Einer für alle, alle für keinen – Der Tod des Einzelnen als Unsterblichkeit der Spezies?


 

Ein extrem langes oder gar unendliches Leben ist moderne Utopie und fasziniert die Menschheit seit Anbeginn ihrer Zeit. Schon immer gab es Menschen, die die eigene Endlichkeit überwinden wollten. Die Idee der Unsterblichkeit reicht vom Bildnis der Götter in der griechischen Mythologie bis heute: In dem Wissenschaftsgebiet der Kryonik, das sich mit dem Einfrieren von einzelnen Zellen hin bis zu ganzen Organismen befasst, ist das erklärte Ziel, die Unsterblichkeit einzelner Individuen zu ermöglichen. Darüber hinaus versuchen Forscher, das menschliche Genom zu entschlüsseln, um darin nicht nur eine Heilung schwerer Krankheiten zu finden, sondern auch um einen Weg zu ermöglichen, den Individualtod zu überwinden. (vgl. Ettel et al. 2014) Sollte die Unsterblichkeit wirklich ein erstrebenswertes Ziel der Menschen sein? Oder hat der Tod nicht gar eine vorteilhafte Wirkung für eine ganze Spezies?

Fest steht, dass der Mensch noch heute in der Natur den Schlüssel zur Unsterblichkeit sucht. Im Streben nach dem ewigen Leben können wir uns in Anlehnung an die Bionik an Mechanismen in der Natur orientieren. Im Forschungsfeld der Bionik werden natürliche Vorgänge in der Technik nachgeahmt. Funktionsprinzipien, wie beispielsweise die Aerodynamik – von Vögeln oder Fischen – inspirierte die Form heutiger Autos (vgl. Träger 2014). Aber auch hinsichtlich der Unsterblichkeit könnten dem Menschen natürliche Vorgänge eine wichtige Hilfestellung bieten.

Um die Geheimnisse langlebiger Organismen zu lüften, betrachten Genetiker, Ökologen und Verhaltensforscher das Genom sowie Fortpflanzungs- und Überlebensstrategien einzelner Arten und bringen diese mit der jeweiligen Lebenslänge in Verbindung.

In der Natur ist die Varianz verschiedener Lebensspannen extrem. Sie umfasst beispielsweise die Eintagsfliege, die in ihrem erwachsenen Stadium nur wenige Stunden oder Tage lebt (vgl. Kretschmer 2016), oder auch Lomatia Tasmanica, ein ungefähr 43.600 Jahre altes Silberbaumgewächs im Südwesten Tasmaniens (vgl. Czaja 2017). Die durchschnittlichen Lebenserwartungen von irdischen Organismen reichen also von einigen Stunden bis hin zu tausenden von Jahren. Die Ausprägung dieses artspezifischen Merkmals scheint in den Erbanlagen verankert zu sein. Ungewiss bleibt jedoch, wie es zu einer so extremen Spannbreite kommt. (vgl. Schmidt 1996)

Mit der Frage danach, inwieweit die Langlebigkeit genetisch bestimmt ist oder betroffene Organismen besonders effiziente Überlebensstrategien entwickelt haben, beschäftigen sich Forscher der Universität Tübingen.

Auf der Suche nach dem Methusalem-Gen, welches symbolisch für ein langes Leben steht und nach der ältesten biblischen Person, Methusalem, benannt wurde, werden Experimente mit Fruchtfliegen und Fadenwürmern durchgeführt. Züchtungen mit außergewöhnlich langen Lebenszeiten treten auf. Ein Beweis für ein Altersgen ist das jedoch noch nicht, denn auch in diesen Populationen finden die Forscher statistische Ausreißer. (vgl. Wagner 2015)

 

 

In dem Zusammenhang untersuchte ein Team der Max-Planck-Gesellschaft im Rahmen von Langzeitexperimenten die Alterung des Süßwasserpolypen Hydra. Hydra gehört zu der Gattung der Nesseltiere. Bis heute sind 20 verschiedenen Arten des Süßwasserpolypen bekannt, der verankert am Boden in Gewässern lebt. Sexuelle wie asexuelle Arten der Fortpflanzung kommen vor, wobei zweites deutlich häufiger geschieht. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass Hydra ein konstantes Sterberisiko besitzt. Das bedeutet, dass die bereits verbrachte Lebenszeit für den Sterbeprozess keine Rolle spielt. Den Grund für die Langlebigkeit fanden die Forscher im Protein FOXO. Dieses fungiert als „eine Art Hauptschalter für Zellerneuerung und Langlebigkeit“. Durch zusätzliche Experimente soll die Aktivität von FOXO und weiteren regulierenden Genen in der Zukunft untersucht werden. (vgl. Max-Planck-Gesellschaft 2015)

