Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

 

„Werd ich zum Augenblick sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehen.“ – J. W. Goethe, Faust (1828)

 Faust kann nicht verweilen, weil er noch so viel vorhat. Er lässt den Augenblick unentwegt hinter sich, da er sich auf dem Zeitstrahl linear nach vorne bewegt. Der Mensch des 21. Jahrhunderts hingegen bewegt sich weder vorwärts noch rückwärts, sondern nur woanders hin – in zielloser Getriebenheit.

Psychische Erkrankungen, wie Depression oder Burnout, prägen das gegenwärtige Zeitalter. Ein Jahrhundert der Überlastung und Erschöpfung. Friedrich Nietzsche schrieb 1878: „Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Tätigen, das heißt die Ruhelosen, mehr gegolten.“ (Nietzsche 1878: 282) Der Mensch sucht unentwegt nach Zerstreuung, es gibt keine Stunde Null, kein Aufatmen.

Ein kurzer Auszug aus „Momo“ (1973) von Michael Ende soll die weitere Problemstellung veranschaulichen. Dem Friseur Herr Fusi bereitet seine Arbeit eigentlich großes Vergnügen. Dennoch wird er von den Gedanken gequält:

„Mein Leben geht so dahin, mit Scherengeklapper und Geschwätz und Seifenschaum. Was habe ich eigentlich von meinem Dasein? Und wenn ich einmal tot bin, wird es sein, als hätte man mich nie gegeben. […] Mein ganzes Leben ist verfehlt. Wer bin ich schon? Ein kleiner Friseur, das ist aus mir geworden. Wenn ich das richtige Leben führen könnte, dann wäre ich ein ganz anderer Mensch!“ (Ende 1973: 58)

Wie genau dieses „richtige“ Leben auszusehen hatte, weiß er allerdings auch nicht. Er stellt sich einfach etwas Bedeutendes und Luxuriöses darunter vor.

„Aber für so etwas lässt mir meine Arbeit keine Zeit. Denn für das richtige Leben muss man Zeit haben. Man muss frei sein.“ (Ende 1973: 58)

Hier wird ein Dilemma dargestellt, das repräsentativ für das Denken der heutigen Zeit ist: Besser, schneller, effizienter. Aber vor allem: Anders.

Weshalb aber nutzen wir unsere Zeit nicht so, wie sie uns gegeben wird? Herr Fusi ist doch eigentlich zufrieden. Welche Zeit denkt er zu verlieren? Warum dieses ständige Gefühl von Zeitverschwendung?

 

 

„Zeit ist kostbar, verliere sie nicht!“

Der Mensch hat grundsätzlich mehr Vorhaben als Zeit, sie zu realisieren. Auf der ständigen Jagd nach Ereignissen ohne konkretes Ziel, ist der Mensch unfähig geworden, im Augenblick zu verweilen. Er hetzt von einer angeblichen Dringlichkeit zur nächsten, ohne sich ansatzweise wohl zu fühlen. „Wir leben heute in einer Welt, die sehr arm ist an Unterbrechungen, arm an Zwischen und Zwischen-Zeiten. Die Beschleunigung schafft jede Zwischen-Zeit ab.“ (Han 2010: 43)

Zeit bewirkt, dass wir einen schmalen Streifen Gegenwart bewohnen, das „Nicht-Mehr“ der Vergangenheit und das „Noch-Nicht“ der Zukunft (vgl. Safranski 2015: 11). Aber gibt es einen Augenblick? Denn beginnt man über ihn nachzudenken, ist er im nächsten Moment schon Vergangenheit.

Roberto Simanowski, Professor für Digital Media Studies und Digital Humanities in Honkong, beschäftigt sich in einer Sammlung von Essays mit der Fragestellung der kulturellen Folgen technologischer Entwicklungen und in diesem Zusammenhang auch mit der „Lu/ast des Augenblicks“: Es gibt eine doppelte Ignoranz gegenüber dem Augenblick, so Simanowski. „Man entflieht ihm, wenn man ihn aufnimmt, und man kehrt zumeist nie wieder zu ihm zurück.“ (Simanowski 2017: 42) Es gibt keine Dia-Vorträge mehr bei den Großeltern auf dem Sofa, der Esstisch nach dem Weihnachtsessen ist nicht länger von Fotos geschmückt. Denn wer hat noch Zeit, sich all die Bilder anzusehen, deren Aufnahme einst so wichtig erschien?

