey 2017). Ob Escort, Saunaclub oder virtuell – die Nachfrage dafür besteht, bei Frauen und Männern jeglicher sexueller Orientierung. Sexarbeit ist eine Dienstleistung, deren Vielfalt noch viel Grundlage für weiterführende Forschung und kritische Auseinandersetzung liefert. Sie ist eine intime Investition.

Literatur

DPA (Hg.) (2018): Über 100 Festnahmen bei Großrazzia gegen Bordell Netzwerk. In: Süddeutsche Zeitung, 18.04.2018. Online verfügbar unter: http://www.sueddeutsche.de/news/panorama/kriminalitaet—frankfurt-am-main-grossrazzia-gegen-bordell-netzwerk-17-durchsuchungen-in-nrw-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-180418-99-947498 [Zugriff: 03.06.2018].

Elmenthaler, S. (2015): Sex ist auch nur eine Dienstleistung. In: ZEIT Online, 15.08.2018. Online verfügbar unter: https://www.zeit.de/kultur/2015-08/prostitution-legalisierung-amnesty-international-kommentar [Zugriff: 05.06.2018].

Furios (Hg.) (2016): Wer nicht vögelt, fliegt. In: Furios Online, 15.01.2016. Online verfügbar unter: http://www.furios-campus.de/2016/01/15/escort/ [Zugriff: 03.06.2018].

Gerheim, U. (2014): Die Produktion des Freiers: Macht im Feld der Prostitution. Eine soziologische Studie. Bielefeld: transcript.

Kingston, S. (2016): Women who buy sex. Challenging popular prejudices. In: QUT Blog, 13.04.2016. Online verfügbar unter: https://research.qut.edu.au/aboutmaleescorting/2016/04/13/women-who-buy-sex/ [Zugriff: 30.05.2018].

Pilcher, K. (2016): Male sex work and society. In: Rural Society, 25. Jg. 2016/1. S. 83–85.

Sanders, T. et al. (2009): Prostitution: Sex Work, Policy and Politics. London: SAGE Publications Ltd.

Sebag-Montefiore, C. (2014): Male Escorts. In: Aeon, 12.11.2014. Online verfügbar unter: https://aeon.co/essays/when-it-comes-to-buying-sex-are-women-any-different-from-men [Zugriff: 30.05.2018].

Serughetti, G. (2013): Prostitution and Clients’ Responsibility. In: Men and Masculinities. 16. Jg. 2013/1. S. 35–48.

Tewksbury, R./ Lapsey, D. (2017): Male Escorts‘ Construction of the Boyfriend Experience: How Escorts Please Their Clients. In: International Journal of Sexual Health. 29. Jg. 2017/4. S. 292–302.

Vanwesenbeeck, I. (2013): Prostitution push and pull: male and female perspectives. In: Journal of sex research. 50. Jg. 2013/1. S. 11–16.

Weitzer, R. (2010): Sex for sale: Prostitution, pornography, and the sex industry. New York: Routledge.

Wilcox, A. et al. (2009): Tackling the demand for prostitution: A rapid evidence assessment of the published research literature. Project Report. London.

Winick, C. (1962): Prostitutes‘ Clients‘ Perceptions of the Prostitutes and of Themselves. In: International Journal of Social Psychiatry. 1962/8. S. 289–297.

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