Harry Potter und der Populismus der Joschka-Elefanten – Wie Bücher und Kassetten unser politisches Denken beeinflussen

 

Es ist immer wieder interessant, wie die Zeit die Sichtweise auf Dinge verändert. Im Glauben, neue Dinge zu erleben, bemerken wir häufig nicht, dass wir Altbekanntes nur mit anderen Augen sehen.

In der aktuellen Diskussion über die Lage der Gesellschaft wird immer wieder von – vermeintlich – neuen Herausforderungen gesprochen: Wutbürger, Populismus oder eine Bedrohung der Freiheit von Bildung und Forschung durch Eingriffe von autoritären Staatssystemen. Dabei sind diese Phänomene keine Seltenheit. Tatsächlich kennen die meisten von uns sie bereits seit ihrer Kindheit.

Schon im Kindergarten oder der Grundschule sind viele von uns mit Wutbürgern und Populisten in Kontakt gekommen:

Ein „Wutbürger“ wird häufig als ein „aus Enttäuschung über bestimmte politische Entscheidungen sehr heftig öffentlich protestierender und demonstrierender Bürger“ definiert, der nicht zuletzt durch Umweltschutzbedenken und einer, vonseiten der Politik erklärten, „Alternativlosigkeit“ motiviert wird (Kraushaar 2011: 5ff.).

Enttäuschte Bürger, die sich heftig protestierend und durch zivilen Ungehorsam dafür einsetzen, diese „alternativlose“ Politik zu verhindern und damit die Umwelt zu schützen. Kommt das bekannt vor? Wie wäre es zum Beispiel mit dem Hörspiel „Benjamin Blümchen auf dem Baum“ von 1980, in dem Benjamin einen Baum besetzt, um zu verhindern, dass dieser für eine neue Hauptstraße gefällt wird. Oder etwa mit „Benjamin Blümchen als Förster“, von 1996, in dem der Bürgermeister die neue Umgehungsstraße durch einen Wald bauen will, da entlang der alternativen Route um den Wald herum sein Ferienhaus steht. Solche und ähnliche Themen können in vielen Folgen von Benjamin Blümchen gefunden werden. In der Regel haben die Politik und die reiche Elite, verkörpert durch den inkompetenten und korrupten Bürgermeister Bruno Dafke und den Baron von Zwiebelschreck, bei einem Vorhaben nur das Eigeninteresse im Sinn, welches Benjamin, seine Freunde und Karla Kolumna, „die rasende Reporterin“ als Vertreterin der Presse, dann verhindern. Dies gelingt meist mit einer Mischung von Demonstrationen, investigativem Journalismus und einer Prise zivilen Ungehorsams. Die Erfinderin von Benjamin Blümchen, Elfie Donnelly, hat 2012 in einem Interview gesagt, dass Benjamin in den 1970er Jahren eine kindgerechte Version der ersten Umweltaktivisten war. Oder wie sie es formulierte: „Joschka Fischer hatte also gewissermaßen die Stoßzähne von Benjamin Blümchen. Das, was der Elefant nicht gelebt hat.“ (Freund 2012) Ein Elefanten-Joschka, korrupte Politiker und Sitzblockaden in unseren Kinderzimmern? Ja, und es ist, im Nachhinein betrachtet, kein Einzelfall.

 

Nicht nur der Wutbürger, sondern auch der Populismus ist uns bereits in unserer Kindheit begegnet: Bei genauerer Betrachtung ist dieser zum Beispiel im vielfach ausgezeichneten Film „Der König der Löwen“ von 1994 zu erkennen. Der von Don Hahn produzierte Film erhielt nicht nur den „Academy Award“ für die beste Filmmusik (produziert von Hans Zimmer), sondern auch den für den besten Song („Can You Feel the Love Tonight“, dt.: „Kann es wirklich Liebe sein?“). Der Populismus findet sich jedoch in einem ganz anderen Lied:

In „Seid Bereit“ verspricht Scar, der Onkel und wichtigster Gegenspieler des Hauptdarstellers Simba, seinen Helfern, den Hyänen, dass sie „nie wieder Hunger leiden“ müssten. Er spricht von einer „Goldenen Ära“, der „Zeit ihres Lebens“ und davon, dass endlich das Recht triumphieren müsse. Er verstärkt damit die Wahrnehmung der Hyänen, dass die bloße Existenz der Löwen (der Elite) der Grund für ihre schlechte Lage ist. Hingegen präsentiert sich Scar, der seit seiner Geburt zu eben dieser Elite gehört, als sei er einer von ihnen, „ein Kumpel“. Er entspricht also einer Art Leitfigur, welche auf Augenhöhe mit den Hyänen (dem Volk), steht und sein Charisma durch das Teilen von Sorgen und Ängsten bezieht (Priester 2007: 31f).

