Wie beständig ist unsere Welt? Eine geologische Betrachtung der Zeit

 

 

DAS VERBRENNEN VON FOSSILEN ENERGIETRÄGERN SORGTE VOR CA. 300 MILLIONEN JAHREN FÜR DAS GRÖßTE MASSENSTERBEN DER ERDGESCHICHTE.

Die Gegenwart ist der Schlüssel zur Vergangenheit – was klingt wie ein plakativer Spruch aus einem Glückskeks, ist jedoch eine übliche Redewendung in der Arbeitsweise von Geologen. Dazu gehört die Rekonstruktion des Klimas, der Umweltbedingungen oder der Ablagerungsprozesse im Laufe der Erdgeschichte, die mit gegenwärtigen Äquivalenten verglichen werden, um eventuelle Lücken in diesen Modellen zu schließen. Eine solche Herangehensweise zeigt immer wieder, wie sehr sich die Erde im Laufe der letzten 4,6 Mrd. Jahre gewandelt hat. Besonders dann, wenn eben diese Methode scheitert und zum Beispiel Klimabedingungen oder die Zusammensetzung der Atmosphäre stark von den heutigen Bedingungen abweichen müssen, um ein stimmiges Modell zu konstruieren.

Die Dynamik der Erde spiegelt sich besonders in der Konfiguration der Kontinentalplatten wieder. So findet man beispielsweise Gesteine und Fossilien aus tropischen Klimaten im Rheinischen Schiefergebirge. Die heutige Verteilung der Kontinentalplatten ist, für einen Geologen, mit 20 Millionen Jahren sogar noch relativ jung (vgl. Deep Time Maps Inc. 2017). Daher gehört es zum selbstverständlichen Bewusstsein von Geowissenschaftlern, dass die Erde ein sehr dynamischer und sich wandelnder Planet ist, der in seiner Lebenszeit schon verschiedenste Extrema durchlebt hat. Die Oberfläche der Erde ist ständig in Bewegung. Meere entstehen und schließen sich, Gebirge türmen sich auf und werden wieder erodiert.

Aus der geowissenschaftlichen Perspektive betrachtet, befinden wir uns folglich erst für einen kurzen Augenblick auf diesem Planeten. Dabei ist die wohl spannendste Frage: Wie lange wird die Spezies Mensch noch existieren? Ereignisse, durch die vorangegangene Massensterben eingeleitet worden sind, stellen auch heute noch eine Bedrohung dar. Hinzu kommen mögliche Bedrohungen durch den Menschen selbst. Sein Einfluss auf die Beschaffenheit der Erde ist mittlerweile so groß, dass Geowissenschaftler darüber diskutieren, eine neue geochronologische Epoche einzuführen, das Anthropozän. Damit wird der Mensch definiert als ein global datierbarer Einflussfaktor auf die Erdgeschichte. Bei voran gegangenen Spezies spricht man dabei von Leitfossilien. Wir haben also schon lange unseren persönlichen Abdruck auf dieser Erde hinterlassen (vgl. Steffen et al. 2007: 614ff.).

Eines der massivsten Klima-Extrema der Erdgeschichte wird durch die „Snowball Earth“-Hypothese beschrieben. Gesteinshorizonte des Präkambriums, welches den Zeit­raum von der Entstehung der Erde bis zur kambrischen Explosion umfasst, sind über weite Breitengrade hinweg mit Gletschersedimenten gefüllt. Die bekanntesten Fundorte dieser Sedimente sind unter anderem im Sultanat Oman und in Teilen Australiens gelegen. Aus diesen Funden schlussfolgerte man, dass das Klima zu dieser Zeit eine Vereisung der Erde bis in die Nähe des Äquators zugelassen haben muss. Dabei handelte es sich vermutlich um mehrere Ereignisse, wobei das jüngste vor ca. 580 Millionen Jahren endete (vgl. Hoffman/ Schrag 2002: 147).

 

 

 

Solche enormen Temperatureinbrüche können zum Beispiel durch Naturkatastrophen, wie massive Vulkanausbrüche oder das Einschlagen großer Meteoriten, entstehen. Dabei werden in beiden Ereignissen große Mengen Staub beziehungsweise Asche in die Luft gewirbelt, die verhindern, dass Sonnenlicht auf die Erdoberfläche trifft. Dadurch sinkt die Oberflächentemperatur stetig ab. Dies kann zu äußerst lebensfeindlichen Bedingungen auf der Erde führen. So kam es gleich mehrmals im Laufe der Erdgeschichte vor, dass beinahe alles Leben auf der Erde ausgerottet worden ist. Das massivste Massensterben fand am Ende des Perms, einer Phase der Erdgeschichte innerhalb des Paläozoikums, vor ca. 250 Millionen Jahren statt. Dabei starben ca. 92 % aller marinen Spezies (vgl. Knoll et al. 2007: 296). Das Bekannteste stellt sicherlich das Aussterben der Dinosaurier vor ca. 65 Millionen Jahren dar. In dieser Zeit starb etwa die Hälfte aller Spezies auf der Erde aus (vgl. Russel 1979: 167).

