Die Macht der Entfremdung – Wenn die Uhren lauter ticken


 

Es gibt für jeden Menschen einen Moment in seinem Leben, in dem die Zeit ihre Unauffälligkeit des universalen Mediums verliert. Vorher leben wir im Unbekannten der Gegenwart und schreiten als Kinder ahnungslos dem Namenlosen und Spannenden der Zukunft entgegen. Anhand dessen, was wir sehen, bekommen wir eine erste Ahnung von der Zeit. Um sie zu ergreifen, benötigen wir als Kinder anschauliche Beispiele: Der größere Hund ist älter als der kleinere Hund und der kleinere Mann wird auch sicherlich jünger als seine größere Freundin geschätzt. Kombinieren wir den anschaulichen Zeitbegriff eines Vorschulkindes mit den Möglichkeiten der Zeitvermessung eines Erwachsenen, so entsteht ein komplexer Raum aus Struktur und Ordnung: Die Ecken sicherlich aus rechten Winkeln und seine Wände sind übersäht von gleichgroßen 1 x 1 cm großen Quadraten, welche Minuten genannt werden und abermals in größere Quadrate namens Stunden eingeteilt sind usw. Dieser Raum gibt eine Ahnung von der sogenannten linearen Zeitordnung als eine der zwei Möglichkeiten, wie wir Zeit und übergreifend unser gesamtes Leben wahrnehmen. Ohne die Möglichkeit zur Messung gibt es die eine, dimensionale Form. Räumlich mit einem Tunnel vergleichbar, der sich vor und hinter uns in der Fluchtperspektive am Horizont verliert und sich jedem Versuch der Fraktionierung in gleichförmige Elemente entzieht. In manchen Lebensbereichen unumgänglich und notwendig, kann uns demnach unsere Fähigkeit zum Abstrahieren und Fraktionieren zum Verhängnis werden. Anfänglich dienliche Messeinheiten wie Minuten, Tage und Stunden verlieren ihren hilfreichen Charakter, wenn sie das eigene Leben zu einer Endlosschleife aus gleichförmigen Einheiten deformieren und das Selbstbild zum Spielball der Zeit degradieren.

Die Linearität der Zeitordnung kann das Erleben und Verhalten des Menschen in einem solchen Ausmaß beeinflussen, dass Theunissen, deutscher Philosoph, und Germanist, Negative Theologie der Zeit“ von der „Herrschaft der Zeit“ spricht. Beispielhaft für die Herrschaft der Zeit beschreiben die Psychoanalytiker Straus und Gebsattel die „Homogenisierung der Zeit“, welche in der Welt von Zwangskranken präsent ist. Dabei kommt zu der „Auslieferung an eine Zeitordnung, die ihm als lineare vorgesetzt ist“, die Unterwerfung unter eine „willkürlich gesetzte, von ihm ersonnene künstliche Ordnung“ hinzu. Das bedeutet, dass die Homogenisierung der Zeit in seinem Fall eine Homogenisierung oder „Fraktionierung seines Tuns“ begründet. (Theunissen 1991: 227)

Theunissen geht noch näher auf die Thematik der künstlichen Zeitordnungen ein und skizziert anhand psychopathologischer Betrachtungen den Zusammenhang zwischen der Herrschaft der Zeit und der eigenen Subjektivität. Dabei ist Subjektivität mehr als das subjektive, interindividuell unterschiedliche Erleben. Kategorisch lässt sie sich in diesem Kontext mehr als das Ausmaß, welches das Subjekt im Gestalten des eigenen Lebens einnimmt, bezeichnen. Handel ich passend zu dem, was ich als mein Wesen erlebe oder halte ich dieses in Unmündigkeit bei der Gestaltung meines Lebens zurück? Theunissen untersuchte das Zeitempfinden von Depressiven, Schizophrenen und Zwangsgestörten und schlussfolgerte einen Zusammenhang zwischen einem gestörten Zeitempfinden und der Entmachtung der eigenen Subjektivität:

„Dieser Vorgang bekundet nach beiden Seiten, im Negativen des Zerfalls der dimensionalen und im Positiven des Aufdringlichwerdens der linearen Ordnung, die Herrschaft der Zeit, nach der einen durch die Entmächtigung des Subjekts, nach der anderen durch die Ermächtigung ihrer subjektfremden Objektivität.“ (Theunissen 1991: 224)

Unser Zeiterleben ist also nicht nur von der Geschwindigkeit und dem Inhalt unseres Lebens abhängig, sondern liefert auch Informationen darüber, wie zentral das Ausmaß an Subjektivität für unser Zeiterleben ist. Hier lassen sich mögliche, herausfordernde Ansatzpunkte zur Veränderung des eigenen Zeiterlebens entdecken. Kern der Herausforderung liegt in der Tatsache, dass die sinn- und seinskonstituierende Instanz der Subjektivität sich niemals mit Eigenschaftswörtern fassen lässt, da sie immer selbst das sich bewegende und entwerfende Element des Ichs bleibt (vgl. Soppa 2010). Auf dem Weg zur eigenen Subjektivität bedeutet dies, dass der Mensch nicht mehr äußeren, starren Verhaltenskodizes gehorchen und als Bezugsrahmen nutzen kann, sondern es wagt zu lernen, sich selbst und seinem Eigensinn mehr zu vertrauen und zu gehorchen.

Bietet das Subjekt der Persönlichkeit zu wenige Ausdrucksmöglichkeiten, stimmt es in die Homogenisierung der Zeiteinheiten durch sein Nicht-Ausleben ein. Im Extremfall verwandelt sich jede möglichkeitsweckende Zukunft in eine bedrängende Wiederkunft des Gleichen (vgl. Theunissen 1991).

