Momo und die innere Uhr – Zeit als individuelle Ressource  

 

 

„Die Zeiten ändern sich eben“ (Ende 1973: 85): Vor allem in den letzten beiden Jahrzehnten haben sich ebenjene Zeiten – und mit ihnen auch die Gesellschaft – so stark verändert wie selten zuvor. Gründe für diese Entwicklungen werden vermutlich größtenteils in der Technisierung und der daraus folgenden Digitalisierung verortet. Der Zeitbegriff ist an dieser Stelle durchaus ambivalent. Auf der einen Seite steht die Zeit, im Sinne einer Epoche, für die gesellschaftlichen und technologischen Umstände zu einem Zeitpunkt. Andererseits ist Zeit eine an einzelne Personen gebundene Währung. Inwiefern sich der Gebrauch der Zeit als individuelle Ressource auf die Gegenwart und Zukunft auswirkt, veranschaulicht Michael Ende in seinem 1973 erschienenen Roman „Momo“.

In der Geschichte kämpft das Mädchen Momo gegen die geisterhaften grauen Herren, „Angestellte“ der Zeit-Spar-Kasse, welche die von der Bevölkerung „eingesparte“ Zeit zur Sicherung der eigenen Existenz missbrauchen. Die Zeit wird im Roman als Stundenblume dargestellt, welche von den grauen Herren zu Zigarren verarbeitet und konsumiert werden. Das beschauliche Städtchen wird in einen Hort des Kapitalismus verwandelt, bis es Momo mit Hilfe von Meister Hora, dem Hüter der Zeit, gelingt, die grauen Herren zu überlisten und den Menschen die gestohlene Zeit zurückzugeben.

Die Zeit wird in Form der Blume als etwas Wertvolles, Schönes aber gleichzeitig auch Fragiles und Vergängliches dargestellt. Auch wird die Zeit mit dem Individuum verknüpft, sie „sollte mit dem Herzen wahrgenommen [werden]“, denn wenn dieses aufhört zu schlagen „hört auch die Zeit für [den Menschen] auf“ (Ende 1973: 159). Dasein und Zeitlichkeit bedingen sich also gegenseitig und sind, aufgrund der menschlichen Sterblichkeit, vergänglich. Das zyklische Aufblühen und Verwelken der Blume steht für ebendiese Vergänglichkeit der eigenen Lebenszeit; „die wirkliche Zeit ist eben nicht nach der Uhr und dem Kalender zu messen“ (Ende 1973: 214).

Diese Konzeption macht aus der Zeit eine sehr wertvolle Ressource, mit der verantwortungsvoll umgegangen werden sollte. Zur Veranschaulichung baut Michael Ende in „Momo“ einen entsprechenden Kontrast zwischen einer beschaulichen und einer kapitalistischen Lebensweise auf. Die Protagonistin Momo lebt ein sehr bescheidenes Leben, materieller Reichtum ist ihr fremd – „Zeit war ja das einzige, woran [sie] reich war“ (Ende 1973: 17) – und diese Zeit verbringt sie bevorzugt mit ihren Mitmenschen und Freunden. Durch die Verwendung des Adjektivs „reich“ akzentuiert Michael Ende bereits am Anfang des Romans, dass Zeit eine durchaus kostbare Ressource ist. Den Gegenentwurf zu Momos Lebensweise konstruieren die grauen Herren.

„Das einzige […] worauf es im Leben ankommt, ist, daß man es zu etwas bringt, daß man was wird, daß man was hat. Wer es weiter bringt, wer mehr wird und mehr hat als die anderen, dem fällt alles übrige ganz von selbst zu: Freundschaft, Liebe, Ehre und so weiter.“ (Ende 1973: 94)

