Kryotechnologie – Eine Wette auf die Zeit


 

Orpheus ist der festen Überzeugung, seine Liebe zu Eurydike ist stärker als der Tod. Als seine Angebetete an dem Biss einer Schlange stirbt, fasst er einen Entschluss, dem kein Mensch zuvor je hat Taten folgen lassen: Er wird in die Welt der Toten gehen, um Eurydike der Schattenwelt zu entreißen und sie in die Welt der Lebenden zurückzubringen.

Schon in der Antike gehört die Vorstellung den Tod – und damit das Ende der Zeit – zu überwinden, zu den Sehnsüchten der Menschen. Das kalte, nackte und radikale Lebensende ist nur schwer zu ertragen. Stattdessen bauten die Menschen aus der Jungsteinzeit Hünengräber, Ägypter Pyramiden und Griechen Tempel sowie ausgeschmückte Grabeshöhlen für ihre Toten.

Die alten Griechen statteten ihre Verstorbenen seit jeher mit allerlei Grabbeigaben aus, um ihnen Unannehmlichkeiten bei der Überfahrt ins Jenseits zu ersparen. Die Christen dagegen erzählten sich von Rechtsinstitutionen postmortem – wie dem Jüngsten Gericht –  und der Wiederkehr ins Diesseits, die allerdings nur dem Heiligsten vorbehalten ist.

Was aber, wenn man nach dem Ende tatsächlich weiterleben könnte – und zwar kleine und große Sünder gleichermaßen? Diese Frage bleibt sogar im Zeitalter des aufgeklärten Fortschrittsglaubens ein Faszinosum, obwohl die magisch-religiösen Versprechungen heute oftmals verklungen sind.

Die Geschichte der vermeintlich technisch umsetzbaren Unsterblichkeit beginnt in den Vereinigten Staaten der späten sechziger Jahre. Eine an Nierenkrebs erkrankte Person setzt sich mit der Kryonischen Gesellschaft in Verbindung. Es ist James Bedford, ein Professor für Psychologie an der Universität Kalifornien. Nach seinem klinischen Tod soll er der erste kryokonservierte Mensch werden.

Kryonik oder auch Kryostase (von altgriechisch κρύοςkryos „Eis“, „Frost“) bezeichnet das technische Verfahren zur Konservierung kleinerer Organismen, Zellen, Organen oder auch ganzer Lebewesen. Im alltäglichen Sprachgebrauch werden kryonische Verfahren meistens auf den Begriff des „Einfrierens” reduziert. Das wird aber der Komplexität der zugrundeliegenden Prozesse und der verschiedenen Anwendungsbereiche nicht gerecht. Schon heute werden diese Prozeduren wissenschaftlich erfolgreich eingesetzt, um zum Beispiel in groß angelegten Kryobanken Stammzellen von Tieren, Samen seltener Pflanzen, menschliche Eizellen und Spermien bis hin zu kleinen Organismen zu konservieren. Prinzipiell funktioniert Kryostase ähnlich wie ein modifizierter Kühlschrank: Erstens ist eine konstante Temperatur von minus 150° Celsius oder tiefer nötig. Zweitens muss das entsprechende Gewebe auf das Verfahren vorbereitet werden, indem es mit einer schützenden Flüssigkeit versetzt wird, die meist das Frostschutzmittel Dimethylsulfoxyd (DMSO) enthält. Es soll – stark vereinfacht dargestellt – vor der Bildung von Eiskristallen im Wasser schützen. Denn diese Eiskristalle würden die Zellen verletzen. Die Anwendung des Verfahrens ist von der Beschaffenheit des Organismus abhängig: Wie komplex ist dieser? Handelt es sich um eine Flüssigkeit wie Blut, um eine geringe Menge von Zellen, kleineren Organen, oder ganzen Menschen? Letztlich muss das betroffene Gewebe vor Ort streng nach Protokoll für den Kälteschlaf vorbereitet werden: Zuerst wird es mit Medikamenten oder Nährstofflösungen versetzt. Danach wird das Gewebe stufenweise bis -196° Celsius heruntergekühlt, in speziellen Edelstahlbehältern (Kryostaten) gelagert und wartet schließlich auf den zukünftigen Einsatz.

