Wie lange dauert ein Moment? – Versuch über eine musikalische Messung der Zeit

 

 „Wie aber kann ich das wissen, wenn ich doch nicht weiß, was Zeit ist? oder weiß ich vielleicht bloß nicht, wie ich das, was ich weiß, aussprechen soll?“ (Augustinus 1982: 323)

 

Wir sprechen ständig von Zeit, obwohl wir eigentlich nur erahnen können, was es heißt, bewusst Zeit zu erleben. Man denke nur an Sprichwörter wie „Die Zeit heilt alle Wunden“, „Alles zu seiner Zeit“ oder auch „Auf Zeit spielen“. Es ist leicht erkennbar, dass wir diese Metaphern brauchen, um den anscheinend nicht eindeutig fixierbaren und objektlosen Zustand des Zeit-Vergehens sprachlich zu erfassen. Die sprachliche Analyse des Phänomens Zeit soll jedoch nicht das Thema dieses Textes sein.

Sowohl Fragen über einen möglichen Anfang als auch ein Ende der Zeit bieten sogar noch gegenwärtig ein enormes Forschungs- und Spekulationspotenzial für Naturwissenschaftler, Philosophen, Theologen et cetera. Einen Überblick über die Geschichte der Zeit oder die verschiedenen wissenschaftlichen Strömungen zu geben, wäre zwar sehr interessant, aber wohl viel zu umfangreich für unser jetziges Anliegen.

Vielmehr wollen wir uns auf das Phänomen des Hörens konzentrieren, um die objektive Grenze von sinnlicher Zeitwahrnehmung zu markieren und in diesem Zusammenhang subjektive Zeitwahrnehmung erklärbar zu machen.

Zu Beginn wollen wir uns zunächst mit den Grundlagen des Zeiterlebens und des zeitlichen Erlebens, also dem Phänomen der Zeit selbst, auseinandersetzen. Wir werden uns dementsprechend im Folgenden um einen philosophischen Einblick in das Thema Zeit bemühen. Durch diesen Einblick wird erkennbar, dass eine enorme Ähnlichkeit mit dem Thema des Musikerlebens vorliegt. Kulturübergreifend beschäftigt sich auch fast jede Art von Religion, Mystizismus oder anderer spiritueller Bewegung mit Zeit und hat eigenartige Auffassungen von vergangener, gegenwärtiger oder zukünftiger Zeit. In den Offenbarungsreligionen ist der Anfang der Zeit meistens durch den Schöpfungsmythos an die Erschaffung der Welt und das Ende der Zeit an Jenseitsvorstellungen geknüpft. Dazwischen befinden wir uns, genauer: Jede von uns vollzogene Entscheidung oder Handlung, die wir bewusst als Kontinuum – also lineares zeitliches Nacheinander – wahrnehmen.

 

Denn was ist Zeit?

Augustinus von Hippo auch bekannt als Aurelius Augustinus, ein römischer Philosoph und einer der vier lateinischen Kirchenlehrer der Spätantike, entwickelte eine Theorie der Zeit, die in Analogie zu gegenwärtigen Vorstellungen von subjektiver Zeit gesehen werden kann. Das in den Bekenntnissen vorgefundene göttliche Pathos ist einerseits auffällig, aber andererseits für den bereits markierten historischen Kontext nicht ungewöhnlich. Wir können also festhalten: Sein Ausgangspunkt ist „Gott und die Schöpfung“.

In Augustinus‘ Gedanken über Zeit wird deutlich, dass er Zeitlichkeit als etwas der Ewigkeit Entgegengesetztes versteht (vgl. Augustinus 1982: 312). Ewigkeit kann in diesem Zusammenhang wie ein nie vergangener Augenblick charakterisiert werden. Zeitliche Wahrnehmung ist für ihn nur mit Bezug zur Gegenwart denkbar. Da Augustinus sich im Verlauf seiner Überlegungen öfter die Frage stellt, inwiefern es überhaupt möglich ist, von etwas zu sprechen, dass entweder nicht mehr oder noch nicht existiert, offenbart er dadurch kurzerhand eine seiner Kernthesen: Gegenwart ist ein ambivalenter Modus des Seins – ein paradox anmutender Zustand; anscheinend ist es nur möglich, Zeit in der Gegenwart zu denken, aber gleichzeitig würde die konsequente Aufteilung der kleinsten denkbaren Zeiteinheit (Augenblick) dazu führen, dass es gar keine Gegenwart mehr geben könnte. Augustinus schreibt:

