Das trügerische Gedächtnis

 

Die erste  Erinnerung. Jeder hat sie ‑ oder meint, sie zu haben. Können wir tatsächlich feststellen, ob das, wovon wir glauben, es sei unsere früheste Erinnerung, wirklich geschah? Können wir unserem Gedächtnis trauen? Und was sind das überhaupt: Gedächtnis und Erinnerung? Die Antwort wird nicht leicht sein, denn ist das Gedächtnis nicht unsere Identität? Erinnerungen machen grundsätzlich, was sie wollen. Sie sind weitestgehend unverfügbar, tauchen plötzlich auf, sind nicht kontrollierbar und sie absichtlich zu vergessen, funktioniert auch nicht. Der Philosoph Richard David Precht fragt bezeichnend:

„Bin ich das selbst, der da erinnert, oder führt die Erinnerung ein unverfügbares Eigenleben? Bin ich wirklich das Subjekt des Erinnerns, oder nicht vielleicht doch vielmehr das Objekt meiner Erinnerung?“

Präferenzen und Entscheidungen werden von Erinnerungen geprägt: „Die Verwechslung der Erinnerung mit der tatsächlichen Erfahrung ist eine zwingende kognitive Illusion“ schreibt der Kognitionspsychologe Daniel Kahnemann (2011). Es gibt ein erlebendes und ein erinnerndes Selbst: „Das erlebende Selbst hat keine Stimme. Das erinnernde Selbst irrt sich manchmal, aber es ist dasjenige, […], das Entscheidungen trifft.“

Psychologen sprechen von „unmöglichen Erinnerungen“, wenn Menschen über Ereignisse berichten, wie die scheinbare Erinnerung an den Raum im Krankenhaus ihrer Geburt oder an das Spielzeug in ihrem Kinderzimmer in ihren ersten Wochen auf der Welt. Beeinflusst werden diese Erinnerungen durch externe Eindrücke, wie Fotos oder Berichte der Eltern. Das Gehirn fasst Bruchstücke von Informationen so zusammen, dass sie sinnvoll erscheinen und sich wie echte Erinnerungen anfühlen. Ein komplexes Phänomen, das diesen Prozess auslöst, ist die Konfabulation: Das Erscheinen von Erinnerungen und Erfahrungen und Ereignisse, die nie stattgefunden haben.

Für das weitere Verständnis ist es notwendig, die neurowissenschaftliche Seite des Gedächtnisses zu betrachten. Im Gedächtnis sind zwar sehr viele Informationen abgelegt, diese sind jedoch nicht jederzeit verfügbar und abrufbar. Es wird zwischen dem Kurzzeitgedächtnis und dem Langzeitgedächtnis unterschieden: Das Kurzzeitgedächtnis ist ein System im Gedächtnis, das kleine Informationsmengen für nur kurze Zeit aufnehmen kann ‑ ca. 30 Sekunden. In einem bekannten Artikel, der 1956 von George Miller veröffentlicht wurde, geht es um die Beschränktheit jenes Systems. Die Anzahl der Informationseinheiten, die sich der Mensch im Kurzzeitgedächtnis merken kann, läge bei sieben plus/minus zwei. Der Fachausdruck dafür ist „Chunking“ ‑ der Mensch komprimiert Informationen zu Einheiten. Als Beispiel diene eine Telefonnummer: 030/1234567; diese besteht aus zwei Chunks. Einerseits die Vorwahl Berlins und andererseits eine regelmäßige, aufsteigende Zahlenfolge. Insbesondere im Erwachsenenalter wird die Leistung des Chunkings besser. Je mehr Erfahrungen wir im Laufe der Zeit sammeln, desto leichter fällt es uns, Informationen zu bündeln.

Das Langzeitgedächtnis hingegen umfasst Informationen, die länger als 30 Sekunden im Gedächtnis bleiben ‑ sowohl das episodische Gedächtnis für Ereignisse als auch das semantische Gedächtnis für Faktenwissen. Als biologische Prägung versteht man den Prozess, durch den eine Erfahrung als physische Erinnerungsrepräsentation im Gedächtnis abgelegt wird. Es bedarf also einer biologischen Synthese, um neue Erfahrungen in das Langzeitgedächtnis einzuprägen. Wie genau dieser Prozess funktioniert, wird im nachfolgenden Artikel näher erläutert.

