Demokratie in der Zeitkrise: Zeit für Kreativität?

 

 

Wie man Zeit sinnvoll nutzen kann, ist eine Kunst. Und Kunst braucht sowohl Kreativität als auch Zeit. Das gilt für Otto Normalbürger ebenso wie für Politiker in der parlamentarischen Demokratie, die in der Schwebe zwischen Termindruck und langwierigen Beratungsrunden hängen. Sie sind permanenter Beschleunigung durch immer schnellere Medienrhythmen ausgesetzt. Zeitaufwendige parlamentarische und öffentliche Debatten als demokratisch legitimierte Beschlussfassung erscheinen antiquiert und stehen im Gegensatz zu dem Zeitdruck, der Abgeordneten rasche Entscheidungen abverlangt. Politische Themen und Konflikte folgen einander nicht nur in einer schnelleren Taktung, sie werden auch immer komplexer. Die Zeit, sich angemessen fachkundig mit ihnen auseinanderzusetzen, wird zur knappen Ressource – und das sowohl für Politiker als auch für die Bürgerschaft. Politische Prozesse benötigen hingegen, zwar nicht unendlich viel, aber eine unbestimmte „Zeit für Kommunikation, für Reflexion, für Distanzerfahrungen […]“ (Niesyto 2012: 49). Sie ist somit eine feste Größe politischer Prozesse, die Raum für Kreativität schafft.

Kreativität wiederum könnte man im Sinne des Psychoanalytikers Rainer Holm-Hadulla (vgl. 2007, 2011) zusammenfassend als eine intrinsische Motivation auffassen, Neues von origineller, praktischer Qualität zu schaffen. Voraussetzungen hierfür sind Neugier und ein Interesse an Selbstwertsteigerung. Das bedingt ein intaktes System von Individuen in einer fördernden Umgebung, die kreative Denkprozesse unterstützt.

Damit greift dieser Kreativitätsgedanke die Ideale demokratischer Politik auf. Denn jede Entscheidung soll qualitativ neuwertig sein und soll die Politik vor allem darin stärken, die Demokratie weiter zu entwickeln. Aus Entscheidungen, egal, ob sie sich als richtig oder falsch entpuppen, sollen demokratische Systeme lernen. Angesichts der in Mode gekommenen „alternativlosen“ Sofort-Entscheidungen scheinen aber Möglichkeiten autonomer Steuerung zu verschwinden, die „Eigenzeit der Demokratie“ (Mückenberger 2014: 5) scheint nicht mehr vorhanden zu sein und mithin scheint auch Kreativität aus der Politik verschwunden zu sein. Wer sie in der Politik in Form neuer, progressiver und origineller Denkprozesse sehen will, muss sich den Faktor Zeit genauer anschauen.

Einerseits führt der mediale Druck, dem Politiker ausgesetzt sind und der ihnen möglichst schnelle Reaktionen im Wettbewerb um Schnelligkeit und Resonanz abverlangt, zu einem problematischen Zeitverlust. Andererseits ergibt sich daraus eine Personalisierung der Politik, die Parteien und ihre Fähigkeit Diskurse zu führen in den Hintergrund der Entscheidungsfindung drängt (vgl. Meyer 2006: 86). Zusätzlich könnte man vermuten, dass der Zeitmangel politischen Akteuren dabei nicht ungelegen kommt, sodass die Mehrheitsregel bei politischen Debatten und Abstimmungen aufgrund ihres Zeitmangels zum „Durchwinken“ geradezu einlädt und zivilgesellschaftliche Beteiligung und damit neue Ideen ausschließt (vgl. Mückenberger 2014: 5).

Eine auf Partizipation angelegte demokratische Gesellschaft darf aber nicht vergessen, dass Beteiligung und Meinungsbildung nicht bedingungslos stattfindet. Nur wenn Distanz und die dazu bedingte Zeit ihnen gegeben sind, können staatliche Akteure über Optionen, und wenn dann noch etwas mehr Zeit bleibt, sogar über Innovationen, nachdenken. Wie Karl Rudolf Korte zutreffend sagt, ist Zeitknappheit ein schlechter Politikberater, denn dadurch leidet nicht nur die Qualität der Entscheidungen, sondern auch die Qualität der Kommunikation zwischen Politikern und Stimmvolk. Ich behaupte sogar, dass die Öffentlichkeit als solche an Qualität einbüßt und ihre Diskursfähigkeit tendenziell verliert.