„Könnte man sich einen Zeitabschnitt denken, der in keine auch noch so winzige Augenblicksteilchen zerlegt werden könnte, so würde er allein es sein, den man gegenwärtig nennen könnte. Doch der fliegt so reißend schnell aus der Zukunft hinüber in die Vergangenheit, daß er sich nicht zur Dauer ausdehnen kann. Denn wäre da eine Ausdehnung, müßte sie wiederum in Vergangenheit und Zukunft geteilt werden. Für die Gegenwart aber bliebe kein Raum.“ (Augustinus 1982: 314).

 

Wie wir Zeit wahrnehmen

Die erste Bedingung für abstrakte Zeitwahrnehmung sei die menschliche Fähigkeit zur Introspektion (Selbstbeobachtung). Ohne sie könne einerseits Vergangenes nicht vom Gegenwärtigen unterscheiden werden und unsere Handlungen wären wohl so affektgesteuert wie die von Tieren. Andererseits hätte jeder einzelne Mensch auch keine Möglichkeit, gewisse Erfahrungswerte auf die Zukunft zu übertragen, da es ihnen an entsprechender Vorstellungskraft fehlen würde. (vgl. Augustinus 1982: 316f.)

Aber was nehmen wir eigentlich wahr? Den Ausführungen Augustinus‘ folgend, kann weder Vergangenheit noch Zukunft außerhalb unseres Geistes gedacht werden. Allerdings unterscheidet er drei Gegenwarten voneinander: Die „Gegenwart des Vergangenen ist die Erinnerung, Gegenwart des Gegenwärtigen die Anschauung, Gegenwart des Zukünftigen die Erwartung.“ (Augustinus 1982: 318) Die Anschauung ist wohl die einprägsamste und konkreteste Form der zeitlichen Wahrnehmung, da sie augenblicklich auf uns einwirkt, wir sie mental verarbeiten und unser Handeln auf sie anpassen. Wenn aber eine Erinnerung stattfindet, greifen wir nur mittelbar auf die Vergangenheit zurück, da die unmittelbar wahrnehmbare Gegenwart schon vergangen ist. Betrachteten wir beispielsweise einen fallenden Gegenstand wie einen Apfel, dann fällt er während des Akts der Erinnerung real kein zweites Mal, sondern der Geist rekonstruiert lediglich diese Erfahrung. Die Beschreibung der Erwartung (des Zukünftigen) funktioniert in ähnlicher Weise (vgl. Augustinus 1982: 317). Ein Beispiel: Es ziehen Wolken auf, dann regnet es. Mein Verstand erkennt die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung augenblicklich, da er vergleichbare Ereignisse schon oft wahrgenommen hat und stellt mir diesen Erfahrungswert zur Verfügung. Das heißt nicht, dass die Erwartung gegenwärtig existiert oder zukünftig eintreten muss. Es geht dabei weder um ein Urteil über die inhaltliche Korrektheit der drei Formen noch um scharfe Definitionen im genuin philosophischen Sinne, sondern um die gleichzeitig stattfindenden verschiedenen geistigen Operationen, die der Mensch intuitiv in und mit der Zeit ausführt. Im Folgenden wollen wir daher die oberen Erläuterungen zusammenfassend als Triade der geistigen Zeitlichkeit bezeichnen. Augustinus schreibt:

„Nur so, daß der Geist, in dem dies vorgeht, ein Dreifaches tut. Er erwartet, merkt auf und erinnert sich. Die Erwartung des Zukünftigen geht durch Aufmerken auf das Gegenwärtige hindurch in die Erinnerung an das Vergangene über.“ (Augustinus 1984: 328)

 

Die Augustinus’sche Triade soll nun in Beziehung zur zeitlichen Messbarkeit einzelner Phänomene gesetzt werden. Darauf aufbauend soll auf die Konstitution musikalischen Erlebnissen verwiesen werden, um die Grenzen des Wahrnehmbaren anhand des kleinstmöglichen sinnvoll verstehbaren Abstandes zwischen einzelnen Noten anzunähern. Augustinus betitelt die Zeitmessung als „Man mißt Zeit im Vorübergehen“ (Augustinus 1982: 315). Demnach müssen Menschen lediglich ein Anfang und Ende eines zeitlich ausgedehnten Vorkommnisses verorten können, um dieses als Einheit wahrzunehmen. (vgl. ebd.) Analog dazu verhält sich die Wahrnehmung musikalischer Phänomene:

