„Was wäre, wenn…?“ – Das Spiel mit der Zeit

 

Was wäre, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte?

Was wäre, wenn wir uns nie begegnet wären?

Was wäre, wenn ich versagen würde?

 

Als Menschen verfallen wir immer wieder dem Hang, erlebte Ereignisse – mögen sie auch weit in der Vergangenheit zurück liegen – im Kopf Revue passieren zu lassen und dabei gewisse Einzelheiten zu verändern. Seien es Handlungen, die getätigt wurden oder auch nicht. Worte, die gesagt wurden oder verschwiegen wurden. Situationen, in denen man genau zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort war oder diesen nur knapp verfehlt hat. Getroffene Entscheidungen werden hinterfragt, unangenehme Situationen werden reflektiert. Über Zufall und Schicksal wird philosophiert.

Dieses Phänomen wird von Psychologen auch als kontrafaktisches Denken bezeichnet. Es kann als Gedankengang verstanden werden, der vergangene oder anstehende Ereignisse durchspielt, abwandelt und sich fiktive Szenarien dazu ausmalt. Letztendlich zerbrechen wir uns den Kopf über Dinge, die eben nicht geschehen sind und über Entscheidungen, Handlungen, Worte, auf die wir schon lange keinen Einfluss mehr nehmen können oder deren Wahrscheinlichkeit, dass sie auftreten, extrem gering ist.

Trotzdem ertappen wir uns immer und immer wieder beim Grübeln über alternative Szenarien – überwiegend unbewusst und meist nicht während brenzliger Situationen, sondern eher bevor diese eingetroffen sind oder nachdem sie stattgefunden haben. Quasi dann, wenn wir noch nichts bzw. nichts mehr an der Situation verändern können.

Aber woher kommt diese Faszination? Wieso reizt es den Menschen, mit dem Verlauf der Zeit zu spielen und die Vergangenheit so abzuwandeln, dass sich die Gegenwart und Zukunft maßgeblich verändern? Warum denkt sich der Mensch Szenarien aus, wie die Welt zwar nicht ist, aber doch sein könnte? Was ist der Reiz des Fiktiven, des Alternativen?

Die nächstliegende Erklärung dafür wäre, dass kontrafaktisches Denken eine Flucht an einen besseren Ort bietet. Einen Ort, an dem man immer die richtigen Entscheidungen trifft, wo man diese Person sein kann, die man schon immer sein wollte, wo sozusagen alles möglich ist. Diese Art des kontrafaktischen Denkens kommt dem Fantasieren und Träumen gleich, denn die Vorstellungskraft ist unerschöpflich.

Neben dieser Erklärung, bestätigen Psychologen, dass „Was wäre, wenn…“ – Fragen als persönlicher Erkenntnisgewinn dienen können. Die Auseinandersetzung mit Hypothesen dieser Art kann zum einen helfen, mit dem Vergangenen abzuschließen und zum anderen für zukünftiges Handeln behilflich sein.

Das Abwandeln von erlebten Szenarien kann auf zwei Weisen erfolgen: Es kann beispielsweise über besser verlaufende Alternativsituationen, aber auch schlimmer verlaufende Szenarien spekuliert werden. Dementsprechend können die beiden Gedankenvorgänge unterschiedliche Gefühle oder Reaktionen hervorrufen. Während das Ersinnen von positiveren Verläufen Befangenheit und Schuldgefühle hervorrufen kann, sorgt das Nachdenken über negativere Verläufe für Erleichterung.

Kontrafaktisches Denken ist also nicht nur ein kognitives sondern auch ein emotionales Phänomen. Diese Emotionen können bei Wiederholung eines erlebten Szenarios belehrend wirken. Hätte es in der Vergangenheit beispielsweise eine Situation gegeben, bei der man früher hätte handeln sollen, es aber nicht gemacht hat und sich im Nachhinein mit der Frage „Was wäre, wenn ich nur früher darauf reagiert hätte?“, plagt, würde man bei einer vergleichbaren Situation in der Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit früher handeln.

In der Regel sind es im Alltag Banalitäten, die zu alternativen Gedankengängen verleiten. Meistens bleibt die Beschaffenheit unserer alltäglichen Lebenswelt dabei erhalten und nur einzelne Ereignisverläufe werden umgeschrieben, doch letztendlich haben „Was wäre, wenn…?“ – Szenarien keine Grenzen, alles ist vorstellbar.