Aus diesem Zeitdefizit bildet sich Populismus als Resonanzform gewissermaßen von allein, der dem Mangel an Zeit für Inspiration und Kreativität eine politische Gestalt gibt. „Dies gilt im Hinblick auf fehlende Handlungsalternativen [also Reduzierung der Inhalte – Anm. d. Verf.] angesichts des Zeitdrucks, aber auch bezüglich der Transparenz der Entscheidungsvorbereitung.“ (Korte 2012: 21) Mit dieser zeitsparenden Verständigung zwischen Politik und Stimmvolk geht der Inhaltsverlust politischer Projekte einher, die wiederum immer mehr auf ihre mediale Vermittlung angewiesen sind.

Doch Medien funktionieren anders als Politik, denn den Kampf um ihre Marktanteile führen sie nicht als Kampf um Inhalte, sondern um Aufmerksamkeit zur richtigen Zeit. Ihre permanente Beschallung mit dem Ziel der Aufmerksamkeit führt zunehmend zum Gegenteil, nämlich zu „Unaufmerksamkeit“ (vgl. Mückenberger 2014: 7), ein Begriff des Medienpädagogen Thorsten Lorenz. „Unaufmerksamkeit ist das Paradigma der Neuzeit“ (Lorenz 2012: 38), konstatiert er. Ohne Aufmerksamkeit ist deliberative Politik mit genügend Zeit für Kommunikation, Reflexion, Distanz und Kreativität hingegen nicht möglich. Unaufmerksamkeit „schwappt vermutlich auch in Bereiche über, die eigentlich mit Aufmerksamkeit verfolgt werden wollen.“ (Mückenberger 2014: 7) Bereiche, die populistische Parteien scheinbar als bürgernahe Meinungen artikulieren und die fragwürdige Aufmerksamkeit schaffen.

Wenn die Qualität politischer Entscheidungen abnimmt, entsteht aus dieser uninspirierten und unkreativen Politik Unzufriedenheit mit den Parteien, und es erstarken andere Formen kollektiver Identitäten – etwa nationalistische, religiöse oder ethnische Identifikationsformen. Obwohl genügend Streitthemen vorhanden sind, mangelt es Protagonisten der Politik an Zeit und Muße, sich mit ihnen wirklich demokratisch auseinanderzusetzen. Ausgerechnet da setzen Populisten an, die gewissermaßen herausgekürzte Themen aufgreifen. Sie markieren das Zeitproblem einer unkreativen Politik und reagieren auf sie, indem sie entgegen der geringen Aufmerksamkeitsspanne der Öffentlichkeit umso energischer artikulieren und sich dadurch scheinbar deutlicher positionieren. Das haben Populisten – das muss man zugeben – aus dem Kommunikationswandel durch Social Media gelernt. Was gefühlsmäßig aufwiegelt, bringt Klicks und Aufmerksamkeit. Das macht sie jedoch nicht kreativer als das politische Establishment, das sie verbal angreifen. Auch Populisten unterstehen dem Zeitdruck in der Politik. Sie haben lediglich gelernt, reflexhafter und emotionaler darauf zu reagieren, als Ventil zur Stressbewältigung sozusagen.

Kann die Wiederentdeckung der Kreativität, man könnte auch Nonkonformismus dazu sagen, in der Politik Abhilfe verschaffen, indem sie diesen Kommunikationswandel annimmt, statt sich von ihm unter Druck setzen zu lassen, um entsprechend zu handeln? Nämlich aktionistisch, populär, medial in Szene gesetzt; mithilfe der Medien, deren Aufmerksamkeitslogik sich derzeit mit dem Populismus verbrüdert? Wohl kaum, denn für demokratische Praxis scheint es riskant zu sein, sich die populistische Gestalt der Politik einzuverleiben. Riskant ist auch, dass die Bedingungen, die Populisten vorfinden, nämlich Medialisierung und Kommerzialisierung des politischen Lebens in Verbindung mit Zeitknappheit, die etablierten Parteien und die Gesellschaft als Ganze unter ein Diktat des Augenblicks und der Beliebigkeit reflexhafter Emotionen wirft. Mit Nonkonformismus hat das nichts zu tun.