Auf die Reaktion der Hyänen („Tolle Idee! Wer braucht schon ’nen König? Niemand! Niemand! La-La-La-La-Laa-Laa!“) antwortet er jedoch entschieden, dass es ihm nicht darum ginge, die Position des Königs abzuschaffen, sondern selbst der neue König (das Oberhaupt der Elite) zu werden.

Die Hörspiele und Zeichentrickfilme der Kindheit wurden nach und nach mit Jugendromanen ergänzt. Gerade die „Harry Potter“-Romane, die von 1997 bis 2007 erschienen sind, haben bis heute einen großen Einfluss auf die Popkultur. So lassen sich unter Anderem diverse Memes mit „Harry Potter“-Bezug finden. Gerade im Rahmen des „March for Science“, der am 22. April 2017 an über 500 Orten weltweit stattfand, erfreuten sich verschiedene Versionen von „Trumbridge“- Memes im Internet. Die Demonstranten forderten eine von staatlichen Einflüssen weitgehend freie Bildung und Forschung, da ansonsten ein ungehinderter Austausch von Meinungen und Forschungsergebnissen nicht stattfinden kann. Doch wie hat sich Dolores Umbridge ihren Teil der Aufmerksamkeit verdient?

Im Band „Harry Potter und der Orden des Phönix“ bekommt Hogwarts, die, allem Anschein nach einzige Bildungseinrichtung für Hexerei und Zauberei in England, mit Dolores Umbridge eine staatliche „Grossinquisitorin“ [sic!] (Rowling 2003: 361) vorgesetzt. Diese kündigt an, den „Fortschritt um des Fortschritts willen“ zu beenden, da die „erprobten und bewährten Traditionen nicht des Herumstümperns [bedürfen]“ und somit eine „Ära der Offenheit, der Effizienz und der Verantwortlichkeit“ einzuläuten (Rowling 2003: 251ff.). Ihr Ziel will sie dadurch erreichen, dass sie die Unterrichte der einzelnen Lehrenden inspiziert und den nicht genehmen oder linientreuen ein Berufsverbot erteilt. Auch Schüler, die eine Zeitung lesen, welche nicht regierungskonform berichtet, würden der Schule verwiesen werden. Dies setzt sie durch Erlässe und mithilfe eines Heeres von Spitzeln durch, welche ihre Mitschüler ausspionieren und denunzieren. Die nicht-konformern Schüler sind gezwungen,  die Teile des Schulunterrichts, die vom Zaubereiministerium als gefährlich angesehen werden, im Geheimen abzuhalten. In Hogwarts ist zu diesem Zeitpunkt also nicht mehr die Rede von freier Lehre, sondern die Schule befindet sich eher im Zustand eines Polizeistaates. Im Vergleich zu diesem Kinderbuch erscheinen die Anliegen der Protestierenden des „March for Science“ also beinahe lapidar.

Haben wir in unserer Kindheit tatsächlich für das Leben gelernt? Offenbar schon, denn Themen wie Wutbürger, Populismus und die Freiheit von Bildung und Forschung, die damals wie heute politische und gesellschaftliche Relevanz haben, begleiten uns seit Kindertagen. Wir kamen mit solchen Geschichten früher in Kontakt und haben gelernt, andere Perspektiven leichter einzunehmen. Im alltäglichen Leben erinnern wir uns zwar nicht immer an die Helden unserer Kindheit, aber letztlich begleiten sie uns in unserem politischen Denken. Manchmal muss einfach etwas Zeit vergehen, um ihren Einfluss wertzuschätzen. Eigentlich bleibt jetzt nur noch eins zu tun: Die alten Kassetten, Filme und Bücher wieder herauszukramen und uns auf die Zukunft vorzubereiten.

 

Quellen

Freund, W. (2012): Warum Benjamin Blümchen der erste Grüne war. In: Die Welt. 19.11.2012. Online verfügbar unter: https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article111260075/Warum-Benjamin-Bluemchen-der-erste-Gruene-war.html [Zugriff: 08.05.2017].

Kraushaar, W. (2011): Protest der Privilegierten? Oder: Was ist wirklich neu an den Demonstrationen gegen >>Stuttgart 21<<? In: Mittelweg 36 3/2011. S. 5-22.

Priester, K. (2007): Populismus. Historische und aktuelle Erscheinungsformen. Frankfurt am Main: Campus Verlag.

Rowling, J. K. (2003): Harry Potter und der Orden des Phönix. Hamburg: Carlsen Verlag.

 

Der König der Löwen. Regie: Roger Allers, Rob Minkoff. Drehbuch: Irene Mecchi et al. USA: Walt-Disney-Studios, 1994.

 

Empfehlung

Emde, O. et al. (Hrsg.) (2016): Von „Bibi Blocksberg“ bis „TKKG“. Kinderhörspiele aus gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Perspektive. Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.