Eine ergänzende Betrachtungsweise stellt der Biologe Thomas D’Souza vor. D’Souza betrachtet insbesondere die Umwelteinwirkungen auf das Lebensalter: Die ökologische Nische als Zusammenstellung aller abiotischen und biotischen Wechselwirkungen mit einem Organismus übt einen großen Einfluss auf die Lebenszeit bestimmter Arten aus. So wirken beispielsweise Kälte und Dunkelheit reduzierend auf den Stoffwechsel ein. Die Folge ist „ein Leben auf Sparflamme und in Zeitlupe“ (Wagner 2015). Dadurch erreichen Schwämme in der Arktis und Antarktis ein Lebensalter von über 10.000 Jahren. Damit einher geht die Energieeinteilung der Organismen: Arten mit vielen Fressfeinden benutzen eine ähnliche Energiemenge wie Schwämme, lediglich in einer viel kürzeren Lebenszeit. Das Resultat ist eine Steigerung der Intensität des Lebens bei abnehmender Lebenszeit. (vgl. Wagner 2015)

Ein weiterer Aspekt, der zur Energieeinteilung beiträgt, ist die jeweilige Fortpflanzungsstrategie. Mit dem Ziel der Weitergabe von Erbinformationen erscheint bei einer geschlechtlichen Vermehrung ein langes Leben der Elterntiere nur dann zweckmäßig, wenn dies zur Erhöhung der Überlebens- oder Fortpflanzungschancen ihrer Nachkommen beiträgt.

Laut dem Evolutionsbiologen Georg Williams besteht ein Zusammenhang zwischen dem Alter der ersten Fortpflanzung und dem höchstmöglichen Lebensalter. Späte geschlechtliche Reife führt zur Notwendigkeit von Energieinvestitionen für Selbstheilungs- und Reparaturprozesse, welche wiederum die Chancen auf Langlebigkeit steigern. (vgl. Schmidt 1996)

Solche akkuraten Anpassungen einzelner Lebewesen an ihre Umwelt und die Erfüllung selbst schmalster ökologischer Nischen erklärte bereits Darwin in seiner Evolutionstheorie: Mutationen und natürliche Auslese im Kampf um das Überleben führen zum „Survival of the fittest“.

Das Leben kann als ständiger Wettbewerb um die Unsterblichkeit gesehen werden, jedoch nicht um die des Einzelnen, sondern um die der Erbanlagen des Genoms einer Spezies. Ein langes Leben einzelner Individuen war demnach nie das priorisierte Ziel biologischer Evolution. Im Kern der evolutionsbiologischen Theorie des Alterns wird der Tod des Einzelnen als notwendig auf dem Weg der Unsterblichkeit der Gene beschrieben, insofern die Variationen innerhalb der Folgegenerationen eine stetige Anpassung an sich ändernde Umweltbedingungen ermöglichen. Zur Verdeutlichung sind Lebewesen zu betrachten, die einen „vorprogrammierten“ Tod erleben, sobald ihr Zweck, die Weitergabe von Erbinformationen für den Fortbestand der Art, erfüllt ist. Der Oktopus stirbt geradewegs nach dem Schlüpfen seiner Jungen. Nach Ablage seiner Eier verwendet er jegliche Energie auf die Brutpflege. Er stellt die Jagd und Nahrungsmittelaufnahme ein und beschützt die Eier vor möglichen Fressfeinden. Da der Oktopus sich nur ein einziges Mal fortpflanzt, scheint der Tod der Elterntiere zu diesem Zeitpunkt sinnvoll. (vgl. Schmidt 1996)