Fehlerhafte Rückschau

Das Gehirn ist ein sinnstiftendes Organ, es denkt sich Narrative über die Vergangenheit aus. Tritt ein unvorhergesehenes Ereignis ein, korrigieren wir unsere Sicht der Welt, um dieser Überraschung zu entsprechen. Machen wir uns diese neue Sicht zu eigen, verlieren wir augenblicklich einen Großteil der Fähigkeit, uns an das zu erinnern, was wir glaubten, ehe wir unsere Einstellung änderten. Dies entspricht einer grundlegenden Beschränkung des menschlichen Geistes: Seine mangelhafte Fähigkeit, vergangene Ansichten oder Wissenszustände, die sich gewandelt haben, zu rekonstruieren. Aufgrund dieser Unfähigkeit wird häufig das Ausmaß, in dem wir durch vergangene Ereignisse überrascht wurden, unterschätzt.

„Ich wusste es die ganze Zeit“ ‑ ein gefährlicher Trugschluss. Beispielhaft dafür ist eine Umfrage im Jahre 1972 vor dem Besuch Richard Nixons in China und Russland. Die Befragten sollten verschiedene mögliche Ergebnisse Nixons diplomatischer Initiativen Wahrscheinlichkeiten zuschreiben: Wäre Mao Tsetung bereit, sich mit Nixon zu treffen? Würden die USA China diplomatisch anerkennen? Nach Nixons Rückkehr sollten sich die Befragten an die Wahrscheinlichkeiten erinnern, die sie den Ereignissen ursprünglich zugeteilt hatten: War ein Ereignis tatsächlich eingetreten, überschätzten die Befragten die Wahrscheinlichkeit, die sie jenem zugeschrieben hatten. Trat das Ereignis nicht ein, hielten sie es im Nachhinein fälschlicherweise seit jeher für unwahrscheinlich. Die Neigung, die Vergangenheit der eigenen Überzeugungen umzuschreiben, erzeugt also eine robuste kognitive Illusion.

„Ich assoziiere, also erinnere ich mich“

Bereits die frühesten Philosophen versuchten, dem Lernen und somit den menschlichen Erinnerungen auf den Grund zu gehen. Dabei wurde die Assoziation des Menschen als Kerneigenschaft des Geistes angesehen. Basierend auf einem Konzept Platons 300 v. Chr. schrieb Aristoteles die Assoziationsgesetze offiziell als Gesetze fest. Dabei handelt es sich um Prinzipien, deren Grundlage das Lernen abbildet, welches ein Prozess der Erinnerung ist. Aristoteles‘ Schrift Gedächtnis und Erinnerung zufolge, kann zwischen vier Assoziationsgesetzen unterschieden werden:

Das erste Gesetz ist das der Ähnlichkeit. Es besagt, dass das Erleben oder Erinnern eines Objekts die Erinnerung an Dinge hervorruft, die dem Objekt ähnlich sind.

Das zweite Gesetz ist das des Gegensatzes, in dem das Erleben oder Erinnern Erinnerungen an Dinge weckt, die konträr zu dem Objekt sind.

Das dritte Gesetz ist das der Kontiguität. Dieses postuliert, dass das Erleben oder Erinnern eines Objekts Erinnerungen an Dinge weckt, die ursprünglich zusammen mit diesem Objekt erfahren wurden.

Das vierte Gesetz ist das der Häufigkeit. Je häufiger zwei Dinge gemeinsam erlebt werden, desto wahrscheinlicher wird es sein, dass das Erinnern oder das Erleben des einen oder auch die Erinnerung an das andere auslösen wird.