Beispielhaft hierfür ist die Smartphone-App „Snapchat“, ein Instant-Messaging-Dienst. Hier können Fotos und Videos an Snapchat-Freunde versendet werden; allerdings sind die Dateien nur wenige Sekunden sichtbar, bevor sie sich selbst zerstören. Mit anderen Worten: Der erlebte Moment wird nicht einmal im Festhalten aufbewahrt. Demnach die Technologie für das Denken unserer Zeit. Wir fühlen uns geborgen im sozialen Raum der digitalen Medien, ohne Zukunft, ohne Vergangenheit, aber auch nicht so richtig in der Gegenwart. (vgl. Simanowski 2017: 43)

Man könnte auch von einer Flucht vor der Zeit sprechen: Sich selbst zeitlich zu erfahren, bedeutet, viele Möglichkeiten zu haben und Entscheidungen zu treffen. Trifft man die eine Entscheidung, verliert man gegebenenfalls die andere. „Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, ich komme nur so selten dazu“, so scheint es auch Herrn Fusi zu gehen.

„Mach mehr aus deinem Leben, spare Zeit!“

Wir nötigen uns selbst, ständig an Zeit zu denken. Wie man sie optimal nutzt, wo man sie sparen kann und ob man sie jemandem schenken darf. Es mangelt definitiv nicht an Methoden, seine Zeit „vernünftig“ zu gestalten und es fehlt auch nicht an Ratgebern, die lehren, Prioritäten zu setzen, „Nein“ zu sagen und multitaskingfähig zu werden. Genau diese Art der Reflexion über optimale Zeitnutzung suggeriert das Gefühl der Zeitverschwendung. Bei dem Versuch, über die Zeit zu triumphieren, geraten wir vollständig unter die Herrschaft der Zeit (vgl. Safranski 2015: 183). Mit dem Ziel, möglichst viel Zeit zu gewinnen, verlieren wir den Augenblick und damit uns selbst. Anders verhält es sich mit dem Vergessen der Zeit. Hingabe an etwas oder an jemanden bewirkt, dass wir die Zeit vergessen. Man verliert sich in Musik, Kunst, in der Natur oder in einem guten Buch: Die Zeit steht still. Und damit vergisst man auch sich selbst. Seine Ängste, Sorgen, Bedürfnisse, Interessen und Pflichten. Man verweilt bei einer Sache oder einer Person und beschäftigt sich eben nicht mit der Frage, was Nützliches dabei herumkommen kann. Die Zeit vergeht dabei wie im Fluge und es scheinen genau diese dichten Augenblicke des Verweilens und der Hingabe zu sein, die das zeitweilige Gefühl von Zeitlosigkeit vermitteln (vgl. Safranski 2015: 229f.).

Jeder Mensch weiß letztlich, was ihn hetzt, was ihm Zeit „stiehlt“, wie er sie besser genießen und verwenden kann. Der Augenblick im 21. Jahrhundert scheint kein Moment der Selbsterfahrung zu sein, kein Moment des Genusses. Aber Erlebnisse implizieren eine hegemoniale Verpflichtung, sie auch tatsächlich zu erfahren. Sie fordern Präsenz. Wir haben nicht unsere Pflicht getan, wenn wir auf einer Reise ein Souvenir mitbringen oder Fotos auf Instagram teilen. Erlebnisse können nicht gesammelt werden, es gibt keine Liste, die es abzuhaken gilt. Wieso lassen wir uns trotzdem immer wieder von den altbekannten, objektiven Zwängen dominieren?

Es bedarf einer neuen Form der Aufmerksamkeit, denn Gelassenheit kann – und soll – geübt werden. Weder Gorbatschow, Mephisto oder die grauen Herren haben es verstanden: Wer zu spät kommt, lebt im Augenblick.

 

Quellen

Ende, M. (1973): Momo. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1988.

Goethe, J. W. (1828): Faust. Der Tragödie Erster Teil. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1986.

Han, B.-C. (2010): Müdigkeitsgesellschaft. Berlin: Matthes und Seitz. 11. Auflage 2015.

Nietzsche, F. (1878): Menschliches Allzumenschliches. Die moderne Unruhe. In: Friedrich Nietzsche. Gesammelte Werke. Bindlach: Gondrom 2005. S. 185-355.

Safranski, R. (2015): Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen. Frankfurt am Main: Büchergilde Gutenberg.

Simanowski, R. (2017): Abfall. Das alternative ABC der neuen Medien. Berlin: Matthes und Seitz.

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