Eine ähnliche Art dieser augenscheinlichen Aufopferung wurde auch bei Hydra festgestellt. In Experimenten der Max-Planck-Gesellschaft wurden die Polypen mit UV-Licht bestrahlt oder mit Wasserstoffperoxid behandelt. Die Auswirkungen beider Anwendungen sind hochgradig schädlich, sodass 30% der Polypen unmittelbar danach starben. In der überlebenden Population waren schließlich zwei verschiedene Verhaltensmuster zu erkennen: Ein Anteil der Polypen schiebt die schädlichen Zellen in ihre Knospen. Da über eine Abtrennung der Knospen die asexuelle Fortpflanzung stattfindet, retten sich diese Individuen mit dem Verhalten selber. Die restliche Population verhält sich komplett konträr und verteilt die wenigen gesunden Zellen in die Knospen. Während die eigentliche Hydra stirbt, wächst der Nachwuchs unbeschadet auf. (vgl. Max-Planck-Gesellschaft 2015)

Auf der Grundlage dieser Betrachtungen erscheint die Frage der Langlebigkeit des Einzelnen zunehmend irrelevant. Indem der Individualtod in Kauf genommen wurde, entstanden über Millionen von Jahren durch die Evolution hervorgebrachte Spezies mit perfekten Anpassungen. Durch Wechselwirkungen mit der Umwelt garantiert dieses Prinzip die Weiterentwicklung der Arten.

Angesichts der zukünftigen Möglichkeiten des Menschen, seine Evolution zu beeinflussen und sich in dieser Hinsicht von der natürlichen Evolution zu emanzipieren, stellen sich insbesondere Fragen zur ethischen Vereinbarkeit von Techniken wie der Kryonik. Eine ganzheitliche Betrachtung solcher, mit dem Ziel der Unsterblichkeit Einzelner verbundenen Technologien erscheint sinnvoll und notwendig.

Ist ein Eingriff in die biologische Evolution realisierbar und insbesondere vor dem Hintergrund der von ihr in der Natur hervorgebrachten Perfektion überhaupt erstrebenswert?

Die vom Menschen beeinflusste Veränderung des Genpools würde sich zunächst auf das Überleben einiger weniger Individuen begrenzen. Die Gerechtigkeit solcher Methoden und weitere mögliche Gefahrenpotenziale bleiben offen zur Debatte.

In der Natur entstanden durch „Survival of the fittest“ hochspezialisierte Spezies stets mit dem übergeordneten Ziel des Überlebens der Art. Fragwürdig bleibt der daraus resultierende Lerneffekt für den Menschen. Statt seine Energie wie die Tintenfische oder die Hydra in kommende Generationen zu investieren, sucht er noch nach seinem eigenen ewigen Leben.

 

Quellen

Czaja, S. (2017): Lomatia tasmanica ist…. In: Spektrum der Wissenschaft (Hrsg.). Online verfügbar unter: http://www.spektrum.de/quiz/lomatia-tasmanica-ist/967455 [Zugriff: 05.07.2017].

Ettel, A. et al. (2014): Der Tod, eiskalte Warteschleife vor dem ewigen Leben. In: Welt N24 (Hrsg.), 18.09.2014. Online verfügbar unter: https://www.welt.de/wirtschaft/article132377798/Der-Tod-eiskalte-Warteschleife-vor-dem-ewigen-Leben.html [Zugriff: 05.07.2017].

Kretschmer, A. (2016): Ein Leben wie eine Eintagsfliege. In: Scinexx (Hrsg.), 15.01.2016. Online verfügbar unter: http://www.scinexx.de/dossier-detail-752-4.html [Zugriff: 05.07.2017].

Max-Planck-Gesellschaft (2015): Ein Hauch von Unsterblichkeit. In: Max-Wissen (Hrsg.), 08.12.2015. Online verfügbar unter: https://www.max-wissen.de/203803/news_publication_9352469?c=65105 [Zugriff: 05.07.2017].

Schmidt, T. (1996): Physiologische Potentiale der Langlebigkeit und Gesundheit im evolutionsbiologischen und kulturellen Kontext – Grundvoraussetzungen für ein produktives Leben. In: Produktives Leben im Alter. Frankfurt/New York: Campus Verlag. S. 69.

Träger, C. (2014): Ohne die Natur wäre die Technik aufgeschmissen. In: Welt N24 (Hrsg.), 28.03.2014. Online verfügbar unter: https://www.welt.de/wirtschaft/webwelt/article126324380/Ohne-die-Natur-waere-die-Technik-aufgeschmissen.html [Zugriff: 05.07.2017].

Wagner, A. (2015): Tiere: alt, älter – unsterblich!. In: ARD (Hrsg.), 17.09.2015. Online verfügbar unter: http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/w-wie-wissen/sendung/2011/tiere-alt-aelter-unsterblich-100.html [Zugriff: 05.07.2017].

 

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