 

Kryonik und Unternehmen

 

Ob kryonische Lagerung von Menschen auch in Deutschland möglich wäre, ist zurzeit noch ungeklärt, da dafür relevante Gesetze im jeweiligen Bundesland geprüft werden müssten. Bisher gab es aber keine Unternehmung, die sich um ein solches Verfahren bemüht hätte. Fest steht: Es gibt bislang keine deutsche Einrichtung, die die kryonische Lagerung von ganzen Menschen vornimmt. Das heißt aber nicht, dass Kryotechnologie nicht schon angewandt wird: In öffentlichen und privaten Nabelschnurblutbanken werden schon gegenwärtig Stammzellen von Neugeborenen zur Bekämpfung von Erbkrankheiten und Leukämie konserviert. Dieser medizinische Sektor ist bereits höchst kommerzialisiert. Über zehn verschiedene Institutionen stehen in Konkurrenz zueinander und unterbieten sich in Angeboten mit 10, 25 und 50 Jahren Rundum-sorglos-Paketen, die zukünftigen Eltern eine langfristige, gesundheitliche Absicherung für ihren noch nicht einmal entbundenen Nachwuchs versprechen. „Wichtig ist aber nur eins: ihr Kind”, heißt es in einem Werbevideo einer solchen Firma.

Anders sieht es in den Vereinigten Staaten von Amerika aus: Hier liegen in Scottsdale, einer mittelgroßen Stadt in Arizona, aktuell 151 tiefgekühlte Patienten, die auf mögliche Heilung in der Zukunft warten. Alcor Life Extension Foundation (i.F. Alcor) heißt die Stiftung für Lebensverlängerung. Sie ist eine von mehreren Institutionen, die Kryonik nach dem klinischen Tod anbieten. Alcor ist die Nachfolgeorganisation der Kryonischen Gesellschaft. Professor Bedfords Körper befindet sich bis heute dort – hängend in einem Edelstahlbehälter neben anderen konservierten Menschen und gekühlt von flüssigem Stickstoff bei -196° Celsius. Auch wenn es sich bei Alcor um eine gemeinnützige Stiftung handelt, fallen bei der Kryokonservierung eines Menschen erhebliche Kosten an. Entweder lässt der Patient seinen gesamten Körper für 200.000 $ präparieren und konservieren oder er beschränkt sich auf seinen Kopf und bezahlt 80.000 $. Der Großteil des Geldes – etwa die Hälfte – fließt in einen Fond mit dem Namen Patient Care Trust, der die langfristige Lagerung und die Forschung an der Wiederbelebung decken soll. Etwa ein Viertel kostet das kryotechnische Verfahren selbst. Mit dem Rest wird der schnelle Transport in ein Alcor-Zentrum bezahlt. Im Preis enthalten sind mit persönlichen Habseligkeiten gefüllte memory boxes, die in einem Salzbergwerk in Kansas bis zur möglichen Wiederbelebung gelagert werden. Für eine Gebühr von 250 $ kann eine weitere Box dazu gekauft werden.

 

 

Die möglichen Vorteile der Kryonik sind offensichtlich: Für wen ist ein potenziell über Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte verlängertes Leben in der Zukunft nicht reizvoll? Gerade für junge, schwer erkrankte Patienten gibt die Kryostase eine Antwort auf das unmittelbar empfundene Leid – vielleicht bietet sie sogar zeitweilig Erlösung. Die Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit ist auch für ältere Menschen nicht einfach: Kryostat oder Sarg, was gibt es schon zu verlieren? Dabei ist der Erfolg solcher Prozeduren alles andere als sicher. Bisher gibt es noch keinen einzigen Fall einer erfolgreichen Wiederbelebung kryokonservierter Menschen. Darüber hinaus ist James Bedfords Körper der einzige von den zehn ersten Patienten der Kryonischen Gesellschaft, der noch nicht vorzeitig aufgetaut ist. Obwohl der technische Fortschritt in den letzten Jahrzehnten enorme Erfolge zu verzeichnen hatte, sind die mit der Vitrifizierung einhergehenden Probleme geblieben.

Das DMSO ist toxisch, d.h. falls die behandelten Körper wiederbelebt werden könnten, müssten einerseits die durch das Frostschutzmittel hervorgerufenen Kryostaseschäden und andererseits der zeitlebens durch Krankheiten und Alter geschwächte Körper geheilt werden. Wissenschaftler sind sich darüber einig, dass das mit den gegenwärtig zur Verfügung stehenden medizintechnischen Mitteln unmöglich ist. Auch der Nutzen der Konservierung von Nabelschnurblut ist längst nicht so sicher, wie die Werbung der privaten Anbieter es suggeriert. Zwar ist der reine Prozess des Einfrierens bei Flüssigkeiten wie Blut um einiges simpler als das Verfahren zur Konservierung von Organen oder ganzen Körpern, jedoch sind die Erfolgsaussichten auf Stammzellen basierender Therapien noch ungewiss.

Bei der Kryotechnologie geht es nicht um Lebenszeitverlängerung – der Tod ist real. Es handelt sich um einen Kniff, ein Provisorium. In dem Bestreben, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, soll auf Zeit gespielt werden. Und wenn auch die Vision der Kryoniker, Menschen aus dem Eis auferstehen zu lassen, wenig erfolgversprechend ist, so verrät sie uns dennoch einiges über uns selbst – diesseits des Styx.