„Überdies, Parteien haben es nach außen zunehmend mit Menschen zu tun, die sich oft weniger als (Staats-)Bürger denn als Kunden verstehen.“ (Walter 2009: 103) Sobald die zu Demokratiekunden verwandelten Bürger ihre Bedürfnisse äußern, erwarten sie die sofortige Bedürfnisbefriedigung durch schnelle Lösungsangebote, die auf ihre individuellen Lebensentwürfe und Vorstellungen von Selbstbestimmung eingehen. Aber für die individuelle Selbstbestimmung ist Demokratie gar nicht zuständig, weil sie keine Serviceleistung der Politik ist. In freier Selbstverfügbarkeit manifestiert der Einzelne allein seinen Selbstentwurf – und zwar mit eigener Schaffenskraft nach der Kommunikation, Reflexion und Distanz, so der Kreativitätsgedanke. Das benötigt genügend Zeit.

Eine Möglichkeit Zeit für kreative Denkprozesse zu schaffen, wäre auf der einen Seite Politikern und Parlamentsmitarbeitern „Zeitmanager“ zur Seite zu stellen, die ihnen die nötigen Kapazitäten verschaffen, befreit vom politischen Tagesgeschäft, gestaltend wirken zu können. Das bedingt auf der anderen Seite auch ein anderes Verständnis von Politik, das sich von der Vorstellung einer reinen „Verwaltung im Turbomodus“ löst.

Der Erkenntnisgewinn für den Umgang mit der Zeit, aber auch für den Umgang mit populistischen Strömungen, ist aus kreativer Sicht simpel: Die demokratische Auseinandersetzung in, unter und durch Parteien ist auf die Beteiligung durch ihre Wähler zwingend angewiesen, also müssen sie sich und ihren Wählern Zeit zum Beratschlagen, zum Denken und zum Ideenentwickeln einräumen. Darin entfaltet sich Demokratie. Umgekehrt gilt das auch für das Stimmvolk, das nicht länger Demokratiekundschaft sein kann. Nur dann verhindert die Bewältigung des politischen Lebens nach dem Kreativitätsgedanken jene unsäglichen Verkrustungstendenzen und Parteiverdrossenheit, die die eigentlichen Probleme der Parteien sind und den Nährboden populistischer Strömungen bereiten. Kreativität beschreibt dabei keinen Weg zu einer anderen Demokratieform, ist weniger Dogma als eine Mentalität Demokratie zu gestalten. Sie ist eine Bedingung für mehr Beteiligung, die eben ihre Zeit braucht. Also: Gut Ding will Weile haben! Zeit ist nicht länger Geld. Zeit ist Demokratie.

 

Quellen

Holm-Hadulla, R. M. (2007): Kreativität. Konzept und Lebensstil. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. 3. Auflage 2010.

Holm-Hadulla, R. M. (2011): Kreativität zwischen Schöpfung und Zerstörung: Konzepte aus Kulturwissenschaften, Psychologie, Neurobiologie und ihre praktischen Anwendungen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Korte, K.-R. (2012): Beschleunigte Demokratie: Entscheidungsstress als Regelfall. In: APuZ. 62. Jg. 2012/7. S. 21–26.

Meyer, T. (2006): Populismus und Medien. In: Decker, F. (Hrsg.): Populismus. Gefahr für die Demokratie oder nützliches Korrektiv? Wiesbaden: Springer VS. S. 81–96.

Mückenberger, U. (2014): Zeiten der Politik und Zeiten der Medien. In: APuZ. 64. Jg. 2014/22-23. S. 3–9.

Niesyto, H. (2012): Bildungsprozesse unter Bedingungen medialer Beschleunigung. In: Bukow, G. (Hrsg.): Raum, Zeit, Medienbildung. Untersuchungen zu medialen Veränderungen unseres Verhältnisses zu Raum und Zeit. Wiesbaden: Springer VS. S. 47–66.

Walter, F. (2009): Im Herbst der Volksparteien. Eine kleine Geschichte von Aufstieg und Rückgang politischer Massenintegration. Bielefeld: Transcript.

 

 

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