„Schöne neue Welt – Chancen und Risiken der Digitalisierung“

„Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, sprach Jesus von Nazareth am Kreuze und bat Gott damit um Vergebung für die Menschen, die für seinen Tod zumindest mitverantwortlich waren. Die große Einsicht von Jesus bleibt dabei, dass die Menschen fehlerhaft sind und dass sie ohne Vergebung gar nicht mehr zu Rande kommen würden. Die fehlende Perfektion, so sah es Jesus voraus, wird die Menschen aufs Weitere begleiten.

Am 17. November 2017 fand in der Digital Church Aachens im Rahmen der Reihe „Aachen Digital“ die Veranstaltung „Schöne neue Welt – Chancen und Risiken der Digitalisierung“ statt. philou. war vor Ort und berichtet:

Wie können wir uns also eine „schöne neue Welt“ vorstellen? Der Titel der Veranstaltung verweist natürlich auf Aldous Huxleys Roman „Brave New World“, dessen spätere Übersetzung eben den Titel „Schöne Neue Welt“ trug (davor zunächst „Welt – wohin?“ und als Zweites: „Wackere Neue Welt“). Obwohl die Übersetzung des Titels natürlich eine Sinnverschiebung bedeutet, sind beide Elemente, die Tapferkeit und die Schönheit, im Roman vorhanden und ins Absurde getrieben. Worin liegt nun die Tapferkeit und Schönheit in der Welt in Huxleys Roman? Die Menschen dieser Welt sind das Wagnis eingegangen, ihre Gattung biologischer und sozialer Kontrolle zu unterwerfen. Es ist eine schöne Welt, weil sie das Chaos der vielen Menschen überwindet und an Stelle dessen eine Typologie des Menschen setzt. Es gibt nur noch eine Handvoll Menschentypen, die biologisch determiniert sind und in soziale Kasten eingeteilt werden. Sollte doch Unbehagen über die Situation der Menschen aufkommen, hilft das Beruhigungs- und zugleich Aufheiterungsmittel Soma weiter. Die Totalität der Kontrollmechanismen und Symmetrie der Lebensformen sind das Ergebnis der Suche nach vollständiger Sicherheit.

Vor diesem Hintergrund wirkt es seltsam, wenn die schöne neue Welt in der Digital Church bejahend erwartet wird. Seltsam ist auch, dass Henry Fords „Wer immer tut, was er schon kann, bleibt das, was er schon ist“, als Motto des Digital Hubs dem Abend vorangestellt wird; ist es doch auch Ford, der in Huxleys Roman Gott ersetzt, aus seiner weltlichen Bedeutung herausschreitet und zum religiösen Zentrum schlechthin wird. Der Mensch setzt sich an die Stelle des allmächtigen Schöpfers und vergisst, dass es Grenzen der menschlichen Schöpfung gibt, die das spezifisch Menschliche beinhalten; einmal übertreten geht vielleicht etwas verloren, das wir im Nachhinein zu vermissen beginnen: unser Menschsein.

Mit „Chancen und Risiken der Digitalisierung“ war die Veranstaltung, die vor allem zum Netzwerken stattfand, überschrieben. Dabei blieben die Chancen merkwürdig steril und die Risiken relativ klein. Digitalisierung sei vor allem Vernetzung, so Carlo Matic, der in knapp sieben Minuten einen Tag im Jahr 2027 beschrieb. Damit meint er vor allem Vernetzung des privaten Haushalts mit der Arbeitsstelle, dem Wagen (oder denjenigen, die den Wagen fahren), der Kneipe und dem Smartphone. Neben Beiträgen, die vor allem das private Leben vereinfachen sollen: das heißt durch Beschleunigung von Prozessen, die das Leben selbst entschleunigen sollen, oder Etablierung großer Sharing-Communities, die sich in Netzwerken ihren Besitz teilen und damit Geld verdienen können (Airbnb ist noch die einfachste Form dieser Sharing-Community, letztlich sei das Ziel: „Share everything!“), gibt es Wenige, die dem vielbeschworenen Begriff des „Mehrwertes“ der Digitalisierung gerecht werden.

So zum Beispiel der Beitrag von Prof. Harald Schmidt von Medicine Faculty of Maastricht. Er plädiert für den systematischen Einsatz von Big-Data in der Medizin und Pharmazie. Arzneimittel würden oftmals nur Symptome bekämpfen, da Krankheiten hochkomplex sind und eine Vielzahl von Ursachen zugleich haben. Krankheiten seien vielmehr Netzwerke von Ursachen und ihre Symptome geben selten Aufschluss über diese Netzwerke. Die Einführung von Big-Data in die Medizin würde dies ermöglichen. Auch Krankheitsdefinitionen würden sich wandeln. Bluthochdruck, das seinerseits eine Vielzahl von verschiedenen Ursachen haben kann, wäre nicht mehr Bluthochdruck, sondern würde präzise als Krankheit benannt werden können, die dann auch präzise behandelt werden könnte.

Doch was bleibt? Hinter der messianischen Verkündung des digitalen Zeitalters gingen dieser und wenige, andere konstruktive Beiträge unter und es bleibt ein mulmiges Gefühl, dass das „Mitgestalten von Digitalisierung“ in sehr einfachen Begriffen verstanden wird und die Chancen der Digitalisierung nicht über die Einrichtung der eigenen vier Wände und der Gestaltung des privaten Lebens hinaus wahrgenommen werden. Der Einwand könnte natürlich sein, dass Huxleys Dystopie völlig unrealistisch ist. Kürzlich wurde bekanntgegeben, dass in China ein Sozialkredit-System eingeführt werden soll. Die Messung verschiedenster Tätigkeiten der Menschen (Surfverhalten, Kreditkartendaten) soll ermöglichen, ein Lohn- und Strafsystem einzuführen, das gern gesehene Tätigkeiten mit Plus- und ungern gesehene Tätigkeiten mit Minuspunkten entlohnt. Je nach Stand der Kreditpunkt, könnten die Menschen bspw. bessere Chancen auf einen Studienplatz haben.

Trotz dieser bereits radikal gedachten Sozialtechnik scheint die Hoffnung zu bleiben, dass ein naiver Fortschrittsoptimismus jegliches Risiko durch den Fortschritt selbst aufheben kann. Das ist der Begriff von Mitgestalten, der hier hinterlegt ist.

 

Beitragsbild: Photo by Andy Kelly on Unsplash