„Denn wir messen den Zwischenraum von einem Anbeginn bis zu einem Ende: Daher kann man einen Ton, der noch nicht verhallt ist, auch nicht messen und sagen, wie lang oder kurz er währe, sagen, er sei einem andern gleich oder währe doppelt so lang als er, oder wie es sonst sein mag.“ (Augustinus 1984: 326)

 

Wie wir Musik wahrnehmen

Für die weiterführenden Überlegen sind nun folgende Fragen von zentraler Bedeutung: Welche Eigenschaft müssen musikalische Phänomene (Töne oder Rhythmen) haben, damit wir sie als Einheit wahrnehmen und folglich verstehen können? Wann können wir sie nicht mehr sinnvoll einordnen? Und welche Zeiträume (Einheiten) stehen uns zur Verfügung, um vorübergehende Zeit zu messen? Wo sind die Grenzen des sinnvoll Wahrnehmbaren? Und darauf aufbauend: Wie lange dauert ein sinnvoll interpretierbarer Augenblick? Wir wollen uns diesen Fragen nähern, indem wir die Grenzen der menschlichen Musikalität markieren und der Konstitution sinnvoll wahrnehmbarer musikalischer Werke nachgehen.

Tabelle 1 basiert auf Westergaards Illustrationen des Spektrums sinnvoller Tempo-Strukturen aus seinem musiktheoretischen Werk „An Introduction to Tonal Theory“, welche skaliert sind in: „zu langsam, um sinnvoll zu sein“, „sehr langsam“, „mittelmäßig langsam“, „mittelmäßig“, „mittelmäßig schnell“, „sehr schnell“ und „zu schnell, um sinnvoll zu sein“ (Westergaard 1975: 274). Beats per minute repräsentiert dabei die Anzahl der gespielten musikalischen Einheiten pro Minute, während das „Interonset-Intervall“ die Zeit zwischen einzelnen rhythmischen Stimuli bezeichnet.

Wir möchten zunächst das französische Kinderlied „Frère Jacques“ als Beispiel für eine rhythmische Struktur anbringen, wobei die einzelnen Notenwerte des Stückes jeweils ein Viertel betragen. Bachs Goldberg-Variationen dienen hier als weiterführendes Beispiel für eine rhythmische Struktur, bei der die Notenwerte der jeweiligen Noten in Sechzehntel unterteilt ist. Entscheidend ist hier, dass die Sechzehntelnoten bei Bach ein kleineres Interonset-Intervall, als die Viertelnoten bei Frère Jacques haben. Es werden hier vier gruppierte Sechzehntelnoten in Viertel-Impulsen nacheinander gespielt.

 

Die Grenzen unserer Wahrnehmung

Thaddeus L. Bolten hat in seinem Werk „Rhythmus“ dargelegt, dass das schnellste Interonset-Intervall, was durch Menschen noch als sinnvoll gruppierte Rhythmen interpretiert werden kann, bei ca. 100 Millisekunden, der sogenannten Ordnungsschwelle, liegt (vgl. Bolton 1894: 216).