 

Die Angst vor dem Tod

 

Der Mensch hat immer Wege gefunden, der Gewissheit des Todes auszuweichen. Das Ende der eigenen Zeit hat „nichts mit uns zu tun“, wir schieben auf und vermeiden. Wir blenden das Unvermeidliche aus, denn sonst wären wir mit unserer eigenen Endlichkeit konfrontiert. Ein absolutes Ende ist schlicht nicht vorstellbar.

Dem Tod, als die letzte unkalkulierbare, angsteinflößende Konstante, begegnen wir mit ausgeklügelten Vermeidungsstrategien – und sei es mit dem Versuch, unsere Zeit mit dem Instrument der Moderne verlängern oder gar ins Unendliche dehnen zu wollen: Dem technischen Fortschritt. Technikoptimismus wird zur Ersatzreligion.

Auch über einen weiteren Aspekt gibt uns die kryonische Prophezeiung Aufschluss: Wie definieren wir unser „Selbst”?

Bei Alcor besteht auch die Möglichkeit, nicht den ganzen Körper, sondern nur den Kopf einfrieren zu lassen. Denn, so die Vorstellung, im Zeitalter des Auftauens wird man den Körper gar nicht mehr brauchen, da er bestenfalls durch komplexe Maschinen ersetzt werden könnte. Nur das Ich, die Persönlichkeit oder die eigene Seele soll bewahrt werden. Kryobefürworter sind davon überzeugt, dass jegliche Identität eines Menschen als greifbare (und konservierbare) Materie in Kopf und Gehirn vorzufinden ist. Menschen wären dann nichts mehr als wandelnde, erfinderische Fleischsäcke, die eben unproblematisch einzufrieren und aufzutauen sind – und dabei auch noch sie selbst bleiben. Ist aber Identität nicht viel mehr als das? Ist zum Beispiel das Gedächtnis einfrierbar?

Orpheus, der hinterbliebene Geliebte, ist jedenfalls gescheitert. Er stellt, wie auch die Befürworter der Kryotechnologie, die eigentlich selbstevidente Unausweichlichkeit der menschlichen Endlichkeit in Frage. Wie auch den Forschern ist es ihm zwar scheinbar gelungen, sich Zutritt ins Jenseits zu verschaffen, indem er durch seine Kunstfertigkeit die Unterweltgottheiten beeindruckte. Schlussendlich muss aber auch er erkennen, dass Eurydike im Reich der Toten verweilen wird und er sie erst nach seinem eigenen Tod wiedersehen kann. Für uns ist es – neben der unausweichlichen Gewissheit des Todes – beängstigend, mit der Ungewissheit darüber zu leben, wann genau er eintreffen wird und was er letztendlich bedeutet. Kryoniker konstruieren im Umgang mit der Angst zumindest eine vermeintliche Gewissheit: Fürchte dich nicht, denn in vielen Jahren wird der technische Fortschritt den Tod überflüssig gemacht haben – und bis dahin: Konserviere dich! Du bist nur zur falschen Zeit geboren! Das durch technischen Fortschritt möglich werdende Ewige Leben scheint ebenso unvermeidlich wie der Tod noch für heutige Generationen. Wie grenzenlos aber ist der Optimismus bei dieser Wette auf die Zeit?

 

 

Leseempfehlungen

Alcor Life Extension Foundation: http://www.alcor.org/

Lindemann, T. (2011): Dubiose Heilmethoden – Wie man mit Elternangst Geschäfte macht. In: Spiegel (Hrsg.), 26.12.2011. Online verfügbar unter: http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/dubiose-heilmethoden-wie-man-mit-elternangst-geschaefte-macht-a-804843. [Zugriff: 09.07.2011].

o.V. (2017): 50 Jahre Kryostase: Einfrieren, Auftauen, Weiterleben. In: Deutschlandfunk (Hrsg.), 12.01.2017. Online verfügbar unter: http://www.deutschlandfunk.de/tiefgekuehltes-leben.740.de.html?dram:article_id=111411 [Zugriff: 09.07.2017].

Smiljanic, M. (2006): Tiefgekühltes Leben – Neue Konservierungsverfahren in der Biologie. In: mdr (Hrsg.), 08.01.2006. Online verfügbar unter:  http://www.mdr.de/wissen/kryonik-unsterblichkeit-durch-einfrieren-100.html [Zugriff: 09.07.2017].

Winkelheide, M. (2017): Professor Bedford lässt sich tieffrieren. In: Deutschlandfunk (Hrsg.), 12.01.2017. Online verfügbar unter: http://www.deutschlandfunk.de/vor-50-jahren-professor-bedford-laesst-sich-tieffrieren.871.de.html?dram:article_id=376161 [Zugriff: 09.07.2017].

 

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