Im 19. Jahrhundert fand Hermann Ebbinghaus als Pionier eine neue Methode, die Entwicklung von Erinnerungen zu erforschen. Er lernte sinnfreie Silben wie OOB oder KOJ. Er wählte diese Buchstabenfolge aus, weil er davon ausging, dass die Ergebnisse nicht durch einen bereits bekannten Sinn verzerrt werden können. Ein bereits bekannter Sinn würde nämlich die Erinnerungen an einige von ihnen erleichtern. Diese Annahmen wurden inzwischen mit dem Argument widerlegt, dass man auch Nonsens-Silben einen Sinn zuschreiben kann. 1885 fasste Ebbinghaus seine Ergebnisse zusammen und veröffentlichte sein Hauptwerk „Über das Gedächtnis“; seine Versuche führte er nur an sich selbst durch und sie generierten letztlich zahlreiche Erkenntnisse über Erinnerungen, die auch heute weiterhin anerkannt sind. Aristoteles‘ und Ebbinghaus‘ Theorien wurden erweitert und in dem modernen Konzept der Aktivierung durch Assoziation zusammengefasst. Dieses geht davon aus, dass es eine erhöhte Aktivität bei bestimmten Erinnerungen gibt, wenn andere ähnliche Erfahrungen verarbeitet werden. Ein Beispiel: Man denke an Sonnenbaden. Hiermit werden automatisch Erinnerungen aktiviert, die mit den Begriffen „Strand“, „Meer“ und „Sonnencreme“ zusammenhängen.

Wie werden also aus einfachen Gedanken Erinnerungen gebildet?

Man könnte jeden Gedanken und jeden Begriff, der in unserem Kopf herumschwirrt, als Netzknoten bezeichnen. Verbinden wir nun diese einzelnen Netzknoten, so entstehen komplexe Ideen. Dabei ist entscheidend, dass die Netzknoten eine ähnliche Bedeutung verbinden. Denn je ähnlicher die Bedeutung, desto stärker der Knoten. Wenn wir einen beliebigen Knoten aktivieren, dann aktiviert dieser andere verwandte Knoten. Wenn unser erster Knoten zum Beispiel Polizist ist, wird damit einhergehend ein anderer eng assoziierter Knoten wie zum Beispiel Gesetz aktiviert.

Unsere Assoziationen erlauben uns, Ideen neu zusammenzufügen, um dann auf unsere Umwelt zu reagieren und komplexe Lösungen für unsere Probleme zu finden. Gleichzeitig können Assoziationen zwischen Begriffen oder Erinnerungen verstärkt oder geschwächt werden, was wiederum die Anfälligkeit für Irrtümer und Täuschungen erhöhen kann.

Warum bilden wir falsche Erinnerungen?

Mit dieser Frage beschäftigt sich die Fuzzy-Trace-Theorie (fuzzy kann mit verschwommen übersetzt werden). Hinsichtlich der Erinnerung geht es hierbei um zwei Aspekte: Einmal um eine gist trace und um die verbatim trace. Die gist trace meint den Bedeutungskern einer Erfahrung. Die verbatim trace ist eine wortwörtliche Spur, die eine Erinnerung an spezielle Details, wie Bewegung oder Materialität, beschreibt. Gedächtnisforschern zufolge können mit dieser Theorie Phänomene der Gedächtnisfälschung erklärt werden. Es gibt vier Prinzipien, die die grundlegenden Mechanismen der Erinnerungstäuschung erklären können:

Prinzip 1: Parallele Verarbeitung und Speicherung. Beobachten wir beispielsweise eine bestimmte Situation, verarbeiten wir simultan, wie die Situation aussieht (verbatim) und welche Bedeutung wir ihr beimessen (gist). Diese beiden Informationen speichern wir separat.

Prinzip 2: Getrennter Abruf. Beide dieser verschiedenen Erinnerungspuren werden getrennt abgerufen. Das führt dazu, dass man sich unter Umständen an eine Erfahrung besser erinnern kann als an eine andere. Mit Hilfe dieses Prinzips könnten wir uns erklären, weshalb wir uns manchmal an den Namen einer Person erinnern (verbatim), aber nicht, was wir von ihr halten und jeweils andersherum. Wichtig ist hierbei, dass beide Erinnerungsspuren ‑ die wortwörtliche und die der Bedeutung ‑ unabhängig voneinander abgerufen werden können; allerdings ist die Erinnerung an die Bedeutung langfristig gesehen stabiler.

Prinzip 3: Fehleranfälligkeit. Gefühle der Vertrautheit können dazu führen, dass wortwörtliche Details verzerrt, verfälscht oder ganz erfunden werden. Beispielhaft sei eine Situation im Café:

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Freund (gist) ‑ das sei das wesentliche Ereignis.
Wir waren im Café X, denn hier haben wir uns immer getroffen (verbatim) ‑ wahrscheinlich falsch.