Eine effiziente Nutzung der eigenen Zeit zur Anhäufung materieller Besitztümer steht im Vordergrund. Das Ziel – Freundschaft und Liebe – ist zwar das gleiche, im Roman kann dieses jedoch nicht durch die Einsparung von Zeit erreicht werden. Derartiges Effizienzdenken führt naturgemäß zu Kosten von Spaß und Liebe. Darüber hinaus gelten sogar soziale Kontakte zur alternden Mutter oder einer kranken Freundin als Zeitverschwendung und sollen auf ein Minimum reduziert werden. Dieser Arbeitsethos wird als modern und fortschrittlich beschrieben und von den Medien auch entsprechend propagiert – von der ersparten Zeit haben die Menschen jedoch wenig, da die grauen Herren diese benötigen, um die eigene Existenz zu sichern (vgl. Ende 1973: 68ff.). Folglich gilt alles, was nicht der unter ökonomischen Gesichtspunkten gesehenen Selbstoptimierung dient, schlicht als Zeitverschwendung: Sogar die Kinder werden in sogenannten „Kinder-Depots“ vom fantasievollen Spielen abgehalten und mit zweckgerichteter Beschäftigung auf ihr späteres Leben vorbereitet. Zeitvertreib um seiner selbst willen sei „eine Schande für unsere Zivilisation und ein Verbrechen an der künftigen Menschheit!“ (Ende 1973: 186)

 

Als Lösung des Problems im Umgang mit der eigenen Zeit sieht Michael Ende einfache Entschleunigung. „Je langsamer, desto schneller“ lautet das Credo, dementsprechend lässt sich das Haus von Meister Hora, dem Hüter der Zeit, nur erreichen indem man sich eben nicht beeilt und rückwärts statt vorwärts geht (Ende 1973: 233). Das Ziel soll also nicht die möglichst effiziente Nutzung der Zeit sein, sondern diese mit den Menschen, die für einen selbst wichtig sind, zu teilen, weil eben „alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird […] verloren [ist].“ (Ende 1973: 159)

Die Entstehungsgeschichte des Romans ist gewissermaßen ein Modell für die Entschleunigung. Michael Ende arbeitete insgesamt sechs Jahre, mit zahlreichen Unterbrechungen, an „Momo“, denn „[m]anche Dinge brauchen eben Zeit“ (Ende 1973: 17). Und wie Momo war auch Michael Ende reich an dieser wertvollen Währung. Ein Privileg, das ihm als bereits renommierter Schriftsteller zuteilwurde. So erzählt er eine äußerst gesellschaftskritische Geschichte, die heute nichts an ihrer Aktualität eingebüßt hat.

In unserer gegenwärtigen kapitalistischen Welt spielt der Effizienzgedanke eine exponierte Rolle in der Gesellschaft. Vor allem die im Zuge der Digitalisierung aufkommenden technischen Neuerungen zielen, neben vermeintlich erhöhter Lebensqualität, vor allem auf Zeitersparnis und Steigerung der Effizienz ab. Ein Roman wie „Momo“ ruft jedoch zum Hinterfragen dieses Lebenswandels auf. Natürlich ist es heute wesentlich einfacher, sich bei Wikipedia über ein bestimmtes Thema zu informieren. Wo man früher unter Umständen eine Bibliothek aufsuchen musste, reichen heutzutage wenige Klicks. Die Frage, die man sich stellen sollte, ist jedoch, was man mit der eingesparten Zeit anfängt. Man kann diese – wahrscheinlich ganz im Sinne von Michael Ende – natürlich einsetzen, um sich mit Freunden zu treffen oder um seine Großeltern zu besuchen. Andererseits werden diese frei gewordenen Stunden auch nicht selten auf Internetseiten und sozialen Netzwerken wie beispielsweise Facebook verbracht; der Sinn dieser Beschäftigung darf angezweifelt werden. So gibt es auch heute, analog zu den grauen Herren eine Vielzahl von einflussreichen Konzernen, die von unserer Zeit leben, Google und das oben genannte Facebook sind wohl die bekanntesten Beispiele.

Momo lehrt uns demnach: Schleichende Veränderungen der Gesellschaft sollten hinterfragt werden, Reichtum allein macht nicht glücklich und ein verantwortungsvoller Umgang mit der eigenen Zeit ist wichtig. Wie Michael Ende aufzeigt, steht ebendieser individuelle Umgang mit der Lebenszeit in direktem Verhältnis zu der Zeit, in der wir leben. Wenn sich die Zeiten ändern, geschieht das nicht unbedingt nur durch technologischen Fortschritt, sondern maßgeblich durch veränderte Handhabung der eigenen Zeit. Ein Bewusstsein für den immensen Wert dieser unwiederbringlichen Lebenszeit ist folglich substanziell für die Erhaltung einer humanen Gesellschaft, denn: „Zeit ist Leben“ (Ende 1973: 57).

 

Quellen

Ende, M. (1973): Momo. Stuttgart, Wien: Thienemanns Verlag.

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