Dieser Aspekt ist deshalb so wertvoll, weil durch unsere Fähigkeit, einzelne Rhythmen als einen in einen Kontext eingebundenen Rhythmus wahrzunehmen, diese einzelnen Rhythmen erst an Bedeutung gewinnen. Analog verhält es sich mit unserer Zeitwahrnehmung: Kleinere Zeiteinheiten (Momente) verleihen der gesamten wahrgenommenen Lebensspanne Bedeutung. Weiterhin könnte man behaupten, dass ein als sinnvoll wahrgenommener (also interpretierbarer) Moment ebenfalls bei 100 Millisekunden liegt. Dies kann als die allgemein anerkannte Schwelle bedeutungsvollen Hörens angesehen werden (Parncutt 1994: 409-464). Innerhalb des Artikels von Parncutt wird zudem unterschieden zwischen „Rhythmus Wahrnehmung“ und „interne Uhr“. Diese Unterscheidung wird an folgendem Beispiel deutlich gemacht: Als Rezipient einer Musik-Darstellung, beispielsweise als Teilnehmer eines klassischen Konzerts, erleben wir als Publikum primär im Modus der Sechzehntelnoten bezüglich unserer Rhythmus-Wahrnehmung. Aber es sind die darstellenden Musiker, welche die gespielten Sechzehntelnoten im Modus der Viertelnoten fühlen, welches ein langsameres Interonset-Intervall aufweist. Es sollte dargelegt werden, dass Menschen eine unterschiedliche subjektive Wahrnehmung desselben Ereignisses haben, ihre interne Uhr also differenzierte Geschwindigkeiten aufweist. Die Frage lautet hier: Bei welcher Geschwindigkeit kann also unsere interne Uhr nicht mehr verstehen, was musikalisch vor sich geht? Bei jeder Tonfolge, bei der über 240 beats per minute gespielt werden, kann unser Gehirn nicht mehr unterscheiden, ob die gespielten Elemente kürzer oder schneller werden (s. Tabelle 1). Musik hört sich bei dieser Geschwindigkeit so an, als würden die Noten verwischen, als dass sie einen zusammenhängenden rhythmischen Sinn ergeben würden. In einer Zusammenstellung von Noten bei einem Interonset-Intervall von 50 Millisekunden oder schneller ist die sogenannte Fusionsschwelle erreicht. Wir sind überhaupt nicht mehr in der Lage, Rhythmen wahrzunehmen, wir erleben solche Notenfolgen als eine Note auf konstanter Tonhöhe, die sich bei noch schneller werdender Geschwindigkeit entsprechend erhöht (s.u. Abbildung 1).

 

 

Je größer die Anzahl der Millisekunden, desto höher sind die wahrgenommene Tonhöhe. 50 Millisekunden ist somit die Schwelle, bevor hörbar Wahrgenommenes in eine ununterscheidbare steigende Tonhöhe transzendiert. Die Grenzen unserer sinnlichen Wahrnehmung wären damit abgesteckt.

 

Synthese

Wir können also zusammenfassend konstatieren, dass der Verstand eines jeden Individuums zeitliche Wahrnehmung erst ermöglicht. Dies ist einerseits durch die initial angeführte Triade der geistigen Zeitlichkeit und die zuletzt angebrachten Grenzen sinnvollen Wahrnehmens bedingt. Die Zeitwahrnehmung hat, wie durch die obige Skizze anhand der Abstände zwischen Noten illustriert, eine Minimalgrenze. Einerseits kann erst dann in einen sinnvollen Anfang und ein sinnvolles Ende differenziert werden, sofern dieser Abstand 100 Millisekunden nicht unterschreitet. Hingegen können wir bei 50 Millisekunden gar keine Unterscheidung bezüglich der Dauer eines Moments mehr machen. Die Grenze ist absolut oder auch objektiv. Andererseits verdeutlichen gleichzeitig verschiedene Interonset-Intervalle von Musikern und Rezipienten, dass subjektive Zeitwahrnehmung sich trotz denselben musikalischen Ereignissen voneinander unterscheiden kann.

Die Wahrnehmung von Notenfolgen ist nur ein Beispiel und speist sich primär aus dem Gehör. Da das Gehirn die Realität aus verschiedenen Sinneswahrnehmungen konstruiert, kann dem folgend im Zusammenspiel aller Sinne die subjektive Zeitwahrnehmung variieren, nicht aber die oben genannte, objektive Minimalgrenze. In diesem Modus wird Zeit wahrgenommen, womit die anfänglich aufgestellte Frage nach der subjektiven und objektiven Zeitwahrnehmung präzise beantwortet wäre.

 

Quellen

Augustinus, A. (1982): Bekenntnisse. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.

Bolton, T. L. (1894): Rhythm. In: The American Journal of Psychology. 6. Jg. 1894/2. S. 145-238.

Parncutt, R. (1994): A Perceptual Model of Pulse Salience and Metrical Accent in Musical Rhythms. Music Perception 11. Jg. 1994/4. S. 409-464.

Ungan, P.; Yagcioglu, S. (2014): Significant variations in Weber fraction for changes in inter-onset interval of a click train over the range of intervals between 5 and 300 ms. In: Frontiers in Psychology. 5. Jg. 2014/1453. S. 1-9.

Westergaard, P. (1975): An Introduction to Tonal Theory. Norton: Scranton, Pennsylvania.

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