In seinen Thesen geht Theunissen davon aus, dass seine Beobachtungen der an einer Zeitordnung leidenden Menschen nur eine Vergrößerungslupe für Veränderungen von gesellschaftlicher Größenordnung seien (ebd.). Nach seiner Ansicht sprechen jene Patienten Worte laut genug aus, die der Rest der Bevölkerung noch unverständlich flüstert.

Glauben wir nun Theunissen, so besteht der beobachtete Zusammenhang zwischen Zeitordnung und Subjektivität nicht nur im klinischen Setting (ebd.), sondern ist darüber hinaus auch im nichtklinischen Bereich des Alltags erfahrbar und von informativem und aufforderndem bzw. heilsamem Charakter.

Vorerst zur informativen Seite: Viele Menschen mit Zwangsstörungen haben ihre gesunde, dimensionale Zeitordnung durch einen krankhaften Umgang mit der Zeit verloren (ebd.). Die künstliche Homogenisierung in Form einer immerwährenden Aneinanderreihung gleichgroßer Zeitelemente durchzieht von nun an das eigene Leben. Beispielhaft dafür berichtet eine Patientin, die unter dem Pseudonym Ilse K. in der Literatur bekannt wurde ihre Zwangssymptomatik:

„Wenn ich einen Vogel piepsen höre, muss ich denken:  ‚Das hat jetzt eine Sekunde gedauert’. Wassertropfen sind unerträglich und machen mich rasend, weil ich immer denken muss:  ‚Jetzt ist wieder eine Sekunde vergangen, jetzt wieder eine Sekunde‘“ (Gebsattel 1954: 2)

Der Psychoanalytiker K.R. Eissler offenbart ähnliches von einer Patientin, welche auch das Denken an die zerstückelte Zeit als „zwanghafte Notwendigkeit“ ansieht. Anstatt ihre gesamte Aufmerksamkeit der vergehenden Zeit zu widmen, reagiert sie jedoch entgegengesetzt und leugnet ebendiese völlig. Sie weigerte sich, eine Armbanduhr zu tragen und versucht, dem Zeitdruck zu entkommen. „Sie hatte einen Horror vor der Zeit und wollte sich deren Fortschreiten in keinster Weise bewusst machen“ (Theunissen 1991: 222). Doch gerade dieser Fluchtversuch offenbart die in uns wohnende Herrschaft der erdrückenden, linearen Zeitordnung.

Der Rückschluss auf Handlungsmotive unseres Verhaltens bedarf einer tiefgehenden Exploration als nur dessen Beobachtung. Die Tatsacheob jemand chronisch auf sein Smartphone schaut, um die Uhrzeit zu prüfen oder im anderen Extrem verweigert, eine Armbanduhr zu tragen, ist noch kein Indiz für ein Leiden an der Zeit. Die Frage, wann die internalisierte Zeitordnung die Herrschaft über seinen Schöpfer gewonnen hat, sollte immer in der relativen Betrachtung zu anderen Handlungsmotiven beantwortet werden. Anders formuliert: An der Rangordnung, welche Gewichtung wir der Zeit in unserem Leben zusprechen, können wir die Größe des Raumes abschätzen, der noch für den Spielraum unserer Persönlichkeit bleibt. Steigern wir das Ausmaß an Effektivitätsdenken, dem Argumentieren mithilfe von Zeiteinheiten, erhöhen wir die Wahrscheinlichkeit der Entmachtung unserer Persönlichkeit als leitendes Motiv für unser Handeln.

Theunissen postuliert, dass das Aufdringen der linearen Zeitordnung mit einer Entmachtung des Subjekts und einer Ermächtigung ihrer subjektfremden Objektivität einhergehe (vgl. Theunissen 1991). Nun lassen sich daraus folgende Schlüsse ziehen: Erstens kann ein Gefühl von Zeitraffung, in der Minute für Minute vorbeirauschen und das Individuum sich währenddessen als passiv und machtlos erlebt, ein Hinweis dafür sein, dass die lineare Zeitordnung zum Zentrum meiner Aufmerksamkeit und zur Färbung meiner Wahrnehmung beiträgt. Zweitens wird der Versuch, dieses Zeitempfinden durch noch effektiveres Zeitmanagement zu stoppen, nur noch mehr die Macht der Zeit entgegen des eigenen Willens, aber durch die eigene gesteigerte Aufmerksamkeit auf die Zeitelemente, verstärken. Drittens wird sich der innere Zeitkritiker (mit Worten wie „Ich hab’ nicht genug Zeit!“, „Die Zeit rennt immer schneller!“ oder „Schon wieder eine Woche um!“)  sich nur durch einen Zuwachs an Subjektivität erweichen lassen. Ist das Ich mündiger gegenüber der Zeitordnung und kommt das Selbst lauter als die von außen eindringenden Argumente der Zeit, so wird die Zeit innerhalb der Stunden, die wir für eine Sache zur Verfügung haben, zeitloser. Selbst-Vergessenheit und Zeit-Vergessenheit sind hier zwei spannungserzeugende Pole, zwischen denen wir uns wohl lebenslänglich auf unserem Weg der Geschäftigkeit und dem Innehalten hin und her bewegen werden.

 

Quellen

Gebsattel, V. E. (1954): Prolegonema Einer Medizinischen Anthropologie. Ausgewählte Aufsätze. Berlin: Springer Verlag.

Soppa, S. (2010): Scheiternde Subjektivität. Das unglückliche Bewusstsein bei Hegel und Kierkegaard. Berlin: Logos Verlag.

Theunissen, M. (1991): Negative Theologie der Zeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. 5. Auflage.

 

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