Ich saß mit meinem Freund im Café X. Wir unterhielten uns, wir saßen am Ecktisch am Fenster. Draußen regnete es. Ich trug ein blaues Kleid, er eine dunkle Jeans und ein weißes Shirt. Dies ist eine sehr stark wortwörtliche Erinnerung, an den eigentlichen Anlass ‑ das wesentliche Ereignis, es kann ggf. eine Trennung sein ‑ wird sich nicht mehr erinnert. Dadurch kann eine falsche Erinnerung erzeugt werden. Wir versuchen, unsere Erinnerungen so zu verstehen, dass sie zu der individuellen Geschichte passen.

Prinzip 4: Lebendigkeit. Lebhafte Erinnerungen entstehen sowohl durch die Verarbeitung von wortwörtlichen als auch durch die Erinnerungsspuren der Bedeutung. Wortwörtliche Spuren führen dazu, dass Einzelheiten erneut erlebt werden. Im Gegensatz dazu ist der Abruf von Bedeutungsspuren mit Gefühlen der Vertrautheit und der individuellen Wahrnehmung assoziiert, die auch als allgemeinere Erinnerung angesehen werden. Ein Gefühl der Vertrautheit wird beispielsweise dann empfunden, wenn fraglich ist, ob eine bestimmte Person an einem Ereignis teilgenommen hat, bei dem seine Präsenz sehr plausibel gewesen wäre. Daraus kann fälschlicherweise eine wortwörtliche Erinnerungsspur gebildet werden: Ja, der Freund war auch da, ich habe ihn gesehen und mit ihm gesprochen.

Die Fuzzy-Trace-Theorie beschreibt anhand dieser vier Prinzipien, wie, wann und warum wir falsche und verzerrte Erinnerungen bilden. Erinnerungstäuschungen sind möglich, da jede einzelne Erinnerung in einer sehr großen Menge von Fragmenten gespeichert ist. Diese Fragmente können wiederum jeweils neu kombiniert werden, bis letztlich eine Erinnerung gebildet wird, die dem tatsächlich Geschehenen nicht entspricht und ggf. sogar widerspricht.

In der experimentellen Forschung zum Thema false beliefs und verfälschte Erinnerungen entwickelten sich letztlich drei Strömungen:

  1. Verfälschte Erinnerungen: Alle Arten des Gedächtnisses können sich im Laufe der Zeit und durch Suggestion verformen, auch traumatische Erlebnisse.
  2. Additive falsche Erinnerungen: Bei dem Lernen von Wörtern führen Assoziationen im Gedächtnis zu Gedächtnisfehlern (DRM-Paradigma).
  3. Erinnerungen an nichterlebte Ereignisse: Menschen können ganze Ereignisse in ihr Gedächtnis integrieren, obwohl diese nie erfahren wurden.

Kognitive Verzerrungen verfälschen unsere Wahrnehmung, Erinnerungen passen sich an und wir haben sogar die kognitiven Möglichkeiten, die Geschichte zu verändern. Unser Gedächtnis ist schwach, fehlbar und unzuverlässig. Akzeptieren wir zunächst diese Fehlbarkeit, können wir im nächsten Schritt versuchen, zu verstehen, weshalb Gedächtnisprozesse überhaupt versagen.

„So seltsam es auch erscheinen mag, ich bin ein erinnerndes Selbst, und das erlebende Selbst, das mein Leben lebt, ist für mich wie ein Fremder.“ (Kahnemann 2011)

 

Literaturempfehlungen

Kahnemann, D. (2011): Schnelles Denken, langsames Denken. München: Penguin Verlag. 11. Auflage 2012.

Precht, R.D. (2007): Wer bin ich und wenn ja, wie viele? München: Goldmann Verlag. 42. Auflage.

Shaw, J. (2016): Das trügerische Gedächtnis. Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht. Frankfurt am Main: Büchergilde Gutenberg.

Von Nitzsch, R. (2002): Entscheidungslehre. Wie Menschen entscheiden und wie sie entscheiden sollten. Aachen: Verlagshaus Mainz. 9. Auflage 2017.