Dabei ist diese Art des Fantasierens nicht nur ein alltägliches Phänomen, sondern auch in verschiedenen Wissenschaften eine Anregung für Gedankenexperimente.

 

So werden in den Naturwissenschaften durch „Was wäre, wenn…?“- Szenarien auf theoretische Weise Fragen zu lösen versucht, die in der Praxis nur schwer und meistens mit kostspieligem Aufwand umzusetzen wären. Erst 2014 veröffentlichte der Physiker Randall Munroe sein Buch „What if? Was wäre wenn?“, in dem er anhand Strichmännchen und exakter Berechnungen bizarre  und absurde hypothetische Fragen beantwortet. Von der Wahrscheinlichkeit, seinen Seelenverwandten unter 7,47 Milliarden Menschen zu finden, bis hin zu der Frage, ob sich der Mond verfärben würde, wenn alle Menschen auf der Erde zeitgleich einen Laserpointer auf ihn richten würden.

Zudem fasziniert schon seit mehreren Jahrzehnten alternative Geschichtsschreibung Historiker,  Sozialwissenschaftler und Philosophen, die mit hypothetischen Fragen abgewandelte Verläufe der Weltgeschichte, sogenannte kontrafaktische Geschichte, erforschen. Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts wächst die Anzahl an Alternativgeschichtsromanen stetig an, denn unzählige Autoren sind dem Reiz verfallen, ihrem Hang zur Spekulation nachzugehen.

Schließlich ist die Frage des „Was wäre, wenn…?“ die Grundvoraussetzung für Fiktion. Es ist beeindruckend zu sehen, welche Parallelen es zwischen dem Schreibprozess eines Autors und der universellen Kunst, das Leben durch „Was wäre, wenn…?“ – Möglichkeiten abzuwägen, gibt.

Eines der bekanntesten Beispiele dystopischer Alternativweltgeschichten ist Philip K. Dicks Roman „Das Orakel vom Berge“, besser bekannt unter seinem Originaltitel „The Man in the High Castle“, zu dem es seit 2015 auch eine gleichnamige Fernsehserie gibt.

Der Roman handelt von einem alternativen Verlauf des 2. Weltkriegs, bei dem das Dritte Reich und Japan gesiegt haben und die USA in zwei Zonen unter sich aufgeteilt haben. Der Autor Dick schlängelt sich hier an der Weltgeschichte entlang und führt anhand von Rückblenden der Figuren und dem fiktiven Buch „Die Plage der Heuschrecke“ auf, wie anders sich die Geschichte hätte entwickeln können, wenn nur ein Teil der Ereignisse einen anderen Verlauf genommen hätte.

Alternativweltgeschichte hört nicht auf, Menschen zu faszinieren. Das erklärt, weshalb Bücher, Filme und Serien mit dieser Thematik schon seit jeher ein großes Publikum mitreißen.

Kontrafaktisches Denken ist ein dem Menschen verinnerlichtes Spiel mit der Zeit. Es ist nahezu unmöglich, nicht mit seinen Gedanken in Alternativszenarien abzuschweifen. Doch ist es nicht selbstironisch, dass die Beschäftigung mit der Zeit, dass das Spekulieren über Vergangenheit und Zukunft, kostbare Zeit der Gegenwart raubt?

Das Nachdenken über „Was wäre, wenn…?“ – Szenarien mag für die verschiedenen Wissenschaften und insbesondere für die Literaturlandschaft von enormer Bedeutung sein und auch für den Seelenfrieden kann das Abwägen von Möglichkeiten von Nutzen sein. Doch ist das ewige Kopfzerbrechen wirklich nötig? Man lebt sein Leben schließlich nicht nach Plan und kann gewisse Ereignisse nicht verhindern, egal wie lange und exzessiv man sich darüber Gedanken macht.

Was wäre also, wenn wir weniger in „was wäre, wenn…?“ denken?

 

Literaturempfehlungen

De Brigard, F. (2016): Kontrafaktisches Denken. Indem wir uns ausmalen, wie die Vergangenheit anders hätte verlaufen können, planen wir bereits die Zukunft. In: Spektrum  der Wissenschaft: Gehirn & Geist. 2016/04. S. 18-22.

Dick, P. K. (1962): Das Orakel vom Berge. Frankfurt am Main: Fischer. 2017.

Munroe, R. (2014): What if? Serious Scientific Answers to Absurd Hypothetical Questions. London: John Murray.

 

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