Leb‘ langsam – Jetzt erst recht! Entschleunigung als Gegentrend?​

 

Eine Auszeit nehmen, kurz durchatmen, Slow Life. Diese und viele weitere Ausdrücke deuten darauf hin, dass die Entschleunigung bereits tief im Wortschatz unserer Sprache verankert ist. Und da Sprache bekanntlich einen wesentlichen Teil der Kultur ausmacht, erscheint es sinnvoll, das Phänomen der Entschleunigung genauer zu betrachten und auf Gründe für die Entstehung dieser Bewegung einzugehen.

Ob in der Wissensgenerierung, der Technik, der Kommunikation, dem Entertainment oder dem Finanzwesen: Auf den ersten Blick entsteht der Eindruck, dass es in allen Bereichen des Lebens immer schneller zugeht und immer schwieriger wird, mitzuhalten. Aber auf welche Arten und Bereiche der Beschleunigung reagiert der Entschleunigungstrend?

Modernity is about the acceleration of time.“ (Conrad 1999: 9)

Denken wir bei Beschleunigung im gesellschaftlichen Kontext heute an ständige Erreichbarkeit im Beruf und im Privaten durch Soziale Medien, wurde der erste große Beschleunigungsschub schon durch die industrielle Revolution ausgelöst. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts lassen sich Revolutionen in Transport (Eisenbahn, Automobil, Flugzeug), Telekommunikation (Telefon und aktuell digitale Revolution), Produktion, Medizin und Wissenschaft, aber auch in Politik (von der Monarchie zur Demokratie), Kunst und Musik beobachten. Nicht umsonst stellt für den Autor Peter Conrad die Beschleunigung der Zeit die Hauptcharakteristik der Moderne dar.

Eine differenziertere Betrachtung der Beschleunigung nimmt der Soziologe Hartmut Rosa vor, indem er drei Bereiche ebendieser definiert. Dazu zählt neben der bereits erwähnten „technischen Beschleunigung“ (Rosa 2005: 115) die „Beschleunigung des Lebenstempos“. Das heißt vor allem die „Steigerung der Handlungs- und Erlebnisepisoden pro Zeiteinheit“ (Rosa 2005: 11), also zum Beispiel Multitasking-Fähigkeiten und steigender Zeitdruck (vgl. Rosa 2005: 136f.). Als dritten Bereich führt Rosa die „Beschleunigung der sozialen und kulturellen Veränderungsrate“ (Rosa 2005: 16) an. In diese bezieht er beispielsweise die immer schneller wechselnden Parteiprogramme oder die rasante Verbreitung von technologischen Errungenschaften und Erfindungen ein (vgl. Rosa 2005: 129f.).

Für jeden dieser drei Bereiche lassen sich zahlreiche Beispiele finden. Paradoxerweise wirken aber unterschiedliche Arten der Beschleunigung entgegengesetzt. So bewirkt die technische Beschleunigung durch ihre zeitsparenden Erfindungen in erster Linie eine Entschleunigung des Lebenstempos. In der Wirtschaft bewirkt die Aufhebung von festen Arbeitszeiten und die durch das Home-Office vorangetriebene Vermischung von Freizeit und Arbeit letztlich eine ökonomische Effizienzsteigerung. Stau, Depression und Wartezeit sind ungewollte Nebeneffekte des beschleunigten Lebensstils (vgl. Rosa 2005: 144). Der Ausruf „Alles wird schneller“ scheint also trotz gegensätzlicher Wahrnehmung falsch.

Es bleibt jedoch die Frage offen, warum in unserer Gesellschaft der Begriff der Entschleunigung trotzdem ein so wichtiger zu sein scheint.

Grund dafür ist sicherlich zu einem großen Anteil das kapitalistische System, ausgerichtet auf Effizienzsteigerung und funktionierend nach dem Prinzip „Zeit ist Geld“. Wer im wirtschaftlichen, beruflichen und politischen Alltag bewusst aussetzt oder abgehängt wird, zum Beispiel durch technologische Neuerungen oder sich ändernde soziale Normen, findet, wenn überhaupt, nur mit großer Mühe zurück in das System.