Die derzeit vergleichsweise angenehmen Lebensbedingungen, die auf den meisten Teilen dieser Erde herrschen, sind also keineswegs als andauernd zu betrachten. Episodische Wechsel zwischen Warm- und Kaltzeiten sind durch die Erdgeschichte hinweg nachgewiesen. Die letzte große Vereisung ist erst 10.000 Jahre her (vgl. Clark et al. 2009: 710). Auch heute sind Klimaveränderungen spürbar und die Lebensbedingungen scheinen sich in vielen Teilen der Erde zu verschlechtern. Angesichts der schwerwiegenden Folgen für die Lebensqualität des Menschen scheint es äußerst ironisch, dass er ein unerbittliches Wachstum antreibt, anstatt ein ökologisches und nachhaltiges Lebensmodell vorzuziehen. Dadurch wird die Verweildauer der eigenen Spezies auf diesem Planeten bewusst zunehmend verringert (vgl. Altvater 2015: 16ff.).

An dieser Stelle sollte der einleitende Satz des Artikels umformuliert werden: Was verrät uns die Vergangenheit über die Zukunft?

Forschungen im Bereich der Georisiken und der Seismologie haben gezeigt, dass gewisse Ereignisse in nahezu zyklischen Abständen auftreten. So ist es beispielsweise möglich, grobe Schätzungen für das Eintreten eines Erdbebens abzugeben. Schon hier zeigen sich mögliche Ereignisse, die verheerende Auswirkungen auf die betroffenen Regionen hätten. Bekannte Beispiele hierfür sind die San-Andreas-Störung oder die Anatolien-Verwerfung. An beiden Orten treffen zwei Kontinentalplatten aufeinander und akkumulieren durch Reibung riesige Mengen an Energie. Beobachtungen vorangegangener Erdbeben sagen dabei voraus, dass für beide Störungen ein Erdbeben der Magnitude 6.0 oder größer sehr wahrscheinlich ist und in beiden Fällen wären mit San Francisco und Istanbul Städte mit Millionen von Einwohnern betroffen (vgl. Armijo et al. 2005: 2f.; Working Group on California Earthquake Probabilites 2003: 3ff.).

Der Mensch hat in der kurzen Existenz auf der Erde etwas scheinbar Großes erreicht: Zeitliche Maßstäbe vieler natürlicher Vorgänge wurden durch sein Handeln drastisch verkürzt. Klima beeinflussende Prozesse, Artensterben und Umformung der Landschaft schreiten in einem Tempo voran, welches in der Erdgeschichte beispiellos erscheint.

Die Konsequenzen sind unmittelbar spürbar: Naturkatastrophen häufen sich, natürliche Ressourcen verknappen zunehmend, die Artenvielfalt an Land und im Wasser sinkt drastisch. Angesichts dieser rapiden Veränderungen unseres Planeten scheint eine durch den Menschen definierte Zeitspanne höchst plausibel. Dabei bleibt abzusehen, welchen Zeitraum diese Epoche überspannen wird.

Dieser Kampf zwischen Mensch und Natur, getrieben von wirtschaftlichem Wachstum, scheint geradezu chancenlos gegenüber Mutter Erde. Der Mensch wütet unaufhaltsam, während die Natur immer weiter zerstört wird. Doch die Vergangenheit zeigt uns eines: Dieser Planet spielt auf Zeit. Die eine Ressource, die wir weder explorieren noch fördern können und der wir uns nie sicher sein können. Das System Menschheit ist so fragil, dass eine einzige große Katastrophe es nahezu auslöschen könnte. Sei es ein starker Vulkanausbruch, ein Meteoriteneinschlag oder multinationaler Krieg. Diese Ereignisse fanden in der Vergangenheit statt und sie werden weiterhin stattfinden. Die Frage ist nur: Wann?

 

Quellen

Armijo, R. et al. (2005): Submarine fault scarps in the Sea of Marmara pull-apart (North Anatolian Fault): Implications for seismic hazard in Istanbul. In: Geochem. Geophys. Geosyst. 6. Jg. 2005/6.

Altvater, E. (2015): Der Grundwiderspruch des 21. Jahrhunderts. In: Le Monde diplomatique. Atlas der Globalisierung, weniger wird mehr. Berlin: taz Verlag. S. 16–18.

Clark, P. U. et al. (2009): The last glacial maximum. In: Science. 325. Jg. 2009/5941. S. 710-714.

Deep Time Maps Inc. (Hrsg.) (2017): Deep Time Maps. Online verfügbar unter: http://deeptimemaps.com [Zugriff: 11.06.2017].

Hoffman, P. F., Schrag, D. P. (2002): The snowball earth hypothesis: testing the limits of global change. Cambridge: Terra nova. 14. Jg. 2002/3. S. 129–155.

Knoll, A.H. et al. (2007): Paleophysiology and end-Permian mass extinction. In: ScienceDirect. Earth and Planetary Science letters. Cambridge: 256. Jg. 2007/3. S. 295–313.

Russell, D. A. (1979): The enigma of the extinction of the dinosaurs. In: Annual Review of Earth and Planetary Sciences. 7. Jg. 1979/1. S. 163-182.

Steffen, W. et al. (2007): The Anthtropocene: Are Humans Now Overwhelming the Great Forces of Nature? In: AMBIO: A Journal of the Human Environment. 36. Jg. 2007/08. S. 614-621.

Working Group on California Earthquake Probabilites (Hrsg.) (2003): Earthquake Probabilities in the San Francisco Bay Region: 2003-2031. Open-File Report 03-214. Reston.

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