Die Beschleunigung wirkt sich außerdem auf den einschätzbaren Zeithorizont aus, der mit steigender Veränderungsrate immer kürzer wird. Da die individuelle Zukunftsplanung abhängig ist von Stabilität und Vorhersagbarkeit, diese aber nur noch geringfügig gegeben ist, fühlen sich viele Menschen hilflos und von den sich stetig schneller verändernden Gegebenheiten überrannt und abgehängt. Langfristige Planung wird schwieriger. Dauer, Sequenz und Tempo von Beruf, Ehrenamt und Freizeitbeschäftigung werden flexibler und kürzer gestaltet. Festlegen will sich auf lange Sicht fast niemand mehr.

Doch anstatt komplett mit den gesellschaftlichen Normen zu brechen und den totalen und konsequenten Schnitt zu machen, der für einen Großteil den Ausstieg aus der Gesellschaft bedeuten würde, flüchten sich viele Menschen in das zeitweilige Entschleunigungsangebot.

Beispielhaft dafür ist die Neuauflage des Nokia 3310, das ultimative Retro-Handy, der jährliche Mal- und Zeichenbedarfsabsatz von über 45 Millionen Euro (vgl. Stock: 2017), die zahlreichen Meditationskurse, das Urlaubmachen im Kloster oder die App, die den Internetzugang stündlich blockiert. Der Großteil dieser kommerziellen Angebote, die für persönliche Entschleunigung werben, zielt oft auf das Gegenteil der Langsamkeit ab. Mal kurz abschalten, meditieren, in sich hinein hören und die Welt um sich herum ausblenden, um anschließend mit vollen Akkus, mehr Konzentration und noch höherem Leistungsvermögen wieder in den Rhythmus des Lebens einzusteigen. Um dann richtig durchzustarten, konkurrenzfähig zu bleiben und produktiv zu sein.

Und so findet trotz Slow Living-Bewegungen und Rückkehr zu analogen Geräten kein wirkliches gesellschaftliches Umdenken statt. Wer nicht im Stress ist, hat sich zu rechtfertigen. Wer seine freie Zeit nicht optimal füllt und nutzt, verpasst etwas. Wer sich nicht an die Zeit- und Kommunikationsnormen, beispielsweise Deadlines, hält, dem drohen Sanktionen.

Neben individueller Zeitwahrnehmung schlagen sich die Auswirkungen gesellschaftlicher Beschleunigung aber letztlich auch in der Politik nieder. Gegner des beschleunigten, sozialen Wandels gewinnen in hochentwickelten und in der Beschleunigungsspirale gefangenen Ländern an Zulauf.

Beschleunigungsvorgänge, die auf den ersten Blick vor allem durch technologische Entwicklungen sichtbar werden, lassen sich also auch in der Gesellschaft und dort insbesondere in Politik, Beruf und die Veränderung sozialer Normen beobachten. Zwar bietet die Beschleunigung sicherlich einige Chancen im Hinblick auf die Weiterentwicklung von Technik und Gesellschaft, lässt aber auch viele Menschen auf der Strecke, die sich überfordert und abgehängt fühlen oder den sozialen Wandel nicht mittragen möchten. Als Reaktion auf den Beschleunigungszwang beschränkt sich das Angebot zur Entschleunigung jedoch hauptsächlich auf die individuelle, kurze Auszeit und bietet keine wirkliche gesellschaftsfähige Alternative zum immer schneller werdenden Lebenstempo. Gesellschaftliche Beschleunigungsvorgänge sind schon jetzt so weit akzeptiert, dass (mit Ausnahme des politischen Widerstands gegenüber dem sozialen Wandel) durch den Trend der Entschleunigung keine grundlegende Veränderung der beschleunigten Lebensverhältnisse angestrebt wird.

Quellen

Rosa, H. (2005): Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstruktur in der Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp. 10. Auflage 2015.

Conrad, P. (1999): Modern Times and Modern Places. How Life and Art were Transformed in a Century of Revolution, Innovation and Radical Change. New York: Knopf.

Stock, U. (2017): Endlich offline. Raus aus der Cyberwelt, rein ins wirkliche Leben. Auf einmal sind Malbücher, Brettspiele und Gartenarbeit wieder modern. In: Die Zeit. 72. Jg. 2017/16. S.22.

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